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John Stuart Mill / Freiheit / Wahrheit / (soziale) Nützlichkeit / Sozialstaat?

 
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Willst du eine globale Wirtschaftsordnung (und Sozialordnung), für die Lohnarbeit der unverzichtbare Grundbaustein ist?
Ja, Menschen müssen für ihr Lebensrecht und die Teilhabe arbeiten - auch wenn Maschinen die Arbeit effizienter und schneller und günstiger ausführen würden!
14%
 14%  [ 2 ]
Nein, die Menschheit hat einen zivilisatorischen Entwicklungsstand erreicht, der ein Zusammenleben ohne Lohnarbeit ermöglichen würde!
64%
 64%  [ 9 ]
Im Moment - keine Ahnung...
0%
 0%  [ 0 ]
mir egal
7%
 7%  [ 1 ]
blöde/ungünstige Frage und Antworten, besser wäre...
14%
 14%  [ 2 ]
Stimmen insgesamt : 14

Autor Nachricht
göttertod
Atheist und Zweifelsäer



Anmeldungsdatum: 20.08.2004
Beiträge: 1545
Wohnort: Freiburg

Beitrag(#1527433) Verfasst am: 27.08.2010, 13:14    Titel: John Stuart Mill / Freiheit / Wahrheit / (soziale) Nützlichkeit / Sozialstaat? Antworten mit Zitat

Einleitend ein paar erklärende Worte.

Für mein Philosophiestudium musste ich vor kurzem meine erste Hausarbeit schreiben. Das Thema war sehr interessant, doch leider habe ich erst sehr spät angefangen. Anstatt mir mehrere Wochen oder Monate dafür Zeit zu nehmen, wurde die Arbeit in einer Nacht- und Nebelaktion in vier Tagen von mir auf's Blatt gebracht.
Das schreibe ich, um die gröbsten Mängel in der Argumentation, im Gedankengang, wichtigste-beste Quellen, unwissenschaftlicher Stil, kampfstilhafter Duktus, Orthogra... und einfach alles andere, etwas abzumildern. Und ich weiß, dass ich viele Dinge extrem verkürzt dargestellt habe. Aber es geht mir (wieder mal) um das größere Ganze. Und der Grundgedanke sollte einigermaßen herausgearbeitet sein.

Ich poste es auch unter Sonstiges, weil ganz ganz ganz viel von dem was ich hier schreibe, schon von vielen anderen (oder fast allen?) hier angerissen und diskutiert wurde. Nur nicht - so meine ich - so komprimiert. Ich wünsche mir ja oft eine Zusammenfassung von vielen Threads, aber ich mach' mir die Mühe leider nicht, und von jemand anderen kann ich es natürlich auch nicht verlangen.
Ein zweiter Grund für Sonstiges ist die Länge........ sorry, aber es is' halt lang - aber dafür recht ......wichtig, lesenswert?!


Zusammengefasst geht es um: Wachstum wofür? Gene über Meme?
quasi Sozialdarwinismus, um faule Sesselpfurzer zu vermeiden vs. humanistische "Träumerei"
Umverteilung, Grundeinkommen, Sinn des Lebens?


Also vielleicht in Etappen lesen. Die Fussnoten und Links schreibe ich in Grün+{}, und den Text etwas größer (vielleicht lässt es sich dann einfacher lesen)
Und nach dem Lesen ergänzen, verbessern und meinetwegen auch kritisieren Smilie



„Welche Werkzeuge und Bausteine bietet John Stuart Mill in seinen Werken ‚On Liberty’ und ‚Utilitarianism’, um zwischen den Konzepten der ‚Sozialen Marktwirtschaft/Sozialstaat’ und ‚Wohlfahrtsstaat’ zu unterscheiden und sich zu verorten?“





"Menschen werden nicht als Menschen geboren, sondern als solche erzogen!"
Erasmus Desiderius von Rotterdam (1466-1536)

"Die Bibliotheken [Kulturen] sind das Gedächtnis der Menschheit, die Brücken aus der Vergangenheit in die Zukunft, die Grundlagen und Instrumente der wissenschaftlichen Forschung, wie der beruflichen und allgemeinen Bildung, die Stätten staats- und weltbürgerlicher Erziehung eine geistige Heimat für die suchenden Menschen unserer Tage."
Wilhelm Hoffmann (1901-1986)

"Mehr Bildung, weniger Armutsrisiko - was unter günstigen Umständen ohne Zweifel zum individuellen beruflichen Aufstieg taugt, versagt als gesellschaftliches Patentrezept.“
Christoph Butterwegge (1951- )

"Jede Politik, auf welche Ideologie sie sich sonst auch berufen mag, ist verlogen, wenn sie die Tatsache nicht anerkennt, dass es keine Vollbeschäftigung für alle mehr geben kann und dass die Lohnarbeit nicht länger der Schwerpunkt des Lebens, ja nicht einmal die hauptsächlichste Tätigkeit eines jeden bleiben kann."
André Gorz (1923-2007)



Alle vier Zitate zirkulieren offensichtlich um dieselbe Thematik: Der Mensch als soziales Wesen. Der Mensch als kulturelles Wesen. Der Mensch als Individuum, welches Teil einer Gemeinschaft, und eben durch jene auch geprägt ist.
Aus einer rein materialistischen, deterministischen und naturalistischen Betrachtung heraus, könnte man die Menschheit als Teil eines wohl sinnfreien, sich evolvierenden Universums begreifen, in dem wir durch uns selbst Struktur, Kultur und Sinn schaffen.
Wenn wir als Menschen gemeinsam Struktur, Kultur und Sinn schaffen, dann stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Prämissen für die gemeinsame Gestaltung der Gemeinschaft, des sozialen Umfeldes, in welchem wir selbst und zukünftige Generationen aufwachsen. Und dadurch auch die Frage nach dem eigenen Selbstverständnis als Individuum innerhalb der Gemeinschaft. Wer bin ich als Mensch? Was bin ich als Mensch? Warum bin ich als Mensch genau so, wie ich mich im Augenblick definiere?
Die vier Zitate handeln in einer zweiten Betrachtung auch von Wachstum, Wirtschaften, Arbeit und einer Art leistungsbezogener Definition des Zusammenlebens.
Als Zivilisation, welche im Laufe der genetischen und kulturellen Evolution verschiedenste Mechanismen für das Zusammenleben herausgebildet, wieder verworfen oder weiter entwickelt hat, findet sich die Menschheit jetzt in einer Phase ihrer Entwicklung wieder, in der sie grundlegende Weichen des Zusammenlebens neu überdenken und ausrichten muss.

Sehr verkürzt lassen sich folgende wichtige Phasen des wirtschaftlichen Fortschrittes in der Menschheitsgeschichte, und der damit auch einhergehenden, spezifischen Entwicklung des deutschen Sozialstaates, darstellen.
Es gab das Zeitalter der ersten industriellen Revolution (ab Mitte/Ende 18. Jh., Übergang von der Agrargesellschaft zur Industriegesellschaft), in der die Mechanisierung der Arbeit zu einer höheren Produktivität und Qualität führte. Gleichzeitig war aber auch die Lohnarbeit in den urbanen Fabriken der Rentabilität und dem Gewinnstreben der Unternehmer unterworfen. Die immense Masse an Arbeitssuchenden führte zu extremen Niedriglöhnen, und diese wiederum zu derart großen sozialen Spannungen, dass sich letztlich die durch Bismarck eingeführten Minimalstandards des Sozialstaates herausgebildet hatten. Der damit besiegelte Beginn der gesetzlichen Sozialversicherung, als Mitbestandteil einer Existenzsicherung, zeigte sich in einer Krankenversicherung (1883), Unfallversicherung (1884) und einer Rentenversicherung (1889), jedoch immer gekoppelt am Prinzip der Lohnarbeit. Wobei es Bismarck mit der erfolgreichen Einführung hauptsächlich nur um die Abwendung einer immer wahrscheinlicheren Revolution des Proletariats ging und um den Machterhalt der monarchisch-konservativen Kapitalelite. Keineswegs ging es ihm um eine - durch ein humanistisches Ideal getragene - steuerliche Umverteilung {1} von Reich hin zu Arm.

{1}„Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte“ - Otto von Bismarck. http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_82/DE/BMF__Startseite/Service/Glossar/S/006__Sozialversicherung.html


Die zweite industrielle Revolution (Anfang bis Mitte des 20. Jh.) war geprägt durch eine Elektrifizierung der Gesellschaft, eine verstärkt auftretende Großindustrie (vor allem die Rüstungsindustrie) und einer Rationalisierung (Fließbandarbeit) von Arbeit. Das auch in dieser Zeit stattgefundene Wirtschaftswunder der Nachkriegszeit (1950er und 1960er), sowie die politische Etablierung des eher neoliberal geprägten und vereinnahmten Begriffes „Soziale Marktwirtschaft“{2} , bewirkten in Deutschland eine Festigung des Sozialstaatskonzeptes. Dem seit der Gründung der BRD vorhandenen Sozialstaatspostulat – Grundgesetz Artikel 20 Absatz 1: „(1) Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“{3} – nachkommend, wurden in dieser Zeit eine Vielzahl von Gesetzen erlassen, welche das soziale Antlitz des Staates erweiterten.

{2}Hier sei auch an die neoliberale „Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft“ erinnert, welche vortrefflich „ein“ Gesellschaftsmodell aus Sicht vieler Arbeitgeber, Wirtschaftsverbände und Unternehmer charakterisiert. Hierauf werde ich aber später noch eingehen.
{3}http://www.gesetze-im-internet.de/gg/art_20.html



Bis zum Beginn der dritten industriellen Revolution „digitale Revolution“ (ab ca. 1975) lag die Arbeitslosenquote in Deutschland zwischen 1959 und 1974 bei durchschnittlich weit unter 3,0 %{4} , was nach heutigen arbeitsmarktpolitischen Maßstäben einer Vollbeschäftigung entsprach. Kennzeichen der „digitalen Revolution“ sind die Erfindung und massenhafte Einsetzung des Mikrochips, die Automatisierung von Arbeitsabläufen durch Roboter, die Entwicklung des Internets und weiterer, auch global einsetzbarer, Informationstechnologien, sowie bewusst angestrebte Synergieeffekte, zumeist auftretend bei der Fusionierung von Unternehmen. Die Industriegesellschaft wandelt sich in eine Dienstleistungs-/Informations-/ und Wissensgesellschaft.
Seit der dritten industriellen Revolution lässt sich in Deutschland – trotz eines fast kontinuierlich wachsenden, preisbereinigten „realen BIP“{5} – eine steigende Arbeitslosenquote

{4}http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/Zeitreihen/LangeReihen/Arbeitsmarkt/Content100/lrarb003ga,templateId=renderPrint.psml
{5}http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Statistiken/VolkswirtschaftlicheGesamtrechnungen/Inlandsprodukt/Tabellen/Volkseinkommen1950,property=file.xls


beobachten, welche im Jahre 2009 „offiziell“{6} bei 9,1 % lag. Trotz des gesamtgesellschaftlich wachsenden Wohlstandes driftet die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander. Im Jahre 2009 belief sich das wiederum wachsende Volkseinkommen in Deutschland auf über 1,8 Billionen Euro, und dem entgegen steht ein riesiger Niedriglohnsektor mit prekären Beschäftigungsverhältnissen, welcher von Jahr zu Jahr weiter wuchert. CDU/CSU, FDP, SPD und auch die Grünen wollen sich einer Systemfrage nicht stellen, und sehen sich den angeblich notwendigen und wirtschaftlich vernünftigen Sachzwängen unterworfen, welche einen seit Jahren voranschreitenden Abbau des Sozialstaates mit sich bringen.

{6} Wobei die letzten beiden Koalitionsregierungen nichts unversucht liesen, um die Statistik zu „bereinigen“. Die inoffizielle Arbeitslosenzahl liegt um ca. 35% höher als die von der BA veröffentlichte. Offizielle Arbeitslosigkeit: 3.191.800; Tatsächliche Arbeitslosigkeit im Juli 2010: 4.328.516; http://die-linke.de/politik/themen/tatsaechliche_arbeitslosigkeit/

Ein einfaches ‚Weiter so’ ist aber dem Volk durch die herrschenden Parteien kaum noch zu vermitteln. Und so stellen sich immer mehr Menschen die drängenden Fragen nach den Möglichkeiten einer Umstrukturierung und Neugestaltung des gesellschaftlichen Zusammenlebens, um soziale Errungenschaften zu bewahren und eben nicht zu roden. Ein neues Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, welches im optimalen Fall die von Karl Popper so beschworene, hochgehaltene und im Augenblick vielleicht noch bei uns manifestierte „offene Gesellschaft“ erhält oder neu erschafft. Popper umreißt diese mit folgenden Worten von Immanuel Kant: „Wage es, frei zu sein, und achte die Freiheit und die Verschiedenheit in anderen, denn die Menschenwürde liegt in der Freiheit, in der Autonomie.“{7}.

{7}Popper Karl Raimund: Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren. München: Piper Verlag GmbH, 200312, S.150.

Die Freiheit als einer der zentralen Aspekte dieser Arbeit, sowie nach Kant und Popper der Menschenwürde überhaupt. Der Begriff der Freiheit ermöglicht nun auch einen fließenden Übergang in die philosophische Welt von John Stuart Mill, der wohl wie kaum ein zweiter Denker des 19. Jh. unser aller Selbstverständnis von Individuum und Gesellschaft und deren Wechselwirkung geprägt hat. Jener Philosoph, welcher mögliche und gegenwärtig existierende, gesellschaftliche Missstände schon zu seinen Lebzeiten erkannte und Lösungsansätze bot, welche keinen günstigeren Moment ihrer Wiedererweckung erleben könnten. Da der Gegenstand dieser Arbeit seine beiden Hauptwerke „On Liberty“{8} und „Utilitarianism“{9} sind, liegt der Fokus in eben diesen. Auf welche Momente lässt sich seine Philosophie reduzieren und welche Möglichkeiten des Verständnisses, der Einflussnahme und Ausgestaltung von Funktionsweisen unserer Gesellschaft, und von uns selbst, sind damit verbunden?

{8}Mill John Stuart: On Liberty. Über die Freiheit. Stuttgart: Phillip Reclam jun. GmbH & Co., 2009
{9}Mill John Stuart: Utilitarianism. Der Utilitarismus. Stuttgart: Phillip Reclam jun. GmbH & Co., 2008


Die Titel der Werke sprechen für sich. Freiheit und Nützlichkeit. Beide Begriffe sind nach Mill elementar für die Konzeption einer gerechten Welt, was ich im Folgenden erläutern werde. Jedoch nicht ohne im Vorfeld auf einen dritten Baustein hinzuweisen, ohne den jegliches Gedankengebäude in seiner Konsistenz bedroht wäre. Es ist der Begriff der Wahrheit.
Mit der Wahrheit als eine zeitlich begrenzte und im Augenblick ihres Anspruches beste, also trotz Prüfung an der Wirklichkeit noch nicht widerlegte – aber stets der Widerlegung offerierte – Theorie, muss begonnen werden. Eine Selbstmodellierung der Welt ganz im Sinne des „sapere aude“. Ohne diesen Aspekt der Wahrheit verkommen Freiheit und Nützlichkeit im schlimmsten Fall zu hohlen Begriffshülsen, die orientierungslos und vollkommen willkürlich oder dogmatisch an der Realität vorbei gesetzt und gelebt werden. Es geht also um ein sich gegenseitig befruchtendes und rekursives Wechselspiel der drei Begriffe Freiheit, Nützlichkeit und Wahrheit. Ein Begriff bedingt und bereichert, durch seine Struktur und seinen Inhalt, den jeweils anderen {10}.
Diese Sichtweise der Verquickung der Begriffe lässt sich auch aus Mills Definition und der ganz essentiellen Fähigkeit des Menschen filtern: „I regard utility as the ultimate appeal on all ethical questions; but it must be utility in the largest sense, grounded on the permanent interests of man as a progressive being.”{11}.
‘Die Menschheit als sich entwickelndes Wesen’ – eine Möglichkeit diese Fähigkeit zur Entwicklung zu interpretieren, ist sie als biologisch-systemimmanente Fähigkeit des Menschen sich irren zu können {12} zu begreifen. Dies aufgrund der Tatsache, dass Menschen als rationale und zur Erkenntnis fähige Wesen alle Teil ein und derselben Welt sind, und sich in der permanenten Prüfung der eigenen Theorien und Modelle der objektiven Wahrheit stetig annähern können {13}.

{10}Mill, „On Liberty“, S.70. „The truth of an opinion is part of its utility.”.
{11}A.a.O., S.36.
{12}A.a.O., S.62. „He is capable of rectifying his mistakes, by discussion and experience.”.
{13}A.a.O., S.64 ff. „The steady habit of correcting and completing his own opinion by collating it with those of others, so far from causing doubt and hesitation carrying it into practice, is the only stable foundation for a just reliance on it.“.


Und wenn Mill schreibt, dass die Wahrheit, trotz Gegenwehr, immer wieder zum Vorschein tritt {14}, so liegt dies an den für uns Menschen erkennbaren Naturkonstanten und der damit einhergehenden Kausalität und Determiniertheit des für uns bisher erkennbaren Teils des Universums.
Der Determinismus spielt bei Mill zu Recht eine wichtige Rolle. So steht und fällt eine jede Konsequenz und Ethik mit dem Gedanken des freien Willens oder eben seiner Verneinung. In seinen Werken finden sich verschiedenste Stellen mit Hinweisen für Mills deterministisches Weltbild.

{14}A.a.O., S.86.

Im ersten Satz der Einleitung von „On Liberty“ weist Mill auf die ‚bürgerliche oder soziale Freiheit’ hin und distanziert sich ausdrücklich von der Betrachtung eines ‚freien Willens’ {15}. Es geht ihm somit um eine Gewährung oder Reduzierung von Umständen und Zwängen innerhalb einer Gesellschaft, die entweder von außen auf das Individuum wirken, oder vom Individuum selbst nach außen getragen werden. Weitere Hinweise finden sich beispielsweise in „Utilitarianism“, wenn Mill erklärt, dass eine ‚utilitaristische Moral’ im Sinne des allgemeinen Glücks umso stärker rückkoppelnd wirkt, wenn sie als ethische Norm anerkannt wird. Schließlich macht sich der Mensch ‚Vorstellungen’ durch die gesellschaftlichen Voraussetzungen in die er ‚hineingeboren’ ist und die ihm ‚schicksalhaft’ zufallen {16}. Des Weiteren in seiner Aufdeckung der Schwächen einer deontologischen Ethik nach Kant und dem Versuch eines Beweises einer utilitaristischen Ethik {17} mittels subjektiv geäußerten Empfindungen. Dieser Argumentationsweg mag phänomenologisch-idealistisch anmuten, wäre aber aus einer heutigen naturwissenschaftlichen, reduktionistischen und eliminativ-materialistischen Perspektive eine denkbare, konsequente und konsistente Theorie {18}.

{15}A.o.O., S.10. „The subject of this Essay is not the so-called Liberty of the Will, […], but Civil, or Social Liberty.“
{16}Mill, „Utilitarianism“, S.94. „[…] Any condition, therefore, which is essential to a state of society, becomes more and more an inseparable part of every person’s conception of the state of things which he is born into, and which is the destiny of a human being.“.
{17}A.o.O., S.17. „Whatever can be proved to be good, must be so by being shown to be a means to something admitted to be good without proof.“. Mills wissenschaftsgeschichtlich geschuldete Eingeschränktheit und gleichzeitige Weitsicht im Versuch seiner Beweisführung wird im fortlaufenden Text erklärt.
{18}Vgl. dazu Bernulf Kanitscheider: Von Lust und Freude. Frankfurt am Main: Insel Verlag, 2000, S.143. „[…] so wie es klar ist, dass Wärme, wie immer sie sich auch subjektiv anfühlt, molekulare Bewegung ist, so könnte es auch sein, dass sich Lust und Schmerz auf der fundamentalen Beschreibungsebene als biochemischer Prozess verstehen lassen. Solche Entschlüsselungen nehmen den Erlebnissen nichts von ihrer Realität und Intensität, enthüllen diese ontologisch jedoch als andersartige Entität.“; Vgl. dazu Thomas Metzinger: Eine neue Philosophie des Selbst. Von der Hirnforschung zur Bewusstseinsethik. Berlin: Berlin Verlag GmbH, 2009, S.83. „Eine Theorie – beispielsweise über unser subjektives, bewusstes Erleben – wird auf eine andere zurückgeführt – etwa über die neuronale Dynamik im Gehirn.“.


Geradezu visionär mutet sein Versuch der Konzeption einer Theorie über ein ‚Kriterium der Moral’ an, wenn er über die Empirie und die Erfahrungsevidenz zu dem Schluss kommt, dass die Regel oder Norm und das Gefühl ein und dasselbe sind: „to think of an object as desirable (unless for the sake of its consequences), and to think of it as pleasant, are one and the same thing; and that to desire anything, except in proportion as the idea of it is pleasant, is a physical and metaphysical impossibility.“.
Gleichsam auch ein deterministisches Weltbild ermöglichend, wäre seine Interpretation der Empathie (und gewissermaßen der Spiegelneuronen){19}. Dieser Fokus auf ein deterministisches Weltbild bei Mill fließt später entscheidend in die Auswahl zwischen Sozialstaates und Wohlfahrtsstaat mit ein. Denn gerade wenn man von einer, durch Kausalität verursachten, theoretischen Unfreiheit des Menschseins ausgeht, aber auch von einer gleichzeitigen im Menschsein angelegten kognitiven Fähigkeit der objektiven Wahrheit näher kommen zu können, erschließt sich die unabweisbare Wichtigkeit der gelebten, gewährten und geförderten, gesellschaftlichen wie individuellen, immer wieder einer Prüfung zu unterziehenden, praktischen Freiheit der Handlungen, der Worte und der Gedanken{20}. Denn aus der praktisch gewährten Freiheit generiert sich Diversität{21} und die Möglichkeit der Kreativität{22}, und für beides muss man auch um der Wahrheit willen dankbar{23} sein.

{19}Mill, „Utilitarianism“, S.90. „If there be anything innate in he matter, I see no reason why the feeling which is innate should not be that of regard to the pleasures and pains of others.“; S.94. „This firm foundation is that of the social feelings of mankind; the desire to be in unity with our fellow creatures, which is already a powerful principle in human nature, and happily one of those which tend to become stronger, even without express inculcation, from the influences of advancing civilization.“; S.158. „to include all persons, by the human capacity of enlarged sympathy, and the human conception of intelligent self-interest.“
{20}Mill, „On Liberty“, S.36. „But as soon as mankind have attained the capacity of being guided to their own improvement by conviction or persuasion […], compulsion, either in the direct form or in that of pains and penalties for non-compliance, is no longer admissible as a means to their own good, and justifiable only for the security of others.“; S.40. „This, then, is the appropriate region of human liberty. It comprises, first, the inward domain of consciousness; demanding liberty of conscience, in the most comprehensive sense; liberty of thought and feeling; absolute freedom of opinion and sentiment on all subjects, practical or speculative, scientific, moral, or theological. The liberty of expressing and publishing opinions […] is practically inseparable from [the liberty of thought].“.
{21}A.a.O., S.160ff.
{22}A.a.O., S.182ff. Hier sei auf vor allem auf das Genie hingewiesen.
{23}A.a.O., S.130. „[…] let us thank them […]“.


Praktische Freiheit kann nur bedeuten, frei sein von äußeren Zwängen. Also ein individuelles Handeln, welches rein von inneren Determinanten bestimmt ist.
Die von Mill gewünschte Handlungsrichtlinie dieser praktischen Freiheit des bereits entwickelten Individuums speist sich aus ‚dem gefestigte[n] Willen zum Guten’{24} und des ‚edlen Charakters’{25}, welche über die ganze Periode der Menschheitsgeschichte hinweg gesellschaftlich erlernt wurden{26}. Hier stellt sich selbstverständlich die Frage nach den Kriterien des „to do right“ und „nobleness of character“, was uns zum letzten großen Eckpfeiler der millschen Philosophie führt – der Nützlichkeit.

{24}Mill, „Utilitarianism“, S.120. „[…] the person who has a confirmed will to do right, […]“.
{25}A.a.O., S.36. „[…] the general cultivation of nobleness of character […]“.
{26}A.a.O., S.70. „[…] the whole past duration of the human species. During all that time mankind have been learning by experience the tendencies of actions; on which experience all the prudence, as well as all the morality of life, is dependent.“


Der Utilitarismus oder das ‚Prinzip des größten Glücks’ (Hedonismus) als Grundlage der Moral und des menschlichen Handelns. Moralisch richtige Handlungen sind jene, die ein größtmögliches Maß an Lust und Freude{27} und ein geringstmögliches Maß an Unlust und Schmerz verursachen, und dies für so viele Menschen wie möglich (und wenn umsetzbar ‚für die gesamte fühlende Natur’){28}. Denn gerecht ist, was sozial nützlich ist{29}. Was sich indirekt auch in einer der wenigen und grundlegendsten Ausnahmen zeigt, bei der das Ausüben von Zwang auf ein Individuum rechtmäßig und gewollt ist – es ist ‚den Einzelnen vor Schaden zu bewahren’{30}. Denn vorrangiges Ziel eines jeden Lebewesens ist es denjenigen Mechanismen auszuweichen, sie abzuwehren oder abzubauen, welche ihm selbst (und über die Empathie somit auch dem anderen) Schaden zufügen würden{31}. Auf Mills Ideal des noblen Charakters übertragen hieße dies: Jene Mechanismen die dem Einzelnen Schaden zufügen oder die Entwicklung des noblen Charakters hemmen würden zu erkennen, um sie dann im Sinne der Erreichung des noblen Charakters (soziale Nützlichkeit) auszuschalten oder zu verändern.
Mill beschreibt hier zweierlei Hauptmechanismen, die sich schädigend oder einengend auf die Entwicklung einer praktischen Freiheit des Einzelnen auswirken können. Diese sind zum einen die ‚tyranny of the majority’{32} und zweitens die ‚social tyranny’{33}.

{27}A.a.O., S.24ff. Mill differenziert hier klar zwischen einer eher emotional-körperlich induzierten Lust und einer eher kognitiv-kulturell induzierten Lust. Beide sind in ihrer inneren Beschaffenheit (neuronale Ebene) zwar gleich, letztere gibt aber dem Menschen die Möglichkeit sich vom bloßen Schwein sein zu erheben.
{28}A.a.O., S.36f. „According to the Greatest Happiness Principle, […], the ultimate end, with reference to and for the sake of which all other things are desirable (whether we are considering our own good or that of other people), is an existence exempt as far as possible from pain, and as rich as possible in enjoyments, both in point of quantity and quality; […], to the greatest extent possible, secured to all mankind; and not to them only, but, so far as the nature of things admits, to the whole sentient creation.“.
{29}A.a.O., S. 172. „Social utility alone can decide the preference.“.
{30}A.a.O., S.178. „Thus the moralities which protect every individual from being harmed by others, either directly or by being hindered in his freedom of pursuing his own good, are at once those which he himself has most at heart, and those which he has the strongest interest in publishing and enforcing by word and deed.“.; Vgl. dazu Mill, „On Liberty“, S.34. „That the only purpose for which power can be rightfully exercised over any member of a civilized community, against his will, is to prevent harm to others.“.
{31}Auf Ausnahmen oder Abarten dieser Regel, wie z.B. Sadomasochismus oder „göttlich offenbarte“ Religionen mit ihrem ganz eigenen archaischen Verständnis von Wahrheit, werde ich nicht eingehen.
{32}Mill, „On Liberty“, S.18.
{33}A.a.O., S.20.


Beide sind als sinn- und identitätsstiftende Prinzipien untrennbar mit dem modernen Menschsein verbunden, können aber auch, wie Mill es zu Recht erklärt, einen tyrannisierenden Charakter annehmen. Innerhalb eines Sozialgefüges, in dem es möglich ist als Einzelner einen politischen Repräsentanten zu wählen/zu benennen, welcher dann mit anderen zusammen übergeordnet Gesetze erlassen kann, die wiederum auf den Einzelnen rückwirken, müssen die Meinungen und erlassenen Gesetze der an der Macht befindlichen Repräsentanten nicht immer der vorausgehenden Einzelmeinung des Wählers entsprechen. Einfacher ausgedrückt: Die gewählte politische Mehrheit hat die Möglichkeit über Gesetze (oder noch schlimmer über das Gewaltmonopol des Staates) die sich nicht an der Macht befindliche Minderheit zu unterdrücken. Hiervor muss der Einzelne und ‚die Gesellschaft auf der Hut sein’{34}.
Bei der ‚sozialen Tyrannei’ ist es in etwa das Gleiche, nur wird hier die Tyrannei im Zwischenmenschlichen gelebt. Sie zeigt sich in einer zumeist unreflektierten Unterdrückung des Andersseins, des anderen Denkens und Handelns, durch soziale Normen.
Mill fast die Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft beiden möglichen Tyrannen gegenüber mit folgenden Worten zusammen:

„There is a limit to the legitimate interference of collective opinion with individual independence: and to find that limit, and maintain it against encroachment, is as indispensable to a good condition of human affairs, as protection against political despotism.”{35}

{34}A.a.O., S.18.
{35}A.a.O., S.20.


Nachdem nun die für die Arbeit relevanten Bausteine aus der Philosophie Mills herausgearbeitet sind, gehen wir über zur Betrachtung der beiden Staatskonzeptionen „Sozialstaat“ und „Wohlfahrtsstaat“.
Der Sozialstaates wie wir ihn heute kennen, ging, wie bereits im Abschnitt über die industriellen Revolutionen anfänglich umrissen, hervor aus dem sich entwickelten humanistischen Ideal eines freien und selbstverantwortlich handelnden Menschenbildes, gespeist aus den kulturellen Revolutionen der Menschheitsgeschichte, wie z.B. Werte der Antike, die Reformation, die Renaissance, die Französische Revolution, etc. Er wurde gewissermaßen über die Zeit hinweg von einer immer größer und einflussreicher werdenden Masse von Individuen in einem sich stetig entwickelten Selbstverständnis erkämpft und immer erst im zweiten Schritt von den jeweiligen Machthabern gewährt{36}.
Auch Mill beschreibt die Geschichte des sozialen Fortschritts:

„The entire history of social improvement has been a series of transitions, by which one custom or institution after another, from being a supposed primary necessity of social existence, has passed into the rank of an universally stigmatized injustice and tyranny.”{37}

{36}Interessant sind hier die Parallelen bezüglich reformatorischer Gedanken innerhalb der abrahamitischen Religionen.
{37}Mill, „Utilitarianism“, S.188.


Die bisher aufgeführten Errungenschaften des Sozialstaats ließen sich mit Punkten wie dem Kindergeldgesetz von 1954, dem Lohnfortzahlungsgesetz von 1962, dem Arbeitsförderungsgesetz von 1969, der Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung 1995, und vielem mehr, erweitern.
Für eine detailliertere Auflistung verweise ich auf einen Vortrag von Johann Hahlen, ehemaliger Präsident des Statistischen Bundesamtes, mit dem Titel „Entwicklungen des deutschen Sozialstaates – Daten der amtlichen Statistik“{38}. Herr Hahlen erklärt in diesem, dass „das Sozialstaatspostulat des Grundgesetzes durch eine breite Sozialgesetzgebung, die sich an dem vom Neoliberalismus inspirierten Leitbild der sozialen Marktwirtschaft orientierte“{39} ausgefüllt werde. Neoliberalismus und die ‚soziale Marktwirtschaft’ als tragende Säulen des augenblicklichen Sozialstaatsgedankens, welche nicht im Grundgesetz festgeschrieben sind. In diesen Konzepten spiegeln sich die Überzeugungen einer freien Preisbildung für Güter und Leistungen am Markt, Privateigentum an Produktionsmitteln, Gewinnstreben als Leistungsanreiz und die Wichtigkeit der Eigenverantwortung vor staatlicher Hilfe (Subsidiarität), die sich aber auch in einer staatlichen Hilfe zur Selbsthilfe zeige.

{38}http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Querschnittsveroeffentlichungen/WirtschaftStatistik/Sozialleistungen/EntwicklungSozialstaat,property=file.pdf
{39}A.a.O., S.1045.


Alle großen Parteien (bis auf die LINKE) haben sich diesen Prinzipien durch ihre Parteiprogramme unterworfen, und müssen sich nun einer sich stetig verschärfenden Krise des Sozialstaates stellen. Einen guten Einstieg in die Problematik bietet Herr Hahlen, wenn er schreibt:

„Finanziert wird das Sozialsystem vor allem durch die Beitragszahlungen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber, […], ferner durch Beiträge des Staates zugunsten der Empfänger sozialer Leistungen […] und aus dem allgemeinen Steueraufkommen, insbesondere durch Zuschüsse des Bundes an Sozialversicherungszweige.“

Die Krise bildet sich zum einen durch die Tatsache einer drastischen Vermehrung von atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Alleine in den Jahren 1997 bis 2007 erhöhte sich deren Prozentsatz von 17,5 % auf 25,5 % aller Arbeitsverhältnisse{41}. Dazu zählen geringfügige Beschäftigungen, befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitbeschäftigung mit 20 oder weniger Stunden und Zeitarbeit. Wobei viele dieser Arbeitsplätze nicht mehr sozialversicherungspflichtig sind und somit den Staatshaushalt zusätzlich belasten und dadurch die Sozialleistungsquote, der Anteil für soziale Zwecke am Bruttoinlandsprodukt, erhöht wird.
Geradezu grotesk erweist sich der Umstand, dass viele dieser atypischen Arbeitnehmer unter die so genannten ‚Aufstocker’ fallen, da ihre Einkommen unter dem soziokulturellen Existenzminimum, also unter der Höhe der Regelsätze des Arbeitslosengeld II, liegen. In den Jahren 2005 bis September 2009, seit der Einführung von Hartz-IV, floss jeder dritte Euro im Hartz-IV-System in den Niedriglohnsektor (Aufstocker), was indirekt einer Subvention von Unternehmen und Arbeitgebern gleichkommt, die diese Löhne zu verantworten haben. Die Summe beläuft sich auf mittlerweile 50 Milliarden Euro{42}.
Die Sozialstaatskrise zeigt sich aber auch im zwischenstaatlichen Konkurrenzdruck, gemeinhin Globalisierung genannt, in der demografischen Entwicklung, also der Überalterung der Gesellschaft und damit einhergehende höhere Kosten in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, sowie in einer steigenden Staatsverschuldung.

{41}http://www.theonussbaum.de/seiten/arbeitslos/arbeitslosenzahlen.htm
{42}http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/50-milliarden-euro-fuer-aufstocker/


Welche Lösungsansätze bieten nun Politik und Wirtschaft?
– Sparen –
Sparen durch Kürzungen in den Sozialleistungen. Senkung der Lohnnebenkosten{43}, Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre{44}, Erhöhung der Krankenkassenbeiträge{45}, oder jüngst der Vorschlag von Frau Ursula Frerichs, Vorstandsvorsitzende des Unternehmerverbands mittelständische Wirtschaft, auf zwei Wochen Urlaub im Jahr zu verzichten{46}.
Auch das Dilemma von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) amüsiert in diesem Zusammenhang, da sie einerseits einem selbstverordneten Sparzwang unterliegt und andererseits durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, vom 9. Februar 2010 zu den Regelleistungen nach SGB II, zu einer Neuregelung (im Sinne einer wie auch immer gearteten Erhöhung der Leistungen) verpflichtet wurde{47}.

{43}http://www.focus.de/politik/deutschland/grosse-koalition_aid_101223.html
{44}http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_5892491,00.html
{45}http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundesministerium-saeumniszuschlag-fuer-zusatzbeitragssuender;2637109
{46}http://www.welt.de/wirtschaft/article9099948/Unternehmer-wollen-zwei-Wochen-Urlaub-streichen.html
{47}„Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat entschieden, dass die Vorschriften des SGB II, die die Regelleistung für Erwachsene und Kinder betreffen, nicht den verfassungsrechtlichen Anspruch auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums aus Art. 1 Abs. 1 G G in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 G G erfüllen.“http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg10-005


Aber man muss auch die SPD zu Wort kommen lassen, und so lauschen wir der Ablehnung eines Lösungsansatzes von Hubertus Heil, der da sagt:
„Sie sprechen das Thema "bedingungsloses Grundeinkommen" an. Unter diesem Stichwort subsumieren sich in der Tat zurzeit die unterschiedlichsten Denkmodelle, unseren Sozialstaat zu verändern. Die CDU-Pläne für ein Grundeinkommen für alle Bürger, das so genannte Bürgergeld, bezeichne ich als Stilllegungsprämie. Menschen werden einfach aufgegeben, als nutzlos abgestempelt, in die Sackgasse geschoben und mit Geld abgefunden. Die SPD setzt darauf, Menschen immer wieder die Chance zu geben, durch ihre eigene Leistung und Arbeit voranzukommen. Das Bürgergeld aber ist deshalb ebenso leistungsfeindlich wie unsozial. Das bedingungslose Grundeinkommen ist Ausdruck eines gestörten Verhältnisses zum Leistungsfaktor Arbeit und entspricht daher nicht den Grundprinzipien sozialdemokratischer Politik. Wir setzen dagegen auf den vorsorgenden Sozialstaat und auf gute Arbeit.“{48}

{48}http://www.abgeordnetenwatch.de/hubertus_heil-650-5581--f115926.html

Der Wunsch Chancengleichheit zu schaffen ist ja löblich, doch wenn dieser ständig an der Realität scheitert, was dann? Menschlicher Nutzen generiert sich für die SPD aus dem Leistungsfaktor (Lohn-)Arbeit? Dies zu fördern entspricht einem Grundprinzip sozialdemokratischer Politik und eines vorsorgenden Sozialstaates? Könnte man diese Haltung in der abgedroschenen Floskel "Sozial ist, was Jobs schafft"{49} zusammenfassen, welche die ‚Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft’ sich selbst als Ziel gesetzt hat (und auf der gleichen Seite arbeitslose Menschen indirekt als Ballast bezeichnet)? Oder darf ich „Arbeit macht frei“ abwandeln in „Arbeit macht/schafft Sinn“, egal um was für eine Art von Arbeit es sich handelt und wie sie entlohnt wird, und egal ob diese effizienter und billiger von einer Maschine erledigt werden könnte? Stünde diese Haltung nicht im Widerspruch zu dem, was wir wahrnehmen, zu einem ständig größer werdenden BIP und einer gleichzeitig ständig wachsenden Arbeitslosigkeit? Wachstum wofür?
Können nicht stattdessen gerade die Mechanismen der industriellen und digitalen Revolutionen, wie Mechanisierung, Rationalisierung, Automatisierung und Synergieeffekte, anstatt Ursachen für Leistungskürzungen im Sozialstaat, Mittel für einen Ausbau eines Wohlfahrtsstaates sein?!

{49}http://www.insm.de/insm/ueber-die-insm/Ziele-der-Initiative.html

Denn genau darauf würde ein bedingungsloses Grundeinkommen als Lösungsansatz hinsteuern. Eine neue Definition und Sinngebung der Gesellschaft und des Individuums in ihr, erreicht durch eine andere Verteilung der zivilisatorisch erreichten ‚gesellschaftlichen Produktionsmittel’. Ein sich verabschieden von der immer weniger notwendigen und vorhandenen Lohnarbeit für die Masse der Gesellschaft als Grundlage des Sozialstaats. Denn weder bietet der Dienstleistungssektor dauerhafte und ausreichend entlohnte Arbeit für alle, noch schützt ein akademischer Grad oder sonstige Qualifizierung vor Arbeitslosigkeit{50}.

{50}http://www.theonussbaum.de/seiten/arbeitslos/arbeitslosenzahlen.htm

Die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens{51}, welches gerade durch seine Höhe eine Unabhängigkeit des Individuums von gesellschaftlichen Zwängen erlauben würde, ermöglicht ein Maß an soziokultureller Teilhabe, die gerade der Ausbildung eines ‚edlen Charakters’ und einer ‚sozialen Nützlichkeit’ im Sinne Mills Philosophie nur dienlich sein kann. Die Würde des Menschen ist unantastbar, vor allem durch eine aktiv gewährte und unterstützte Autonomie.
Denn was wollen wir gerade vor dem Hintergrund einer objektiv sinnfreien und determinierten Welt gesellschaftlich erwirken, wenn nicht „das Richten der Aufmerksamkeit auf das Potential der Gegenwart“ verbunden mit der Betrachtung, dass „die kausal agierende Handlungsfreiheit [ausreicht], uns, wenn wir es wünschen, in Richtung auf ein freudvolles gelungenes Leben zu programmieren“{52}.

{51}Selbst Mill spricht sich für dessen Einführung aus, in dem er schreibt: „The most skilfully combined, and with the greatest foresight of objections, of all the forms of Socialism, is that commonly known as Fourierism. This system does not contemplate the abolition of private property, nor even of inheritance; on the contrary, it avowedly takes into consideration, as an element in the distribution of the produce, capital as well as labour. […]In the distribution, a certain minimum is first assigned for the subsistence of every member of the community, whether capable or not of labour. The remainder of the produce is shared in certain proportions, to be determined beforehand, among the three elements, Labour, Capital, and Talent.”.http://www.econlib.org/cgi-bin/searchbooks.pl?searchtype=BookSearchPara&pgct=1&sortby=R&searchfield=F&id=38&query=Fourierism&x=12&y=11&andor=and
{52}Bernulf Kanitscheider: Entzauberte Welt. Über den Sinn des Lebens in uns selbst. Stuttgart: Hirzel Verlag, 2008, S.194ff.


Wachstum und gesamtgesellschaftlicher Wohlstand im Dienste der Subjektivität und Kognition, der individuellen und gesellschaftlichen Empfindung- und Wahrnehmungsfähigkeit des Menschseins – im Dienste der sozialen Nützlichkeit{53}.
Lebe, lerne, genieße und erfahre – nutze, erhalte und bereichere hierfür die gesellschaftlich gegebenen Möglichkeiten!

So schließe ich mit Mill:

„A State which dwarfs its men, in order that they may be more docile instruments in its hands even for beneficial purposes – will find that with small men no great thing can really be accomplished; and that the perfection of machinery to which it has sacrificed everything, will in the end avail it nothing, for want of the vital power which, in order that the machine might work more smoothly, it has preferred to banish.”{54}

(das hier schreib' ich mal kurz für's Freigeisterhaus aus der Übersetzung raus:
"Und ein Staat, der die Interessen der geistigen Entwicklung dieser Individuen vernachlässigt zugunsten einer etwas besser funktionierenden Verwaltung oder jenes Anscheins davon, den die Praxis im jeweiligen Detail liefert, ein Staat, der seine Menschen verkümmern lässt, um an ihnen - selbst für nützliche Zwecke - gefügige Werkzeuge zu besitzen, wird merken, dass mit kleinen Menschen wahrlich keine großen Dinge vollbracht werden können und dass die Vervollkommnung der Maschinerie, der er alles geopfert hat, schließlich doch nichts nutzt. Denn er hat es vorgezogen, die lebendige Kraft zu verbannen, damit die Maschine glatter laufe.")

{53}Mill, „On Liberty“, S.160f. “If it were felt that the free development of individuality is one of the leading essentials of well-being; that it is not only a co-ordinate element with all that is designated by the terms civilization, instruction, education, culture, but is itself a necessary part and condition of all those things;”.
{54}A.a.O., S.324.



Vielen Dank für's lesen Sehr glücklich


Es geht also darum, ob wir als Zivilisation Menschheit weit genug entwickelt sind, um auf Lohnarbeit und Zwang als Mittel für Wachstum verzichten zu können. Vielleicht schränken wir es auch nur ein, denn mit einem Grundeinkommen würde ja trotzdem noch genug Spielgeld auf dem globalen Markt vorhanden sein, damit sich die Leistungsträger (würg) darum zoffen können und den Statussymbolen hinterher hetzen können.

Drei Links will ich noch anfügen.

Einer, der wie so viele, sich der Position des Grundeinkommens anschließt.
Lebensqualität schlägt Status

und zwei, die sich für einen "abgemilderten" Sozialdarwinismus aussprechen:
Thilo Sarrazin

Der angepasste Liberalismus
Der zweite Text zeigt, wie unterschiedlich FREIHEIT interpretiert werden kann.

Mein Bruder führt als Argument für eine Verschärfung des bestehenden Sozial-/Wirtschaftssystems zwei Punkte an (und er versucht immer zu ergänzen, dass er auch nicht alles toll findet, naja):
1. Erlernte Hilflosigkeit
2. Wenn man Zuckerbrot zum Überleben gewährt, dann bewegt sich ein Lebewesen kaum. Wenn man hingegen Druck und Schmerz und Unwohlsein erhöht, dann werden die Lebewesen flink, flink, flink, um ihren Zustand zu verbessern. (Wenn vielleicht einer die wissenschaftliche Theorie dazu hätte - wär' cool, thx)

Erkenne die Funktionsweisen der Realität -> Wachstum
Immer mehr Wachstum, immer mehr Arbeitslosigkeit, immer mehr Armut...

Ich verorte mich lieber in der Freiheit und Lust für möglichst viele Individuen aufgrund einer anderen Verteilung des bisher Erreichten. Denn es geht um Leid und Schmerz - um Soziale Nützlichkeit.
Meme über Gene.


Scheiße was'n Act... also alle Edits sind dem Rumgewurschtl zu schulden den Text hier sichtbar zu machen....
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Beitrag(#1527437) Verfasst am: 27.08.2010, 13:22    Titel: Antworten mit Zitat

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Beitrag(#1527445) Verfasst am: 27.08.2010, 13:42    Titel: Antworten mit Zitat

Praktische Freiheit kann nur bedeuten, frei sein von äußeren Zwängen. Also ein individuelles Handeln, welches rein von inneren Determinanten bestimmt ist.
Die von Mill gewünschte Handlungsrichtlinie dieser praktischen Freiheit des bereits entwickelten Individuums speist sich aus ‚dem gefestigte[n] Willen zum Guten’{24} und des ‚edlen Charakters’{25}, welche über die ganze Periode der Menschheitsgeschichte hinweg gesellschaftlich erlernt wurden{26}. Hier stellt sich selbstverständlich die Frage nach den Kriterien des „to do right“ und „nobleness of character“, was uns zum letzten großen Eckpfeiler der millschen Philosophie führt – der Nützlichkeit.

{24}Mill, „Utilitarianism“, S.120. „[…] the person who has a confirmed will to do right, […]“.
{25}A.a.O., S.36. „[…] the general cultivation of nobleness of character […]“.
{26}A.a.O., S.70. „[…] the whole past duration of the human species. During all that time mankind have been learning by experience the tendencies of actions; on which experience all the prudence, as well as all the morality of life, is dependent.“


Der Utilitarismus oder das ‚Prinzip des größten Glücks’ (Hedonismus) als Grundlage der Moral und des menschlichen Handelns. Moralisch richtige Handlungen sind jene, die ein größtmögliches Maß an Lust und Freude{27} und ein geringstmögliches Maß an Unlust und Schmerz verursachen, und dies für so viele Menschen wie möglich (und wenn umsetzbar ‚für die gesamte fühlende Natur’){28}. Denn gerecht ist, was sozial nützlich ist{29}. Was sich indirekt auch in einer der wenigen und grundlegendsten Ausnahmen zeigt, bei der das Ausüben von Zwang auf ein Individuum rechtmäßig und gewollt ist – es ist ‚den Einzelnen vor Schaden zu bewahren’{30}. Denn vorrangiges Ziel eines jeden Lebewesens ist es denjenigen Mechanismen auszuweichen, sie abzuwehren oder abzubauen, welche ihm selbst (und über die Empathie somit auch dem anderen) Schaden zufügen würden{31}. Auf Mills Ideal des noblen Charakters übertragen hieße dies: Jene Mechanismen die dem Einzelnen Schaden zufügen oder die Entwicklung des noblen Charakters hemmen würden zu erkennen, um sie dann im Sinne der Erreichung des noblen Charakters (soziale Nützlichkeit) auszuschalten oder zu verändern.
Mill beschreibt hier zweierlei Hauptmechanismen, die sich schädigend oder einengend auf die Entwicklung einer praktischen Freiheit des Einzelnen auswirken können. Diese sind zum einen die ‚tyranny of the majority’{32} und zweitens die ‚social tyranny’{33}.

{27}A.a.O., S.24ff. Mill differenziert hier klar zwischen einer eher emotional-körperlich induzierten Lust und einer eher kognitiv-kulturell induzierten Lust. Beide sind in ihrer inneren Beschaffenheit (neuronale Ebene) zwar gleich, letztere gibt aber dem Menschen die Möglichkeit sich vom bloßen Schwein sein zu erheben.
{28}A.a.O., S.36f. „According to the Greatest Happiness Principle, […], the ultimate end, with reference to and for the sake of which all other things are desirable (whether we are considering our own good or that of other people), is an existence exempt as far as possible from pain, and as rich as possible in enjoyments, both in point of quantity and quality; […], to the greatest extent possible, secured to all mankind; and not to them only, but, so far as the nature of things admits, to the whole sentient creation.“.
{29}A.a.O., S. 172. „Social utility alone can decide the preference.“.
{30}A.a.O., S.178. „Thus the moralities which protect every individual from being harmed by others, either directly or by being hindered in his freedom of pursuing his own good, are at once those which he himself has most at heart, and those which he has the strongest interest in publishing and enforcing by word and deed.“.; Vgl. dazu Mill, „On Liberty“, S.34. „That the only purpose for which power can be rightfully exercised over any member of a civilized community, against his will, is to prevent harm to others.“.
{31}Auf Ausnahmen oder Abarten dieser Regel, wie z.B. Sadomasochismus oder „göttlich offenbarte“ Religionen mit ihrem ganz eigenen archaischen Verständnis von Wahrheit, werde ich nicht eingehen.
{32}Mill, „On Liberty“, S.18.
{33}A.a.O., S.20.


Beide sind als sinn- und identitätsstiftende Prinzipien untrennbar mit dem modernen Menschsein verbunden, können aber auch, wie Mill es zu Recht erklärt, einen tyrannisierenden Charakter annehmen. Innerhalb eines Sozialgefüges, in dem es möglich ist als Einzelner einen politischen Repräsentanten zu wählen/zu benennen, welcher dann mit anderen zusammen übergeordnet Gesetze erlassen kann, die wiederum auf den Einzelnen rückwirken, müssen die Meinungen und erlassenen Gesetze der an der Macht befindlichen Repräsentanten nicht immer der vorausgehenden Einzelmeinung des Wählers entsprechen. Einfacher ausgedrückt: Die gewählte politische Mehrheit hat die Möglichkeit über Gesetze (oder noch schlimmer über das Gewaltmonopol des Staates) die sich nicht an der Macht befindliche Minderheit zu unterdrücken. Hiervor muss der Einzelne und ‚die Gesellschaft auf der Hut sein’{34}.
Bei der ‚sozialen Tyrannei’ ist es in etwa das Gleiche, nur wird hier die Tyrannei im Zwischenmenschlichen gelebt. Sie zeigt sich in einer zumeist unreflektierten Unterdrückung des Andersseins, des anderen Denkens und Handelns, durch soziale Normen.
Mill fast die Verantwortung des Einzelnen und der Gesellschaft beiden möglichen Tyrannen gegenüber mit folgenden Worten zusammen:

„There is a limit to the legitimate interference of collective opinion with individual independence: and to find that limit, and maintain it against encroachment, is as indispensable to a good condition of human affairs, as protection against political despotism.”{35}

{34}A.a.O., S.18.
{35}A.a.O., S.20.


Nachdem nun die für die Arbeit relevanten Bausteine aus der Philosophie Mills herausgearbeitet sind, gehen wir über zur Betrachtung der beiden Staatskonzeptionen „Sozialstaat“ und „Wohlfahrtsstaat“.
Der Sozialstaates wie wir ihn heute kennen, ging, wie bereits im Abschnitt über die industriellen Revolutionen anfänglich umrissen, hervor aus dem sich entwickelten humanistischen Ideal eines freien und selbstverantwortlich handelnden Menschenbildes, gespeist aus den kulturellen Revolutionen der Menschheitsgeschichte, wie z.B. Werte der Antike, die Reformation, die Renaissance, die Französische Revolution, etc. Er wurde gewissermaßen über die Zeit hinweg von einer immer größer und einflussreicher werdenden Masse von Individuen in einem sich stetig entwickelten Selbstverständnis erkämpft und immer erst im zweiten Schritt von den jeweiligen Machthabern gewährt{36}.
Auch Mill beschreibt die Geschichte des sozialen Fortschritts:

„The entire history of social improvement has been a series of transitions, by which one custom or institution after another, from being a supposed primary necessity of social existence, has passed into the rank of an universally stigmatized injustice and tyranny.”{37}

{36}Interessant sind hier die Parallelen bezüglich reformatorischer Gedanken innerhalb der abrahamitischen Religionen.
{37}Mill, „Utilitarianism“, S.188.


Die bisher aufgeführten Errungenschaften des Sozialstaats ließen sich mit Punkten wie dem Kindergeldgesetz von 1954, dem Lohnfortzahlungsgesetz von 1962, dem Arbeitsförderungsgesetz von 1969, der Einführung der gesetzlichen Pflegeversicherung 1995, und vielem mehr, erweitern.
Für eine detailliertere Auflistung verweise ich auf einen Vortrag von Johann Hahlen, ehemaliger Präsident des Statistischen Bundesamtes, mit dem Titel „Entwicklungen des deutschen Sozialstaates – Daten der amtlichen Statistik“{38}. Herr Hahlen erklärt in diesem, dass „das Sozialstaatspostulat des Grundgesetzes durch eine breite Sozialgesetzgebung, die sich an dem vom Neoliberalismus inspirierten Leitbild der sozialen Marktwirtschaft orientierte“{39} ausgefüllt werde. Neoliberalismus und die ‚soziale Marktwirtschaft’ als tragende Säulen des augenblicklichen Sozialstaatsgedankens, welche nicht im Grundgesetz festgeschrieben sind. In diesen Konzepten spiegeln sich die Überzeugungen einer freien Preisbildung für Güter und Leistungen am Markt, Privateigentum an Produktionsmitteln, Gewinnstreben als Leistungsanreiz und die Wichtigkeit der Eigenverantwortung vor staatlicher Hilfe (Subsidiarität), die sich aber auch in einer staatlichen Hilfe zur Selbsthilfe zeige.

{38}http://www.destatis.de/jetspeed/portal/cms/Sites/destatis/Internet/DE/Content/Publikationen/Querschnittsveroeffentlichungen/WirtschaftStatistik/Sozialleistungen/EntwicklungSozialstaat,property=file.pdf
{39}A.a.O., S.1045.


Alle großen Parteien (bis auf die LINKE) haben sich diesen Prinzipien durch ihre Parteiprogramme unterworfen, und müssen sich nun einer sich stetig verschärfenden Krise des Sozialstaates stellen. Einen guten Einstieg in die Problematik bietet Herr Hahlen, wenn er schreibt:

„Finanziert wird das Sozialsystem vor allem durch die Beitragszahlungen der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber, […], ferner durch Beiträge des Staates zugunsten der Empfänger sozialer Leistungen […] und aus dem allgemeinen Steueraufkommen, insbesondere durch Zuschüsse des Bundes an Sozialversicherungszweige.“

Die Krise bildet sich zum einen durch die Tatsache einer drastischen Vermehrung von atypischen Beschäftigungsverhältnissen. Alleine in den Jahren 1997 bis 2007 erhöhte sich deren Prozentsatz von 17,5 % auf 25,5 % aller Arbeitsverhältnisse{41}. Dazu zählen geringfügige Beschäftigungen, befristete Arbeitsverhältnisse, Teilzeitbeschäftigung mit 20 oder weniger Stunden und Zeitarbeit. Wobei viele dieser Arbeitsplätze nicht mehr sozialversicherungspflichtig sind und somit den Staatshaushalt zusätzlich belasten und dadurch die Sozialleistungsquote, der Anteil für soziale Zwecke am Bruttoinlandsprodukt, erhöht wird.
Geradezu grotesk erweist sich der Umstand, dass viele dieser atypischen Arbeitnehmer unter die so genannten ‚Aufstocker’ fallen, da ihre Einkommen unter dem soziokulturellen Existenzminimum, also unter der Höhe der Regelsätze des Arbeitslosengeld II, liegen. In den Jahren 2005 bis September 2009, seit der Einführung von Hartz-IV, floss jeder dritte Euro im Hartz-IV-System in den Niedriglohnsektor (Aufstocker), was indirekt einer Subvention von Unternehmen und Arbeitgebern gleichkommt, die diese Löhne zu verantworten haben. Die Summe beläuft sich auf mittlerweile 50 Milliarden Euro{42}.
Die Sozialstaatskrise zeigt sich aber auch im zwischenstaatlichen Konkurrenzdruck, gemeinhin Globalisierung genannt, in der demografischen Entwicklung, also der Überalterung der Gesellschaft und damit einhergehende höhere Kosten in der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung, sowie in einer steigenden Staatsverschuldung.

{41}http://www.theonussbaum.de/seiten/arbeitslos/arbeitslosenzahlen.htm
{42}http://www.taz.de/1/politik/deutschland/artikel/1/50-milliarden-euro-fuer-aufstocker/

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Beitrag(#1527447) Verfasst am: 27.08.2010, 13:43    Titel: Antworten mit Zitat

Es fehlt folgende Anwortmöglichkeit:

Ja, weil die Menschheit hat noch nicht einen zivilisatorischen Entwicklungsstand erreicht, der ein Zusammenleben ohne Lohnarbeit ermöglichen würde!

Ich hätte auch gerne die Kultur, aber, Roy, dies nicht noch nicht drin... Traurig


A.
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Beitrag(#1527448) Verfasst am: 27.08.2010, 13:43    Titel: Antworten mit Zitat

Welche Lösungsansätze bieten nun Politik und Wirtschaft?
– Sparen –
Sparen durch Kürzungen in den Sozialleistungen. Senkung der Lohnnebenkosten{43}, Anhebung des Renteneintrittsalters auf 70 Jahre{44}, Erhöhung der Krankenkassenbeiträge{45}, oder jüngst der Vorschlag von Frau Ursula Frerichs, Vorstandsvorsitzende des Unternehmerverbands mittelständische Wirtschaft, auf zwei Wochen Urlaub im Jahr zu verzichten{46}.
Auch das Dilemma von Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) amüsiert in diesem Zusammenhang, da sie einerseits einem selbstverordneten Sparzwang unterliegt und andererseits durch das Urteil des Bundesverfassungsgerichtes, vom 9. Februar 2010 zu den Regelleistungen nach SGB II, zu einer Neuregelung (im Sinne einer wie auch immer gearteten Erhöhung der Leistungen) verpflichtet wurde{47}.


sorry da soll noch viel mehr kommen,,,, aber irgendwie klappt das noch nicht... einer von euch mods... muss das dann bitte flicken
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Beitrag(#1527452) Verfasst am: 27.08.2010, 13:49    Titel: Antworten mit Zitat

{43}http://www.focus.de/politik/deutschland/grosse-koalition_aid_101223.html
{44}http://www.dw-world.de/dw/function/0,,12356_cid_5892491,00.html
{45}http://www.handelsblatt.com/politik/deutschland/bundesministerium-saeumniszuschlag-fuer-zusatzbeitragssuender;2637109
{46}http://www.welt.de/wirtschaft/article9099948/Unternehmer-wollen-zwei-Wochen-Urlaub-streichen.html
{47}„Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat entschieden, dass die Vorschriften des SGB II, die die Regelleistung für Erwachsene und Kinder betreffen, nicht den verfassungsrechtlichen Anspruch auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums aus Art. 1 Abs. 1 G G in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 G G erfüllen.“http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg10-005

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Zuletzt bearbeitet von göttertod am 27.08.2010, 13:55, insgesamt einmal bearbeitet
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Beitrag(#1527453) Verfasst am: 27.08.2010, 13:51    Titel: Antworten mit Zitat

{47}„Der Erste Senat des Bundesverfassungsgerichts hat entschieden, dass die Vorschriften des SGB II, die die Regelleistung für Erwachsene und Kinder betreffen, nicht den verfassungsrechtlichen Anspruch auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums aus Art. 1 Abs. 1 G G in Verbindung mit Art. 20 Abs. 1 G G erfüllen.“http://www.bundesverfassungsgericht.de/pressemitteilungen/bvg10-005
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Beitrag(#1527464) Verfasst am: 27.08.2010, 14:01    Titel: Antworten mit Zitat

Du glaubst doch hoffentlich nicht, dass eine nenneswerte Zahl an Usern deinen ganzen Text durchlesen will? Geschockt

Ich finde deine Antwortmöglichkeiten übrigens zu extrem, und zu suggestiv.
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göttertod
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Beitrag(#1527475) Verfasst am: 27.08.2010, 14:15    Titel: Antworten mit Zitat

Kann ja jeder selbst entscheiden, ob er es lesen will oder nicht... ich hoffe jedoch das sich jemand findet

und könnte bitte einer von den Mods die überflüssigen Posts von mir (inhaltlich exakt das gleiche wie im ersten Post) löschen...
thx
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Beitrag(#1527476) Verfasst am: 27.08.2010, 14:15    Titel: Antworten mit Zitat

Norm hat folgendes geschrieben:
Du glaubst doch hoffentlich nicht, dass eine nenneswerte Zahl an Usern deinen ganzen Text durchlesen will? Geschockt

Ich finde deine Antwortmöglichkeiten übrigens zu extrem, und zu suggestiv.



Nicht nur SEINEN Text, sondern auch die verlinkten Artikel.... Geschockt

A.
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Beiträge: 24070

Beitrag(#1527489) Verfasst am: 27.08.2010, 14:32    Titel: Antworten mit Zitat

Arha hat folgendes geschrieben:
Norm hat folgendes geschrieben:
Du glaubst doch hoffentlich nicht, dass eine nenneswerte Zahl an Usern deinen ganzen Text durchlesen will? Geschockt

Ich finde deine Antwortmöglichkeiten übrigens zu extrem, und zu suggestiv.



Nicht nur SEINEN Text, sondern auch die verlinkten Artikel.... Geschockt

A.


Das sind ja "nur" Quellen, die musst Du nur konsultieren, wenn Du Zweifel an den Aussagen hast, oder die betreffende Sache weiter vertiefen willst.

EDIT: Achso, die anderen Links? okeee
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"The consent of the governed is not consent if it is not informed." (Edward Snowden)
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Beitrag(#1527567) Verfasst am: 27.08.2010, 15:36    Titel: Antworten mit Zitat

göttertod hat folgendes geschrieben:
Kann ja jeder selbst entscheiden, ob er es lesen will oder nicht... ich hoffe jedoch das sich jemand findet


Wenn ich etwas mehr Zeit habe und die Kinder entweder schlafen oder nicht zu Hause sind. zwinkern
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Der_Guido
dafür dagegen zu sein



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Beitrag(#1527588) Verfasst am: 27.08.2010, 15:53    Titel: Antworten mit Zitat

Ich finde deine Antwortmöglichkeiten etwas verwirrend, und bin mir auch nicht so sicher, ob ich genau verstehe, worauf du hinaus willst, daher antworte ich mal in 3 Teilen, was mir spontan auffällt/einfällt.

1 Teil: Ende der Arbeit
Da die Heinzelmännchen noch nicht existieren, die uns alles abnehmen könnten (und sollten ?), wird Arbeit bis auf weiteres ein unverzichtbarer Bestandteil auch zukünftiger Gesellschaftsformen sein. Selbst wenn ich mich utopischen Phantasien hingebe, sowas wäre möglich (7 Milliarden oder mehr sich stets replizierende und programmierende Roboter vorstell), so möchte ich z.B. im Krankenhaus (oder im Altenheim) lieber bevorzugt menschlich behandelt werden, allerdings auch nicht von naiven Anfängern wie Hinz oder Kuntz oder so.

Da sich m.E. die Zylonen, ähm Roboter auch nicht verselbstständigen sollten (BattleStarGalactica-Gruß an Star-Trekkie & Picard-Fan Woici Lachen ), sollte Programmierung, Weiterentwicklung und Kontrolle der Roboter (weiterführend auch Kontrolle der Programmierer und Kontrolleure) in menschlichen Händen liegen. Mir fallen noch viele Punkte -besonders im Bereich Gestaltung- ein, die ich nicht als Aufgabe von Robotern definieren würde, das sprengt aber eher den Rahmen.

Lange Rede, kurzer Sinn, ein Ende von menschlicher Arbeit sehe ich nicht und das sehne ich auch nicht herbei. Ich bin mir darüber hinaus auch nicht sicher, ob die Erde oder die Planeten des Sonnensystems über alle notwendigen Ressourcen, die man für so einen uns alle Arbeit abnehmenden "Maschinenpark" benötigt, verfügt. Aber wir phantasieren ja erst mal nur ...

2. Teil: Ende der Lohnarbeit
Nun sprichst du aber nicht nur von Arbeit, sondern von Lohnarbeit, und ob man diese Abhängigkeit zwischen Arbeit und Lohn abschaffen könnte/sollte.

Kurze Antwort: Jein. Nein, weil wir benötigen m.E. weiter (mehr oder weniger freiwillig) arbeitende Menschen (siehe oben), die ich irgendwie zu ihrer Tätigkeit motivieren werden muss und Ja, weil es m.E. wenig Sinn ergibt, Milliarden von Menschen mittels Beschäftigungstherapie ein Recht zu vergeben, maschinen-hergestellte Brötchen zu erwerben.

3. Teil: Freiheit
In deinen Antwortmöglichkeiten gibt es keinen Punkt zu Freiheit, aber dafür um so mehr Text von Mill dazu. Grundsätzlich denke ich, endet das Szenario eher in einer Form des Kollektivismus, die persönliche und freiheitliche Entwicklungsmöglichkeiten einschränken, bzw. in andere Bahnen lenken/Freiheit neu/anders definieren. Schwerlich für mich vorzustellen, dass sich z.B. 50 Mio Menschen widersetzen könnten (selbst wenn sie wollten), und ineffektiv Weizen- oder Obstanbau ohne Maschinen und in Eigentum und Lohnarbeit betreiben möchten. (Noch ein Gruß an Woici, Picards Bruder hatte auch lieber seinen eigenen Weinberg Lachen )

Was treiben eigentlich 7 Milliarden Menschen so, wenn sie plötzlich nicht mehr arbeiten oder Jäger und Sammler "spielen" ?
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Beitrag(#1527599) Verfasst am: 27.08.2010, 16:00    Titel: Antworten mit Zitat

Woici hat folgendes geschrieben:
vote for replikator...
tee... earl grey... heiß

Sehr glücklich
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Beitrag(#1527728) Verfasst am: 27.08.2010, 18:39    Titel: Antworten mit Zitat

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göttertod
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Beitrag(#1529182) Verfasst am: 29.08.2010, 18:47    Titel: Antworten mit Zitat

Der_Guido hat folgendes geschrieben:

3. Teil: Freiheit
In deinen Antwortmöglichkeiten gibt es keinen Punkt zu Freiheit, aber dafür um so mehr Text von Mill dazu. Grundsätzlich denke ich, endet das Szenario eher in einer Form des Kollektivismus, die persönliche und freiheitliche Entwicklungsmöglichkeiten einschränken, bzw. in andere Bahnen lenken/Freiheit neu/anders definieren. Schwerlich für mich vorzustellen, dass sich z.B. 50 Mio Menschen widersetzen könnten (selbst wenn sie wollten), und ineffektiv Weizen- oder Obstanbau ohne Maschinen und in Eigentum und Lohnarbeit betreiben möchten. (Noch ein Gruß an Woici, Picards Bruder hatte auch lieber seinen eigenen Weinberg Lachen )

Was treiben eigentlich 7 Milliarden Menschen so, wenn sie plötzlich nicht mehr arbeiten oder Jäger und Sammler "spielen" ?


Die Umfrage habe ich auch erst nachträglich als Gimick eingefügt. Und du hast recht, die Freiheit kommt darin explizit kaum vor.

Freiheit anders definiert. ... Lachen Heute im Presseclub haben sich die Neoliberalen wieder mal die Hände gereicht. Ich habe dann angerufen und bin tatsächlich auch in die Warteschleife gelangt und war auch schon im Computer des Moderators, aber um 12:58 hat er alle wartenden abgewürgt.

Meine Frage mit Statement wäre gewesen:
"Warum definiert die Runde (Presseclub, aber auch der elitäre Mainstream) Liberalismus, als Freiheit für Reiche?"

Du schreibst als Konsequenz auf meinen Text ja auch von "Freiheit neu/anders definieren", weil Menschen aufgrund des Fortschrittes kaum gezwungen werden können dumme und unnötige Tätigkeiten ausführen zu müssen, um sich und ihre Familie am Leben zu erhalten.

In dem einen Link den ich als neoliberale Interpretationsalternative für Liberalismus ans Ende gestellt habe zeigt die verschiedenen Deutungen ja trefflich.

Der angepasste Liberalismus

Zitat:
Der organisierte deutsche Liberalismus hat ... weitgehende Zugeständnisse an andere Denkrichtungen, vor allem sozialdemokratische, gemacht. Man kann sagen, dass er die Niederlage unter Bismarck bis heute nicht überwunden hat.


(in meinem Text dazu:Wobei es Bismarck mit der erfolgreichen Einführung hauptsächlich nur um die Abwendung einer immer wahrscheinlicheren Revolution des Proletariats ging und um den Machterhalt der monarchisch-konservativen Kapitalelite. Keineswegs ging es ihm um eine - durch ein humanistisches Ideal getragene - steuerliche Umverteilung {1} von Reich hin zu Arm.

{1}„Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte“ - Otto von Bismarck. http://www.bundesfinanzministerium.de/nn_82/DE/BMF__Startseite/Service/Glossar/S/006__Sozialversicherung.html)

Aber dem Typen im Handelsblatt (und allen anderen Mainstream-Neoliberalisten) geht es um:
"Liberale im vollen Sinn des Wortes" und um die "echten Liberalen"
Er diffamiert soziale Errungenschaften als "Schrumpfliberalismus" oder "liberale Trümmer" oder "spätrömischen Dekadenz“ oder "geistige Kapitulation...vor der...Antidiskriminierungsideologie".
Oder Sätze wie "In der Nachkriegszeit bildete der organisierte Liberalismus anfangs ein eindrucksvolles bürgerliches Korrektiv gegen die Partei des Wohlfahrtsstaates"

Liberalismus nur für Reiche??

Für den kleinen Handelsblatt-Sozialdarwinisten ist Liberalismus:
nicht ein Anspruch auf Staatsleistungen („Freiheit von Not“), sondern das Freisein vom Herumkommandiertwerden durch andere Menschen, was ärmliche Lebensverhältnisse nicht ausschließen muss (z.B. der arme Almbauer).

also da krieg ich das große Kotzen!!
Und ja, deswegen will ich mehr Kollektivismus als Schutz für den Individualismus. Bei vielen, vorallem Reiche, geht aber der Individualismus vor alles andere. Und das auch dann noch, wenn die wirtschaftlichen Verhältnisse einen humanen und progessiven Individualismus für die Masse gar nicht ermöglichen.

"Mehr Netto vom Brutto" als Schlagwort... kotz.... wenn immer mehr Menschen gar kein Brutto haben, und systemimmanent auch gar nicht erreichen können (ohne sich dem gönnerhaften Kapitaleigner auf irrsinniger Art und Weise zu versklaven - Dienstleistungssektor+Unqualifiziert)???!!!

Dieser selbsternannte Liberalismuskenner endet mit seiner apokalyptischen Erkenntnis: "Wohlfahrtsstaat als „Weg zur Knechtschaft“" und "Arbeiter waren einmal liberale Wähler!"
genau WAREN mal liberale Wähler.... aber wenn der Liberalismus nur noch den Reichen nützt, was dann... dann bin ich froh, dass wir in einer Demokratie leben!


Auf deine Frage, Was treiben eigentlich 7 Milliarden Menschen so?... spielen, lernen, genießen, leben - alles wie jetzt auch, nur freier


----------------

übrigens hab ich heute ein crazy Kommentar im Tagesspiegel entdeckt.

Ulrike Ackermann lehrt an der SRH-Hochschule in Heidelberg Politische Wissenschaft und leitet das von ihr gegründete John-Stuart-Mill-Institut für Freiheitsforschung.

und schreibt:
Zitat:
Denn die Bürger sind erwachsen und realistisch genug, um zu begreifen, dass die Rundumversorgung des Wohlfahrtstaates angesichts exorbitanter Staatsverschuldung und dramatischer demografischer Lage nicht mehr finanzierbar ist.
...
Die Kanzlerin scheut sich weiterhin, den Bürgern mehr an Selbstbestimmung und Eigenverantwortung „zuzumuten“.
...
Freiheit, Mündigkeit und Selbstbestimmung der Bürger, die unter der jahrzehntelangen sozialstaatlichen Rundumbetreuung erheblich gelitten haben, erschöpfen sich zudem nicht nur im ökonomischen Felde – da doch wirtschaftliche, politische und individuelle Freiheit in einem lebendigen Wechselverhältnis stehen.


und sojemand leitet das JSM-Insitut für Freiheitsforschung.... Mill würde sich im Grab rum'drehn (würd' ich sagen)
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Beitrag(#1529207) Verfasst am: 29.08.2010, 19:11    Titel: Antworten mit Zitat

Baldur hat folgendes geschrieben:
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Lachen DAS wäre viel zu lesen....

Aber ich muss gestehen, dass ich bei brand1 immer ein kleines Unwohlseingefühl empfinde. Es ist halt ein Wirtschaftsmagazin eher für Manager. Und deswegen tendentiell anders schließend, als ich es tun würde. Zeigt sich z.b. hier...

In ein paar Artikel hab ich reingelesen, und den hier fand ich, Mitte bis Ende, ganz gut (eigentlich ähnlich wie meine Arbeit).
Nur der Schluß ist doof:
Zitat:
"Jeder muss sich irgendwann auf die eigenen Beine stellen."


Mein Bruder sagt, dass die SPD die Knautschzone für - ich übersetzte und fasse zusammen -
"die individuelle Freiheit der Leistungsträger" ist.

Ähnlich würde ich vielleicht den Satz "Jeder muss sich irgendwann auf die eigenen Beine stellen." (+was dahinter steht) sehen. Als mögliche Knautschzone, die vor Sozialdarwinisten schützt. Weil, bis zum Irgendwann hilft in diesem Konzept der Sozialstaat.


Ich schließe lieber mit folgenden Worten aus der Arbeit, um ein Grundeinkommen und den Wohlfahrtsstaat zu verteidigen oder herbeizusehnen:
"Denn gerade wenn man von einer, durch Kausalität verursachten, theoretischen Unfreiheit des Menschseins ausgeht, aber auch von einer gleichzeitigen im Menschsein angelegten kognitiven Fähigkeit der objektiven Wahrheit näher kommen zu können, erschließt sich die unabweisbare Wichtigkeit der gelebten, gewährten und geförderten, gesellschaftlichen wie individuellen, immer wieder einer Prüfung zu unterziehenden, praktischen Freiheit der Handlungen, der Worte und der Gedanken{20}. Denn aus der praktisch gewährten Freiheit generiert sich Diversität{21} und die Möglichkeit der Kreativität{22}"
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Beitrag(#1531326) Verfasst am: 01.09.2010, 11:57    Titel: Antworten mit Zitat

Die Konservative und Neoliberalen bei Maischberger, die wiedermal gezeigt hat wie hohl sie manchmal ist.

Ich fasse die Sendung aus Sicht der Begriffe Freiheit und Sozialstaat (in chronologischer Reihenfolge der Statements) mal zusammen!

SENDUNG VOM DIENSTAG, 31. AUGUST 2010

Joachim Gauck (Ex-Bundespräsidentenkandidat und Bürgerrechtler)
Edmund Stoiber (CSU, ehemaliger bayerischer Ministerpräsident)
Walter Sittler (Schauspieler und "Stuttgart 21"-Gegner)
Klaus Staeck (Präsident der Akademie der Künste)


Peter Hahne:
Zitat:
Es gibt vielleicht diese kantigen Politiker nicht mehr, die glaubwürdig sind und für etwas brennen... , weil Hartz4 und Rente mit 67 wird zurückgenommen



Edmund Stoiber spricht über Joachim Gauck:
Zitat:
Wo gibt es schon einen Politiker oder jemand der Politik gestalten will, der offen erklärt:
"Für mich ist letztenendes die Freiheit, das Entscheidende. Und nicht in aller erster Linie die Staatsführsorge. Ich würde heute mehr für die Freiheit sein, als für die Staatsführsorge".
Das ist ein Satz, den Herr Gauck mehrfach gesagt hat, der mutig ist. Ich halte ihn für richtig.



etwas später wieder Edmund:
grob zusammengefasst

Smilie es war das erste Mal, dass SPD und die Grünen bei der Bundespräsidentenwahl einen Kandidaten stellten, der nicht mit der Mehrheitsmeinung dieser Parteien im Einklang stand.
"Ihre [Herr Gaucks] respektablen Aussagen zur Rente mit 67, zur Staatsverschuldung, ..."


Joachim Gauck:
Zitat:
komplizierte Dinge müssen intensiver erklärt werden (...) , wenn man auf dem Gebiet der sozialen Sicherung spart (...) wir haben relativ gute Gründe (...) wir haben in die sozialen Netze (...) eingegriffen (...) , weil wir den Rheinischen Kapitalismus am Leben erhalten wollen, der (L)leben und (L)leben lässt.

...

Hartz4 ist nie richtig vermittelt worden.
(Hervorhebung von mir)


Peter Hahne:
grob: bürgerliche Politiker, wie Koch und Beust, ergreifen die Flucht, obwohl sie ein Vorbild seien könnten/sollten für Werte wie
Zitat:
Dienst, wie Ehre, wie wie wie Vertrauen, wie Glaubwürdigkeit, wie Dienstpflicht."



Also war sich die ganze Runde stillschweigend einig: Wir brauchen Liberalismus für Reiche!!?!



Ein anderes, schönes Beispiel:
NRW-Regierung will Studiengebühren streichen

Zitat:
Die FDP hält das Gesetz für sozial ungerecht. ... Angesichts der finanziellen Lage des Landes sei die Abschaffung der Gebühren ... verantwortungslos.



oder
Wulff sorgt sich um die deutsche Demokratie
Bundespräsident Wulff betont, die Demokratie sei "nicht unerschütterlich". Der Graben zwischen Wählern und Gewählten werde größer.


dazu ein Leserkommentar:
Zitat:
OlRi sagt:

Zudem beunruhige ihn [Wulf] auch die bundesweite Problematik des Rechtsextremismus.

Gut beobachtet. Rechts motivierte Gewalt geht seit Jahren zurück. Linke Gewalt nimmt seit 68 stetig zu. Und DAS ist der Graben! Die 68er-Gutmenschenpolitiker unterstützen ihren verlängerten, gewaltbereiten Arm ANTIFA, mittlerweile auch von Hartz4lern und Migranten verstärkt, und alle deren Straftaten werden, mittlerweile auch von unserern Rechtsorganen, beschönigt und negiert.

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Beitrag(#1531869) Verfasst am: 02.09.2010, 01:19    Titel: Antworten mit Zitat

Mir graust es, daß man jemanden als "Besitzstandswahrer" verunglimpfen kann, der soziale Errungenschaften, die hart erkämpft wurden, erhalten will, und andererseits jemanden als "Visionär" lobt, der sie bereitwillig - und womöglich ohne Not - aufgibt. Tja, "Freiheit" und "Gerechtigkeit" sind Worte, die gut klingen und zumindest für einen Teil der Gesellschaft inspirirend sind. Mich ergreift bei diesen Worten häufig ein milder Schauer, wenn jemand sie ausspricht -- allerdings hält der auch nur für Sekundenbruchteile an, wenn ich mir überlege, was häufig dahintersteht: Jemand von der "Jungen Union" wird seinen Wirtschaftslobbyismus aber auch "mit Leidenschaft" und "Inbrunst" betreiben und auf der Klaviatur von "Freiheit" und "Gerechtigkeit" spielen. Letztlich sind das doch Verdrehungen von Worten. Man bezeichnet Leistungskürzungen, Strafen, Druck und Zwang als "Anreize zur Arbeitsaufnahme" und subsumiert sie unter "Vergrößerung der Freiheit"; was Gauck mit "leben und leben lassen" meint, ist letztlich für die Ärmeren das Gegenteil; und so fort.
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Dann bin ich halt bekloppt. Mit den Augen rollen

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Beitrag(#1535861) Verfasst am: 07.09.2010, 18:28    Titel: Antworten mit Zitat

Critic hat folgendes geschrieben:
Jemand von der "Jungen Union" wird seinen Wirtschaftslobbyismus aber auch "mit Leidenschaft" und "Inbrunst" betreiben und auf der Klaviatur von "Freiheit" und "Gerechtigkeit" spielen. Letztlich sind das doch Verdrehungen von Worten. Man bezeichnet Leistungskürzungen, Strafen, Druck und Zwang als "Anreize zur Arbeitsaufnahme" und subsumiert sie unter "Vergrößerung der Freiheit";


Ich würde den Unionler sogar auf seiner Klaviatur begleiten, wenn sie nur tatsächlich einen sozialen Nutzen hätte, und nicht nur einen individuellen Nutzen, welcher sich in einem Nutzen für Reiche äußert.

Aber wie du zurecht schreibst, zeigt sich der Nutzen nur für das Clientel - und dem angeblich darauffolgenden Mehrwert für alle. ODER DIE VERTEIDIGUNG EINER GANZ SPEZIELLEN LESART VON LIBERALISMUS - WÜRG

Ein schönes Beispiel ist jetzt ja z.B. die AKW-Laufzeitverlängerung. Wem nutzt und wem schadet die Entscheidung?

(Die nächsten Tage, wenn ich mehr Zeit habe, post' ich noch ein paar crazy Interviews die ich gelesen habe)
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Beitrag(#1542015) Verfasst am: 18.09.2010, 17:01    Titel: Antworten mit Zitat

Die FDP macht einem echt zu schaffen...

Jetzt wird's schaurig, empörend, augenreibend und


Genauso wie die Konservativen aufbegehren und eine neue Hinwendung zu alter Definition anstreben,
genauso fordern dies die ganzen neoliberalen Hohlköpfe und angeblichen Leistungsträger und Wirtschaftsweisen. All die Erkenner der Sachzwänge und Versteher der wirtschaftlichen Vernunft.

Wie in bisher erwähnt finden sich diese Birnen z.B. in der 'Initiative neue soziale Marktwirtschaft', in der 'Hayek'-Stiftung und ganz frisch in der neu gegründeten Initiative "Liberaler Aufbruch" innerhalb der FDP.

Wie dem Thread zu entnehmen empfinde ich Handlungsfreiheit mit als höchstes Gut. Doch wer darf an diesem Gedanken bei wem Teilhaben??

Lassen wir den "LIBERALEN AUFBRUCH" zu Wort kommen, so lesen wir auf der Homepage des (Mit-)Gründers FPD-Politiker Frank Schäffler:

Zitat:
...In den letzten Monaten wurde aber offensichtlich, daß die FDP keine klassisch-liberale Partei ist. ...


Zitat:
...Obwohl der Liberalismus geschichtlich die erste politische Richtung war, die dem Wohle aller, nicht dem besonderer Schichten dienen wollte, ist es der FDP bislang nicht gelungen, diesen Grundsatz glaubwürdig in Tagespolitik umzusetzen. ...


Zitat:
...Wäre die heutige FDP glaubwürdig als klassisch-liberale Partei aufgestellt, als Partei, die das Wohl aller will und nicht das besonderer Schichten und einzelner Personen und die sich deshalb strikt an rechtsstaatliche Grundsätze hält, dann würde auch das FDP-Bashing von Merkel und Seehofer ins Leere laufen.

Die FDP muss als Rechtsstaatspartei erkennbar sein, deren höchster Grundsatz die individuelle Freiheit ist. Wir machen hingegen seit den 70er Jahren enorme Zugeständnisse an den Kollektivismus und das materielle Gleichheitsdenken. Diese Zugeständnisse sind auch die Ursache dafür, dass wir uns nicht trauen, ein Europa der individuellen Freiheit zu fordern und als Amtsträger entsprechend zu handeln.


Zitat:
Der Liberale Aufbruch sieht ... als seine oberste Aufgabe ... den Schutz der individuellen Freiheit. ... Individuelle Freiheit heißt, dass Menschen unabhängig von der nötigenden Willkür anderer Menschen leben können.


(hierzu NOCHMAL passend das Zitat aus dem Handelsblatt vom Leiter der Hayek Stiftung Gerd Haberman:
Zitat:
nicht ein Anspruch auf Staatsleistungen („Freiheit von Not“), sondern das Freisein vom Herumkommandiertwerden durch andere Menschen, was ärmliche Lebensverhältnisse nicht ausschließen muss (z.B. der arme Almbauer).
)

zurück zur FDP-Freiheit (eh der gleiche sozialdarwinistische Brei)
Zitat:
Durch allgemeine und abstrakte Regeln soll sichergestellt werden, dass jeder Mensch – sei er Arbeiter oder Unternehmer, adliger, bürgerlicher oder proletarischer Herkunft, reich oder arm – frei leben kann. Der Staat ist deshalb eine Vereinigung von Bürgern unter Rechtsgesetze, durch die die gleiche Freiheit für alle hergestellt und gesichert wird. Das Recht ist mit der Befugnis zur Anwendung von Zwang verbunden, und nur der Staat hat das Recht zur Ausübung von Zwang. Aber er hat es auch nur, um eine Verfassung von der größten Freiheit zwischen Menschen zu errichten und zu sichern, nicht von der größten Glückseligkeit und Wohlfahrt. Der Staat darf keine Glücks- und Wohlfahrtsvorstellungen per Gesetz – und das heißt per Zwang – durchsetzen oder fördern. Der Staat hat lediglich dafür zu sorgen, dass die Glücks- und Wohlfahrtsvorstellungen der Menschen nebeneinander bestehen können. Glücks- und Wohlfahrtsvorstellungen sind ausschließlich individuelle Lebensführungsprogramme. Kein Mensch, keine Gruppe, keine noch so demokratisch gewählte Mehrheit und auch kein Staat haben deshalb das Recht, Menschen zu zwingen, auf eine bestimmte Art und Weise glücklich zu sein.


ABER DER STAAT HAT NACH DEM VERSTÄNDNIS DIESES NEOLIBERALEN DAS RECHT MENSCHEN ARM ZU HALTEN; WENN SIE AUFBEGEHREN; WENN SIE SICH WEHREN;; DENN DANN WÄRE JA DIE FREIHEIT DES REICHEN GEFÄHRDET Komplett von der Rolle Nein

Zitat:
...muß sich die FDP der herrschenden freiheitsfeindlichen Politik entgegenstellen...


herrschenden freiheitsfeindlichen Politik=
Zitat:
Herrschaft der opportunistischen Einzelfälle und der Glücks- und Wohlfahrtsförderung

und das sind
Zitat:
konsequent liberale Grundsätze





auf der Seite der Hayek-Stiftung ein präsentiertes Zitat vomm Hayek:

Zitat:
Freiheit und "Altruismus"

"Allgemeiner Altruismus ist .... sinnlos. Niemand kann sich wirklich um alle anderen kümmern; die Verantwortungen, die wir übernehmen können, müssen immer partikulär sein, sie können nur jene betreffen, von denen wir konkrete Tatsachen wissen und mit denen wir uns entweder durch Wahl oder durch besondere Umstände verbunden fühlen. Es gehört zu den fundamentalen Rechten und Pflichten eines freien Menschen, zu entscheiden, welche und wessen Bedürfnisse ihm am wichtigsten erscheinen."
(Die Verfassung der Freiheit, 3. Aufl., Tübingen 1991, S. 98 )



so ein Irrsinn.... so ein Sozialdarwinismus... und der Medienmainstream kaut die Scheiße auch noch tagtäglich nach

so liest man im Focus

Zitat:
Für eine neue konservative Partei bringen Meinungsforscher vor allem Friedrich Merz, Wolfgang Clement, Thilo Sarrazin, Roland Koch und auch Joachim Gauck ins Gespräch. Die Kandidaten stünden vor allem für Kompetenz in Sachen Wirtschafts- und Sozialpolitik. Der frühere DDR-Bürgerrechtler Joachim Gauck würde der Partei ein moralisches Fundament geben.



so ein Irrsinn.... so ein Sozialdarwinismus... und der Medienmainstream kaut die Scheiße auch noch tagtäglich nach
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Beitrag(#1546217) Verfasst am: 27.09.2010, 06:14    Titel: Antworten mit Zitat

Grußwort von Joachim Gauck auf dem Bundesparteitag der SPD 2010

Der relevante Teil der Rede findet sich zwischen Minute 11:10 bis 13:56.
(übrigens war der Saal zum Beginn seiner Rede zu über der Hälfte leer...deswegen hat Gabriel den Delegierten "quasi-befohlen" zurück zukehren - ich hoffe, dass war ein Statement vieler SPDler gegen manche Sichtweisen von Gauck)



Bin ich froh, dass einige Kommentare bei Youtube in die, meiner Meinung nach, richtige Richtung gehen, z.B.:

Zitat:
Gauck war noch nie unparteiisch...Im Gegenteil : er ist noch konservativer als Wulff. Allein seine Befürwortung des Afghanistankrieges, sein Einsatz für die AGENDA 2010 zeigt doch, wessen Geistes Kind er ist. Auf dem Parteitag einer Partei, die sich sozialdemokratisch nennt, hat er eigentlich nichts zu suchen...


Zitat:
Grausam.....

So ein Beton-Antisozialist ist mir selten untergekommen. Es traurig wie weit meine SPD schon gekommen ist. Der Genosse Schuhmacher dreht sich doch im Grabe um, einer der noch stolz war von sich zu sagen er sein Sozialist! Tja, und langsam aber sicher wird die SPD ein konversativer Haufen. Progressiv sind wir schon seit Brandt quasi nicht mehr.

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