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Vernunft und Offenbarung in der jüdischen Tradition, Philon von Alexandria

 
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kereng
BABYMETAL-Fan



Anmeldungsdatum: 12.12.2006
Beiträge: 2367
Wohnort: Hamburg

Beitrag(#2134631) Verfasst am: 14.05.2018, 21:26    Titel: Vernunft und Offenbarung in der jüdischen Tradition, Philon von Alexandria Antworten mit Zitat

Ich habe mir heute mal wieder im Programm öffentlicher Vorträge der Uni Hamburg einen Vortrag aus der Reihe "Vernunft und Offenbarung in der jüdischen Tradition" angehört. Der erste Vortrag von Prof. Dr. Giuseppe Veltri war schon inhaltlich schwach gewesen und sprachlich kaum zu verstehen.

Diesmal war es nur wenig besser. Dr. des. Zeev Strauss (Institut für Jüdische Philosophie und Religion, Universität Hamburg) sprach über den Offenbarungsbegriff des Philon von Alexandria: "Wenn die Offenbarung selbst die hypostasierte Vernunft Gottes ist". Dr. Strauss bezeichnete Philon durchweg als "Philosoph", aber aus den Zitaten ging hervor, dass Philon ein Theologe und ein Apologet war.

Philon war Jude, konnte aber wohl kaum Hebräisch und benutzte die Septuaginta, die er als göttlich offenbarte und somit unfehlbare Übersetzung ansah, oder eben nicht als Übersetzung, sondern als dem Original gleichwertig. Dr. Strauss hielt es nicht für nötig, darauf hinzuweisen, dass Philon da falsch lag.

Philon war stark platonisch beeinflusst und sein Gottesbegriff passte nicht zum Text der Torah. Da er den Text akzeptierte, musste er abenteuerliche Phantasien bemühen, um die Widersprüche aufzulösen. Wenn Philon falsche Glaubensinhalte logisch korrekt aus falschen Prämissen ableitete, nannte Dr. Strauss das anerkennend "folgerichtig, was seine Prämissen anbelangt".

Die Szene, wo Gott auf den Berg Sinai kommt und zu Moses (und anderen?) spricht, passte Philon gar nicht ins Konzept, weil sein Gott immer und überall ist und nicht irgendwo hingehen kann. Und sprechen dürfte Gott nach Philons Vorstellung auch nicht. Philon erfand also einen Schöpfungsakt (denn das darf Gott ja), in dem Gott erst Feuer in der Luft macht und dann Schall, und dann vergisst Philon diese Idee und behauptet, die Stimme sei nicht in den Ohren, sondern direkt in den Seelen der Zuhörer erklungen, und dabei noch besonders schön und eindringlich gewesen.

Machen Philosophen das so: irgendwas erfinden, wenn sie mit einem Widerspruch konfrontiert werden?

In der Fragerunde wollte ich wissen, was Philon zu der Szene gesagt hat, wo Adam und Eva vom verboteten Baum gegessen hatten und Gott durch den Garten geht und ruft: "Adam, wo bist du?". Das, antwortete Dr. Strauss, habe Philon natürlich als allegorische Erzählung erkannt. Dann hätte ich gerne gefragt, warum es Philon nicht gelungen sei, auch die Sinai-Erzählung als Märchen zu erkennen, aber unter 30 Zuhöreren wollte ich die Veranstaltung nicht an mich reißen.

Mich hatte eigentlich interessiert, wo bei Philon, der ein Zeitgenosse von Jesus war, wenn Jesus wirklich lebte, Parallelen zum Christentum vorkommen. Richard Carrier hatte Philon ja deswegen erwähnt. Eine unerwartete Parallene war Philons (positive) Beschreibung einer Sekte, die "Therapeuten" genannt wurde und alte Jungfrauen als Gelehrte akzeptierte. Diese Jungfrauen seien nämlich von Gott mit der Offenbarung befruchtet worden.

Eine andere Parallele, bzw. ein Merkmal des damaligen Zeitgeistes, ist die Frage, ob der jüdische Gott bzw. Christus für alle da ist. Das soll ja ein Streitpunkt zwischen Paulus und den Jüngern gewesen sein. Philons ganz allgemeiner ortsloser Gott kann ja eigentlich auch kein auserwähltes Volk haben, aber davon wollte sich Philon nicht ganz lösen.


In einer Universität hätte ich unter dem Titel "Vernunft und Offenbarung in der jüdischen Tradition" etwas mehr Vernunft und weniger Offenbarung erwartet. Das Wort "Vernunftseele" kam zwar hundertmal vor, aber es blieb bei der akustischen Anwesenheit.
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Beiträge: 21071
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Beitrag(#2134655) Verfasst am: 15.05.2018, 09:25    Titel: Antworten mit Zitat

Danke für diese ausführliche Darstellung.
Zitat:
Dann hätte ich gerne gefragt, warum es Philon nicht gelungen sei, auch die Sinai-Erzählung als Märchen zu erkennen, aber unter 30 Zuhöreren wollte ich die Veranstaltung nicht an mich reißen.

Aber diese Hemmungen solltest Du nicht haben. Wenn Deine Fragen doof sind, wird man einen Weg finden, das abzukürzen, wenn nicht, hat der Rest genauso viel von den Antworten darauf wie Du.
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