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Wissenschaft/Philosophie und Islam geschichtlich

 
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Chinasky
dirty ol' man



Anmeldungsdatum: 27.03.2006
Beiträge: 1202
Wohnort: Wuppertal

Beitrag(#2069247) Verfasst am: 22.09.2016, 17:37    Titel: Wissenschaft/Philosophie und Islam geschichtlich Antworten mit Zitat

Hallo!
In diesem Video kommt Neil de Grasse Tyson ungefähr bei 43:00 auf Abū Hāmid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazālī zu sprechen. Er bringt ihn als so eine Art Analogie-Argument bezogen auf die heutige Situation in den USA, in denen er wohl eine Bedrohung der Wissenschaft/des intellektuellen Niveaus durch die Religion (bzw. den Kreationismus) ausmacht. Mit dem Thema, bzw. der Frage, warum der Islam, oder, besser: die islamische Welt gegen Ende des Mittelalters ihre wissenschaftliche Vorreiterrolle verlor, hab ich mich bislang nie beschäftigt, aber eigentlich finde ich sie interessant.

Nun meine Frage: Kennt einer von Euch eine kompakte und auch für Laien verständliche Übersicht über den Islam, bzw. die islamische Welt und ihr Verhältnis zur (Natur-) Wissenschaft, in welcher auch auf diese spezielle Frage (warum, bzw. wie die Führungsrolle irgendwann verloren ging) eingegangen wird? Schön wäre freilich eine frei im Web zugängliche Darstellung, aber gegebenenfalls werde ich mir auch mal wieder ein Buch zu Gemüte führen. Smilie
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Standpunkt
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Anmeldungsdatum: 22.12.2009
Beiträge: 168
Wohnort: Chattischer Bibelgürtel

Beitrag(#2069270) Verfasst am: 22.09.2016, 19:05    Titel: Re: Wissenschaft/Philosophie und Islam geschichtlich Antworten mit Zitat

Chinasky hat folgendes geschrieben:
Hallo!
In diesem Video kommt Neil de Grasse Tyson ungefähr bei 43:00 auf Abū Hāmid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazālī zu sprechen. Er bringt ihn als so eine Art Analogie-Argument bezogen auf die heutige Situation in den USA, in denen er wohl eine Bedrohung der Wissenschaft/des intellektuellen Niveaus durch die Religion (bzw. den Kreationismus) ausmacht. Mit dem Thema, bzw. der Frage, warum der Islam, oder, besser: die islamische Welt gegen Ende des Mittelalters ihre wissenschaftliche Vorreiterrolle verlor, hab ich mich bislang nie beschäftigt, aber eigentlich finde ich sie interessant.

Nun meine Frage: Kennt einer von Euch eine kompakte und auch für Laien verständliche Übersicht über den Islam, bzw. die islamische Welt und ihr Verhältnis zur (Natur-) Wissenschaft, in welcher auch auf diese spezielle Frage (warum, bzw. wie die Führungsrolle irgendwann verloren ging) eingegangen wird? Schön wäre freilich eine frei im Web zugängliche Darstellung, aber gegebenenfalls werde ich mir auch mal wieder ein Buch zu Gemüte führen. Smilie


Johann Christoph Bürgel,
Allmacht und Mächtigkeit, Religion und Welt im Islam, 416 S. Geschockt, München 1991
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Chinasky
dirty ol' man



Anmeldungsdatum: 27.03.2006
Beiträge: 1202
Wohnort: Wuppertal

Beitrag(#2069327) Verfasst am: 23.09.2016, 02:36    Titel: Re: Wissenschaft/Philosophie und Islam geschichtlich Antworten mit Zitat

Standpunkt hat folgendes geschrieben:


Johann Christoph Bürgel,
Allmacht und Mächtigkeit, Religion und Welt im Islam, 416 S. Geschockt, München 1991


Danke für den Tipp, hab's gleich mal bestellt (wird ja nur noch gebraucht angeboten, soll mir aber auch recht sein. Smilie )
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smallie
monkey business!?



Anmeldungsdatum: 02.04.2010
Beiträge: 1920

Beitrag(#2069437) Verfasst am: 24.09.2016, 10:26    Titel: Re: Wissenschaft/Philosophie und Islam geschichtlich Antworten mit Zitat

Chinasky hat folgendes geschrieben:
Mit dem Thema, bzw. der Frage, warum der Islam, oder, besser: die islamische Welt gegen Ende des Mittelalters ihre wissenschaftliche Vorreiterrolle verlor, hab ich mich bislang nie beschäftigt, aber eigentlich finde ich sie interessant.

Zwei Dinge fallen mir dazu ein.


Erstens:

Neil de Grasse Tyson nennt 800 - 1100 als Blütezeit. Da würde ich schon noch gut 100 Jahre hinzugeben, aber egal. Er nennt Bagdad als intellektuelles Zentrum der arabischen Welt. Passt. Alexandria wäre auch noch zu nennen und das maurische Spanien, Toledo, vielleicht auch Cordoba.

Was de Grasse Tyson nicht erwähnt: Anfang 1200 wurden das maurische Spanien von den Christen zurückerobert. Einige Jahrzehnte später wurde Bagdad von den Mongolen erobert und geschleift.

Ibn Khaldun hat die Ereignisse damals zu einer Art "Geschichtstheorie" verarbeitet. Er sagt: Hochkulturen entstehen, wenn in einem fruchtbaren Land Nahrungsüberschuß herrscht. Dadurch wird es möglich, daß einige sich der Verwaltung, der Technik, der Kunst oder der Gelehrsamkeit widmen. Nach einiger Zeit verstädtert und verweichlicht die Bevölkerung. Einem Barbareneinfall - Franken oder Mongolen - kann diese verstädterte Kultur nicht mehr standhalten.

In seinem Werk sollten sich einige gute, historische Hinweise auf die Eingangsfrage finden lassen. Beim Umfang des Werkes dürfte das aber mit einiger Arbeit verbunden sein. Einstiegspunkt: Muqaddimah



Zweitens:

"Wissenschaft", besser Naturphilosophie, wurde zur arabisch/islamischen Blütezeit von vielen Gelehrten als Weg der Gotteserkenntnis gesehen. In Arabien kam dann aber verstärkt eine mystische Sicht des Islam auf, die die schnöde Welterkenntnis als unwesentlich für die geistig/religiösen Entwicklung ansah.

Das geht wohl in die Richtung die Tyson mit al-Ghazālī anspricht.
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smallie
monkey business!?



Anmeldungsdatum: 02.04.2010
Beiträge: 1920

Beitrag(#2069687) Verfasst am: 25.09.2016, 21:42    Titel: Re: Wissenschaft/Philosophie und Islam geschichtlich Antworten mit Zitat

Chinasky hat folgendes geschrieben:
In diesem Video kommt Neil de Grasse Tyson ungefähr bei 43:00 auf Abū Hāmid Muhammad ibn Muhammad al-Ghazālī zu sprechen. Er bringt ihn als so eine Art Analogie-Argument bezogen auf die heutige Situation in den USA, in denen er wohl eine Bedrohung der Wissenschaft/des intellektuellen Niveaus durch die Religion (bzw. den Kreationismus) ausmacht.

Eine knappe Stunde des Videos habe ich gesehen.

Das Interview fand ich als Einstimmung oder Einleitung ganz gut, wenn auch wenig aufregend. Beim Satz, daß Schüler und Studenten ihr Wissen in Tests nur hochwürgen, statt echtes Verständnis zu zeigen, mußte ich schmunzeln. Den Vortrag fand ich unterhaltsam. Besonders gefallen hat mir der Bogen, den er von Ptolemäus über Galilei, Newton bis zu Huyghens zieht - von allen bringt Tyson Zitate, die heute unter Intelligent Design fallen würden.


Tysons These über al-Ghazali halte ich für falsch. Ghazali (1058 - 1111) war nicht das sofortige Ende der arabisch-islamischen Gelehrsamkeit.

Auf sein Werk über die "Inkohärenz der Philosophie" antwortete Ibn Rushd (Averroes) (1126–1198) mit "Die Inkoheränz der Inkoheränz."

Oder:

smallie hat folgendes geschrieben:
- Die erste korrekte Erklärung des Regenbogens durch Kamāl al-Dīn al-Fārisī (1267–1319). Die deutsche Wikipedia kennt ihn nicht einmal. Etwa zeitgleich und unabhängig zu Dietrich von Freiberg in Europa gefunden. Wiki: Rainbow


- Tusi couple

Ein besonders interessanter Fall. Al-Tusi hat 1247 eine Zykloiden-Bewegung als Verbesserung des Ptolemäischen Systems vorgeschlagen. Kopernikus nutzte später die gleiche Idee. Manche Autoren behaupten, Kopernikus Zeichnungen sähen denen Tusis verblüffend ähnlich - zu ähnlich, um Zufall zu sein. Siehe: Whose Science is Arabic Science in Renaissance Europe?

Zitat:

Tusi's diagram of the Tusi couple

http://en.wikipedia.org/wiki/Tusi-couple


Hier das corpus delicti, das missing link, wie Kopernikus von der Sache gewußt haben könnte. Damit sind wir schon um etwa 1430.





Laut Tyson soll Ghazali gesagt haben, Mathematik sei Teufelszeug. Diese Stelle bei Ghazali konnte ich nirgends finden, dafür aber anderes. Fazit: Tyson stellt den Ansatz von Ghazali falsch dar. Ghazali ging es nicht darum, Wissen zu unterdrücken, er hielt es nur unbedeutend für die Fragen, die ihn interessierten. Ghazali schreibt:

Zitat:
[Über Sonnen- und Mondfinsternisse]

Wir haben kein Interesse daran, solche Theorien zu widerlegen, denn die Widerlegung wäre sinnlos. Wer denkt, es sei seine religiöse Pflicht diese Dinge nicht zu glauben, der tut der Religion unrecht und schwächt ihre Aussage. Denn diese Dinge sind durch astronomische und mathematische Belege bestätigt, die keinen Raum für Zweifel lassen. Wenn du jemandem sagst, der diese Dinge studiert hat [...] und darum eine Mond- oder Sonnenfinsternis vorhersagen kann [...] - derartiges widerspräche der Religion, dann wird deine Behauptung nur Zweifel an der Religion erzeugen, nicht aber an diesen Dingen.


We are not interested in refuting such theories either; for the refutation will serve no purpose. He who thinks that it is his religious duty to disbelieve such things is really unjust to religion, and weakens its cause. For these things have been established by astronomical and mathematical evidence which leaves no room for doubt. If you tell a man, who has studied these things — so that he has sifted all the data relating to them, and is, therefore, in a position to forecast when a lunar or a solar eclipse will take place: whether it will be total or partial ; and how long it will last — that these things are contrary to religion, your assertion will shake his faith in religion, not in these things.

http://www.ghazali.org/books/tf/Introduction.htm

Das klingt erstaunlich modern und aufgeklärt für neunhundert Jahre altes Zeug. Kreationisten klingen anders.
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göttertod
Atheist und Zweifelsäer



Anmeldungsdatum: 20.08.2004
Beiträge: 1483
Wohnort: Freiburg

Beitrag(#2069730) Verfasst am: 26.09.2016, 02:56    Titel: Antworten mit Zitat

im Studium haben wir diese zwei Philosophen verstärkt betrachtet

Averroes

und

Avicenna


ich hab mir das Video nicht angeschaut, vielleicht kommen sie ja schon darin vor... doch die zwei sind für die damalige Zeit wichtig
Da kannst du ja mal in Wiki stöbern und querlesen.
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auf dass die Bücher von "Iain Banks" Wirklichkeit werden
mmnews, DWN, The Young Turks
jede Tradition ist es wert sich an sie zu erinnern, aber nicht jede Tradition ist es wert gelebt zu werden
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Marcellinus
Outsider



Anmeldungsdatum: 27.05.2009
Beiträge: 4836

Beitrag(#2069748) Verfasst am: 26.09.2016, 10:36    Titel: Antworten mit Zitat

göttertod hat folgendes geschrieben:
im Studium haben wir diese zwei Philosophen verstärkt betrachtet

Averroes

und

Avicenna


ich hab mir das Video nicht angeschaut, vielleicht kommen sie ja schon darin vor... doch die zwei sind für die damalige Zeit wichtig
Da kannst du ja mal in Wiki stöbern und querlesen.


Ja, wichtig, aber leider nicht bestimmend.
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"Mangel an historischem Sinn ist der Erbfehler aller Philosophen ... Alles aber ist geworden;
es gibt keine ewigen Tatsachen: sowie es keine absoluten Wahrheiten gibt."

Friedrich Nietzsche
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zelig
Kultürlich



Anmeldungsdatum: 31.03.2004
Beiträge: 21145

Beitrag(#2069755) Verfasst am: 26.09.2016, 12:06    Titel: Antworten mit Zitat

Gestern bei ttt mitbekommen:
Frankopan, Licht aus dem Osten
http://www.daserste.de/information/wissen-kultur/ttt/sendung/ndr/frankopan100.html

Zwar thematisch wohl ein größerer Rahmen, hörte sich aber vielversprechend an.
Andererseits, gerade habe ich ein Buch beiseite gelegt, das so gut besprochen wurde, dann aber doch eine Enttäuschung war (Wehlings "Framing").
Also: Lektüre auf eigenens Risiko! : )
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