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GWUP: Diskussion um den sogenannten _Wokeismus_
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Myron
Metaphysischer Materialist



Anmeldungsdatum: 01.07.2007
Beiträge: 3525

Beitrag(#2305270) Verfasst am: 10.05.2024, 07:11    Titel: Antworten mit Zitat

"Kritisierst Du noch, oder cancelst Du schon? Warum wissen­schaftlicher Skeptizismus freien Diskurs braucht" von André Sebastiani
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Myron
Metaphysischer Materialist



Anmeldungsdatum: 01.07.2007
Beiträge: 3525

Beitrag(#2305271) Verfasst am: 10.05.2024, 08:18    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
Myron hat folgendes geschrieben:

Zitat:
"Key methodologies in cultural studies
…On the whole, cultural studies has favoured qualitative methods with their focus on cultural meaning.…"

(Barker, Chris, & Emma A. Jane. Cultural Studies: Theory and Practice. 5th ed. London: SAGE Publications, 2016. pp. 35-6)


In den Cultural Studies wird also vorwiegend (wenn nicht ausschließlich) "weiche Wissenschaft" betrieben.

Im wissenschaftstheoretischen Diskurs gibt es bekanntlich einen umstrittenen Gegensatz von Erklären und Verstehen, und einen entsprechenden Gegensatz von positivistischer (strikt empirischer/nomologischer/explanativer/quantitativer) Kultur-/Sozialwissenschaft und antipositivistischer (hermeneutischer/interpretativer/qualitativer) Kultur-/Sozialwissenschaft.


Die Frage, ob die Critical/Cultural Studies mit ihren qualitativen Methoden echte Wissenschaft oder bloß Scheinwissenschaft betreiben, hängt von der allgemeinen wissenschaftstheoretischen Frage ab, was genau eine echte Wissenschaft ausmacht und von einer Nicht- bzw. Scheinwissenschaft unterscheidet.

Science and Pseudo-Science: https://plato.stanford.edu/entries/pseudo-science/

Zitat:
"Common Qualitative and Quantitative Terms

Qualitative research ——— Quantitative research
Research question ——— Hypothesis
Subjective ——— Objective
Engaged researcher ——— Neutral observer
Transformative intellectual ——— Disinterested scientist
Research process ——— Operationalization
Critique ——— Predict
Experience ——— Experiment
Information ——— Data
Analysis ——— Measurement
Interpretation ——— Bias
Understanding ——— Explanation, prediction and control
Imbued with values ——— Value-free
Reconstructions ——— Cause and effect
Occurrence ——— Replication
Authenticity ——— Validity
Trustworthiness ——— Reliability
Contexts ——— Variables
Insights ——— Generalizations"

(Brennen, Bonnie S. Qualitative Research Methods for Media Studies. 2nd ed. New York: Routledge, 2017. pp. 15-6)
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tillich (epigonal)
hat Spaß



Anmeldungsdatum: 12.04.2006
Beiträge: 21821

Beitrag(#2305277) Verfasst am: 10.05.2024, 22:08    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
Ist es für dich nichts weiter als Panikmache, wenn man sich über das derzeitige Treiben der militanten postkolonialen Linken (als Teil der Free-Palestine-Front) an den Unis beschwert?

Nein. Wenn man eine konkrete Sache (!) begründet (!) und differenziert (!) kritisiert, habe ich damit überhaupt kein Problem. Was dem verständigen Leser des Threads klar sein sollte.

Es würde mich sehr glücklich machen, wenn alle Leute, die irgendwelche Unsinnsbücher a la "Woke!!! Ganz ganz schlimm!!! Alle Säue des Dorfs jetzt auch von mir noch mal weitergetrieben!" veröffentlichen, stattdessen genau das machen würden.
_________________
"YOU HAVE TO START OUT LEARNING TO BELIEVE THE LITTLE LIES." -- "So we can believe the big ones?" -- "YES."

(Death / Susan, in: Pratchett, Hogfather)
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smallie
resistent!?



Anmeldungsdatum: 02.04.2010
Beiträge: 3658

Beitrag(#2305278) Verfasst am: 10.05.2024, 22:35    Titel: Antworten mit Zitat

tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
smallie hat folgendes geschrieben:
Auch wenn es nur eine Hypothese ist, sie gehört erwähnt.

Nein, sie gehört nicht zwingend erwähnt. Humanmedizin und Gesundheitswissenschaften würden - das habe ich oben schon gesagt - zuerst untersuchen, was ist, d.h. ob es eine unterschiedliche Lebenserwartung zwischen den Geschlechtern gibt und wodurch sie konkret, d.h. bei den einzelnen Individuen, verursacht wird.

Jetzt hat's bei mir Klick gemacht, und ich verstehe, was du mit Pferd von hinten aufzäumen gemeint hast.

Ich würde instinktiv den gegenteiligen Weg einschlagen und mir erst die biologische Grundlinie, das Basisalter suchen, wie alt Menschen beiderlei Geschlechtes werden. Und davon ausgehend nach kulturellen Einflüssen suchen. Aber genaugenommen wird man das Pferd von beiden Seiten aufzäumen müssen. Um die biologische Grundlinie zu finden, brauche ich eine ungefähre Vorstellung, was kulturelle Einflüsse sind, um sie auszuschalten oder Beispiele zu finden, in denen sie fehlen. Wenn du beim Kulturellen beginnst, weißt du nicht, welcher Anteil auf die Biologie zurückgeht.


tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
[Vergleich mithilfe eines ganz anderen Themas: Sichelzellkrankheit.

Das ist zum Muster für viele andere Thesen geworden, mal mehr, mal weniger überzeugend.

    - "Nachteilige Eigenschaften müssen durch positive Effekte aufgewogen werden, sonst wären sie ausgestorben."
    - "Schizophrenie gleicht ihre Nachteile durch Vorteile an anderer Stelle aus, sonst würde sie aus dem Genpool verschwinden."


tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
Du verwechselst also systematisch die medizinische und die evolutionsbiologische Fragestellung. Die Fragestellung, warum Frauen eine höhere Lebenserwartung haben, ist aber rein medizinisch. Erst mit einer medizinischen Antwort darauf könnte man die evolutionsbiologische Fragestellung angehen.

Das ist keine Verwechslung. nee Bitte in "unverschämten, systematischen Reduktionismus" ändern, dann fühle ich mich angesprochen. Mr. Green

Medizin ist nur ein anderes Wort für "biologische Details beim Menschen". Weil nichts in der Biologie Sinn ergibt, außer im Lichte der Evolution, kann die Medizin nur eine mittelbare Antwort geben, sie ist nur ein Proxy für - Evolutionsbiologie.


tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
Dazu kommt, wie ich oben schon argumentierte, dass die Großmutterhypothese nur eine Antwort darauf liefert, warum es beim Menschen einen relativ großen Anteil an Individuen gibt, die nicht (mehr) unmittelbar an der Fortpflanzung beteiligt sind; nicht aber darauf, warum die Lebenserwartung von Frauen höher sein sollte.

Das ist einfach.

    - Was passiert, wenn Wilderer vorwiegend Elephanten mit großen Stoßzähnen schießen? Die Größe der Stoßzähne nimmt ab.

    - Was passiert, falls ab sofort die Körpergröße bei Menschen über den Fortpflanzungserfolg entscheidet? Dann werden die Menschen im Schnitt größer (oder kleiner, je nachdem.)

    - Was passiert, wenn die Anwesenheit einer Großmutter in der Familie die Überlebenswahrscheinlichkeit ihrer Enkel erhöht? Dann sollte man analog vermuten, daß die Zahl der Großmütter zunimmt - was nur geht, wenn sie länger leben.


Ob das wirklich so ist, muß man erst zeigen. Eckhart Voland hat friesische Kirchenregister gesichtet. Die Zahlen sehen so aus. Die zugrundeliegende Arbeit habe ich nicht gelesen, steht also wie die Klosterstudie erstmal unter mildem Vorbehalt.

Zitat:
Warum gibt es Großmütter?
Jan Breise und Eckart Voland - 2003

Dagegen wirkte sich die Großmutter mütterlicherseits fast durchgehend günstig aus. Im Durchschnitt erlebten von tausend Kindern etwa 126 nicht den ersten Geburtstag. War diese Oma vorhanden, starben im ersten Lebensjahr etwa 93. Am deutlichsten zeigte sich der Effekt in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres. In diesem Altersabschnitt starben ohne sie fast 34 anstatt etwa 17 von tausend Kindern. Die Großmutter mütterlicherseits half sozusagen mit, allein in diesem Lebensabschnitt etwa jedes zweite Kind zu retten, das sonst gestorben wäre.

Alles weitere ist Spekulation.


tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
smallie hat folgendes geschrieben:
tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
Auch die von dir im Zitat vermisste Unterschiedung von sex und gender kommt ja explizit vor.

Jetzt kann ich nicht folgen. Was meinst du?

Du hattest oben bemängelt, der Artikel versteife sich "auf soziale Ursachen, ohne andere Erklärungen überhaupt in Betracht zu ziehen." Soziale Ursachen wären der "gender"-Aspekt, andere - du meinst ja offensichtlich rein körperliche - Ursachen der "sex"-Aspekt.

Jetzt kommen wir der Sache näher. Hoffe ich.

Naiv gedacht könnte der Mensch, sagen wir, mit 8 Jahren geschlechtsreif und nur dreißig Jahre alt werden. (Keine optimale Strategie für Kulturwesen.) Das Höchstalter eines Menschen wird oft in Richtung 110 oder mehr Jahre geschätzt. Wie alt ein Mensch werden kann, ist primär biologisch bestimmt. Hat sich vor, weiß nicht, 100 000 Jahren oder auch einer Million Jahren so eingependelt. Also so oder noch älter:


https://en.wikipedia.org/wiki/File:San_Schmuck.JPG

Das ist eine völlig andere Sicht der Dinge, als im Volksverpetzer-Artikel:

Gegen Moral Panic hat folgendes geschrieben:
Männlichkeitsideale tragen zu einer erhöhten Risikobereitschaft bei, beispielsweise tendieren insbesondere junge Männer zu riskantem Verhalten im Straßenverkehr, wodurch sie deutlich häufiger Straßenverkehrsunfälle verursachen und auch häufiger verunglücken.

Autos gibt es seit 120 Jahren. Besonders viele Spuren werden sie in unserem Genom noch nicht hinterlassen haben.

Schon erstaunlich, welch unterschiedliche Assoziationen man zu einem Thema haben kann.


tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
smallie hat folgendes geschrieben:
Eher nicht. Menschen in unterschiedlichen Regionen sind unterschiedlich groß. Die Größendifferenz zwischen den Geschlechtern bleibt erhalten.

Richtig. Eben. Die prozentuale Größendifferenz bleibt auch bei stark unterschiedlichen Durchschnittsgrößen mehr oder weniger erhalten. Die Lebenserwartungsdifferenz bleibt aber nicht in ähnlichem Ausmaß erhalten, sondern kann weit stärker schwanken - bis zum Faktor 4 (Bsp.: VAE 2,8 Jahre Differenz, Russland 11,3).

Die Lebenserwartung lag vor 150 Jahren noch ganz wo anders. Das hat weder etwas mit Evolutionsbiologie noch mit Gender-Zeug zu tun, sondern mit der geringeren Säuglingssterblichkeit dank moderner Medizin. Als Graphik: Lebenserwartung bei der Geburt Von hier.

Du wirst jetzt vielleicht einwenden, es geht nicht um Lebenserwartung im Allgemeinen, sondern um den Unterschied zwischen den Geschlechtern. Ok.

Die Variabilität der Lebenserwartung ist groß. Von den Menschenaffen zum sapiens, beim Menschen je nach Stand der Medizin und natürlich auch nach sozialen, meinetwegen Gender-Umständen. Die Behauptung von Hornberg und Co., die soziale Ebene sei die primäre, halte ich für etwas voreilig. Das klappt nur, wenn man die Biologie als gegeben betrachtet und sie nicht als Variable und Ergebnis einer weit über hunderttausend Jahre langen Geschichte begreift.

Läßt man alles weg, was nicht gender-sozial ist, bleibt natürlich das gender-soziale als primärer Effekt übrig.
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"There are two hard things in computer science: cache invalidation, naming things, and off-by-one errors."


Zuletzt bearbeitet von smallie am 10.05.2024, 23:22, insgesamt einmal bearbeitet
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smallie
resistent!?



Anmeldungsdatum: 02.04.2010
Beiträge: 3658

Beitrag(#2305279) Verfasst am: 10.05.2024, 22:59    Titel: Antworten mit Zitat

Für's Archiv. Muß man nicht lesen. Wollte den obigen Beitrag nicht unnötig verlängern, will die Zitate aber auch nicht wegwerfen, nach dem ich sie schon herausgesucht habe.

Jedenfalls ist die Großmutter-These nicht die einzige biologische These zur Altersdifferenz. Auch andere bleiben bei Hornberg etc. unerwähnt.

Zitat:
Why do women outlive men?
Max-Planck-Institut

Während Frauen zwei X-Chromosomen haben, verfügen Männer über ein X-Chromosom und ein Y-Chromosom. Wichtige genetische Informationen auf dem X-Chromosom sind daher bei Frauen doppelt vorhanden und können mögliche Genmutationen und Defekte auf dem anderen X-Chromosom ausgleichen.

Dies ist bei Männern nicht der Fall und ist zum Beispiel für die bei Männern viel häufiger auftretende Farbenblindheit verantwortlich. Ein Schlüsselfaktor bei der Alterung könnte sein, dass das X-Chromosom auch Gensegmente enthält, die das Immunsystem des Körpers beeinflussen

https://www.age.mpg.de/why-do-women-live-longer-than-men


Nur einen Satz zitiert:

Zitat:
Sex Differences in Lifespan
Steven Austad, Kathleen E. Fischer - 2016

Alternativ wurde angenommen, dass die sexuelle Selektion eine wichtige Rolle bei den Unterschieden in der Langlebigkeit zwischen den Geschlechtern spielt, da davon ausgegangen wird, dass sexuell selektierte Merkmale evolutionäre Fitnesskosten verursachen.

https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4932837/

_________________
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Myron
Metaphysischer Materialist



Anmeldungsdatum: 01.07.2007
Beiträge: 3525

Beitrag(#2305280) Verfasst am: 11.05.2024, 02:31    Titel: Antworten mit Zitat

Ein lesenswerter Text von Holger Marcks zum GWUP-internen Streit:

https://mit-cks.net/memo-das-skeptische-spektakel/
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Myron
Metaphysischer Materialist



Anmeldungsdatum: 01.07.2007
Beiträge: 3525

Beitrag(#2305288) Verfasst am: 11.05.2024, 21:24    Titel: Antworten mit Zitat

+++BREAKING NEWS+++

Die Würfel sind gefallen:

"Auf der Mitgliederversammlung wurde #TeamSebastiani als Vorstand gewählt, der nun mit frischen Ideen für den wissenschaftlichen Skeptizismus an den Start geht – offen für neues Engagement und neue Mitglieder!"

Quelle: https://twitter.com/gwup/status/1789362069768138853
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Myron
Metaphysischer Materialist



Anmeldungsdatum: 01.07.2007
Beiträge: 3525

Beitrag(#2305289) Verfasst am: 12.05.2024, 01:20    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
Unter science studies kann man im weiten Sinn Wissenschaftswissenschaft (science of science) verstehen, die folgende Bereiche umfasst: Wissen(schaft)ssoziologie, Wissenschaftspsychologie und Wissenschaftsgeschichte. Die Wissenschaftswissenschaft überschneidet sich mit der Wissenschaftsphilosophie/-theorie.

Im engeren Sinn verstehe ich unter science studies einen Zweig der linkspolitisch ausgerichteten (critical) cultural studies, der sich mit den Gebieten der allgemeinen Wissenschaftswissenschaft und -philosophie überschneidet.

Die großen Gegensätze:
– Naturalismus vs. Konstruktivismus
– Realismus vs. Instrumentalismus
– Repräsentationalismus vs. Antirepräsentationalismus
– epistemischer Fundamentalismus (Universalismus) vs. epistemischer Antifundamentalismus (Antiuniversalismus)
– Positivismus vs. Antipositivismus

Der wissenschaftliche Konstruktivismus (scientific constructivism) ist ein großes Thema in den science studies.


Eine Übersicht über die betreffenden Bereiche:

1. philosophy of science (Wissenschaftsphilosophie/-theorie)
1.1 philosophy of social science (Wissenschaftsphilosophie/-theorie der Sozialwissenschaft)
2. social/cultural science (Sozial-/Kulturwissenschaft)
2.1 sociology (Soziologie)
2.1.1 sociology of science (Wissenschaftssoziologie)
2.1.2 sociology of (scientific) knowledge (Wissenssoziologie)
2.2 history (Geschichtswissenschaft)
2.2.1 history of science (Wissenschaftsgeschichte)
2.3. social/cultural anthropology (Sozial-/Kulturanthropologie)

4. social/cultural studies (Sozial-/Kulturstudien)
4.1 social/cultural studies of science = science studies (Sozial-/Kulturstudien der Wissenschaft = Wissenschaftsstudien)

(Der obige Trennstrich soll nicht bedeuten, dass es keine Überschneidungen zwischen 4.1 und den Bereichen 1&2 gibt.)

Die Wissenschaftsstudien (Wissenschafts- & Technologiestudien) lehnen die "abgehobene" traditionelle Wissenschaftstheorie ab, insbesondere die logisch-empiristische/positivistische und kritisch-rationalistische.

Wie wissenschaftlich sind die Science Studies?
Der prominente Wissenschaftstheoretiker Larry Laudan hat 1981 einen Aufsatz mit dem Titel "The Pseudo-Science of Science?" veröffentlicht und sich dabei auf das "starke Programm" der Wissenschaftswissenssoziologie (Sociology of Scientific Knowledge) bezogen. Diesem spricht er den Wissenschaftsstatus ab:

Zitat:
"What is crucial is the recognition that the pretensions of the strong programme to honorfic status as a science are thus far unfounded."

(Laudan, Larry. "The Pseudo-Science of Science?" 1981. Reprinted in Scientific Rationality: The Sociological Turn, edited by James Robert Brown, 41-73. Dordrecht: Springer, 1984. p. 53)


Allgemein gefragt: Sind die Wissenschaftsstudien (Sozial-/Kulturstudien der Wissenschaft) die Pseudowissenschaft der Wissenschaft?
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Myron
Metaphysischer Materialist



Anmeldungsdatum: 01.07.2007
Beiträge: 3525

Beitrag(#2305290) Verfasst am: 12.05.2024, 01:47    Titel: Antworten mit Zitat

Was sind die Science Studies/Wissenschaftsstudien (Social/Cultural Studies of Science / Sozial-/Kulturstudien der Wissenschaft)?

Zitat:
"Wesentlichen Anteil an dem steigenden sozial- und kulturwissenschaftlichen Interesse an wissenschaftlichen und technologischen Fragen hat ein Forschungsfeld, das sich in den 1970er Jahren herausbildete: die Science and Technology Studies (STS ).1 Mit ihnen trat neben die Wissenschaftstheorie und -philosophie, die auf die normativen und institutionellen Bedingungen sowie die epistemologischen Grundlagen der Wissenschaft fokussierte, eine empirisch orientierte und dezidiert methodisch reflexive Analyse der Produktion und Aneignung wissenschaftlichen Wissens. Das Forschungsinteresse verlagerte sich damit von der Rekonstruktion einer universalistischen Rationalität oder einer allgemeinen Analyse der Funktion von Wissenschaft hin zu den konkreten historischen, sozialen und kulturellen Bedingungen der Wissensproduktion. Hinzu kam nach kurzer Zeit schon eine Erweiterung des analytischen Fokus. Die STS untersuchten nicht nur die "Fabrikation" naturwissenschaftlichen Wissens, sondern nahmen auch technologische Artefakte und medizinische Praktiken in den Blick.

1 Das Akronym STS steht meist für Science and Technology Studies; auch der Sammelbegriff Science, Technology and Society ist üblich. Zuweilen wird das Forschungsfeld auch als Science Studies oder Social Studies of Science and Technology bezeichnet."

(Bauer, Susanne, Torsten Heinemann, & Thomas Lemke, Hrsg. Science and Technology Studies: Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2017. S. 7)


Zitat:
"Das transdisziplinäre Forschungsfeld der Science and Technology Studies (STS ) entstand in den 1970er Jahren am Schnittpunkt unterschiedlicher gesellschaftspolitischer Debatten und theoretischer Diskurse. Die Etablierung dieser Forschungsperspektive verdankt sich zunächst der wachsenden Bedeutung sozialer Bewegungen und radikaler Wissenschafts- und Technologiekritik in den 1960er und 1970er Jahren. In diesen Zusammenhängen wurden insbesondere die Voraussetzungen und Folgen kontroverser Technologien wie der Atomtechnologie, der Informations- und Kommunikationstechnologien oder der Gen- und Reproduktionstechnologien thematisiert. Im Fokus der Kritik standen die Vorstellung, dass wissenschaftliche und technologische Innovationen gleichbedeutend mit gesellschaftlichem Fortschritt seien, sowie die Annahme einer von gesellschaftlichen Interessen prinzipiell unabhängigen Forschung. Die in den 1970er Jahren in Westeuropa sowie in Nordamerika an Bedeutung gewinnende marxistische und feministische Wissenschaftsforschung sowie wissenschaftskritische Bewegungen innerhalb der Natur- und Ingenieurwissenschaften selbst problematisierten die Verflechtung universitärer Forschung mit ökonomischen und militärischen Interessen. Ein Beispiel dafür ist etwa die Radical-Science-Bewegung in Großbritannien, deren kritisches Augenmerk sich auf militärtechnologische Großprojekte während des Kalten Krieges, technologisch bedingte Umweltschäden und die Hegemonie westlicher Naturwissenschaften richtete. Weite Teile der entstehenden STS griffen diese Debatten in ihren Forschungsarbeiten auf.

Im gleichen Zeitraum entstand eine Reihe neuer theoretischer Debatten in den Geistes- und Sozialwissenschaften, die für die Untersuchung von Wissenschaft und Technik genutzt wurden. Zwei wissenschaftliche Entwicklungen waren dabei für die Konstitution des Forschungsfeldes der STS besonders wichtig. Zum einen erlaubte die Konjunktur sozialkonstruktivistischer und poststrukturalistischer Theorien in den 1970er Jahren eine kritische Distanz gegenüber positivistischen und realistischen Traditionen in der Wissenschaftstheorie und -philosophie. Zum anderen wurden Praktiken und Orte der Produktion von Wissen in wissenschaftssoziologische Fragestellungen zu den strukturellen und institutionellen Rahmenbedingungen von Wissenschaft einbezogen.

Kennzeichnend für die STS war also eine doppelte Erweiterungs- beziehungsweise Abgrenzungsbewegung. Die erste bezog sich auf die Auseinandersetzung mit der Wissenschaftstheorie, die von der Tradition des Logischen Positivismus und des Kritischen Rationalismus gekennzeichnet war. Diese begriff die Erkenntnisproduktion im Anschluss an die Arbeiten des Wiener Kreises sowie Karl Poppers vor allem als einen rationalistischen Prozess und untersuchte die Wissensgenese als weitgehend unabhängig von materiellen und sozialen Bedingungen. Mit diesem Fokus auf die "Logik der Forschung" richtete sich das Augenmerk auf die internen Geltungsbedingungen des Wissens, während seine komplexen Entstehungs- und Akzeptanzbedingungen tendenziell unberücksichtigt blieben. Dieses rationalistische Konzept der Erkenntnisproduktion führte zu einer strikten Unterscheidung und prinzipiellen Hierarchisierung von Wissenstypen, die das wissenschaftliche Wissen dem Alltagswissen sowie richtiges dem falschen Wissen gegenüberstellte.

Thomas Kuhn sorgte mit seinem 1962 erschienenen Buch Die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen für einen grundlegenden Perspektivwechsel und ein Umdenken in der Wissenschaftstheorie. Die Studie stellte den Begriff des Paradigmas ins Zentrum, das disziplinäre Forschungsinhalte über längere Zeiträume hinweg in spezifischer Weise organisiert, bis es im Zuge wissenschaftlicher Revolutionen zu einem "Paradigmenwechsel" kommt. Kuhn bezog sich dabei unter anderem auf einen bis dahin weitgehend vergessenen Klassiker der Wissenschaftsforschung: Ludwik Fleck. Fleck prägte bereits in den 1920er und 1930er Jahren Begriffe wie "Denkstil" oder "Denkkollektiv" und interpretierte als Erster die Produktion wissenschaftlicher Fakten nicht als einen logisch-rationalen Prozess und eine objektive Repräsentation von Natur, sondern als eine soziale Praxis. Die Studien Flecks zur medizinischen Forschungspraxis wurden von der entstehenden sozialkonstruktivistischen Wissenschafts- und Technikforschung rezipiert und weiterentwickelt. Statt davon auszugehen, dass Wissenschaft Naturgesetze einfach repräsentiert, registriert oder entdeckt, war es das Ziel der sich formierenden STS, die Entstehungskontexte und Akzeptanzbedingungen des Wissens genauer zu untersuchen. Wissenschaft und Technologie entwickeln sich demnach nicht quasi-automatisch, linear oder aus einer ihnen selbst innewohnenden Logik heraus, sondern werden in ihrer Entstehung, Anwendung und Verbreitung durch sozio-kulturelle Faktoren bestimmt. Damit verschob sich der Akzent wissenschaftstheoretischer Fragestellungen von abstrakten Erkenntnisprozessen zu empirisch zu beantwortenden Fragen nach den konkreten wissenschaftlichen Praktiken sowie den spezifischen Orten der Wissensproduktion.

Hinzu kam eine zweite Erweiterungsbewegung, die weniger die Wissenschaftsphilosophie als die Wissenschaftssoziologie betraf. Diese etablierte sich in den 1930er Jahren als eigenständiges Feld innerhalb der Soziologie. Die Aufmerksamkeit dieser soziologischen Teildisziplin lag in den folgenden Jahrzehnten auf der Untersuchung der Wissenschaft als einer gesellschaftlichen Institution. Im Anschluss an die prägenden Arbeiten von Robert K. Merton analysierte die Wissenschaftssoziologie die normativen Grundlagen des wissenschaftlichen "Ethos" und die organisatorischen Voraussetzungen wissenschaftlicher Forschung. Der Schwerpunkt lag dabei auf den Kontexten wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion mit dem Ziel, die strukturellen und funktionalen Bedingungen einer als universell verstandenen Wissenschaft zu untersuchen. Weitgehend ausgeblendet blieben hingegen die Entstehungsbedingungen und Inhalte des Wissens. Die Wissenschaftssoziologie beschränkte sich also auf die Rahmenbedingungen wissenschaftlichen Wissens, ohne dessen epistemische Inhalte und materielle Voraussetzungen selbst zum Gegenstand der Forschung zu machen. Hier setzten die STS ein, die den Akzent von der Wissenschaftssoziologie zur "Soziologie wissenschaftlichen Wissens" verschoben.

Das sozialkonstruktivistische Programm und der Impuls, neue Räume für empirische Forschungsarbeiten zu öffnen, prägten entscheidend das erste Jahrzehnt der STS. Den Auftakt machte eine Forschungsperspektive, die zunächst vor allem in Großbritannien entwickelt und unter dem Namen Social Studies of Knowledge (SSK) bekannt wurde. Ihre wichtigsten Vertreter_innen arbeiteten an den Universitäten von Edinburgh und Bath. Die wissenschaftliche Wertschätzung der SSK ist eng mit den Arbeiten von David Bloor, Barry Barnes, Michael Mulkay, Andrew Pickering, Donald Mackenzie und Harry Collins verbunden.

Das Gründungsdokument dieses Forschungsprogramms ist der in diesem Band zum ersten Mal in deutscher Übersetzung publizierte Text "Das starke Programm in der Wissenssoziologie", der das Eröffnungskapitel des Mitte der 1970er Jahre erschienenen Buches Knowledge and Social Imagery von David Bloor bildet. Dieser einflussreiche Text formuliert das sogenannte starke Programm (strong programme) und fordert in vier Grundprinzipien eine radikale Neuausrichtung und substantielle Erweiterung der Wissenschaftssoziologie. Waren bis dahin soziologische Untersuchungen wissenschaftlichen Wissens auf Forschungshypothesen und Theorien beschränkt, die sich im weiteren historischen Verlauf als "fehlerhaft" oder "ideologisch" herausstellten, fordert Bloor eine "neutrale" und "symmetrische" Analyseperspektive. Nicht nur das falsche oder ideologische Wissen, sondern auch und vor allem das als wahr anerkannte wissenschaftliche Wissen solle zum Gegenstand soziologischer Analyse gemacht werden. Dabei sei gerade das scheinbar objektive, als besonders valide und "hart" begriffene naturwissenschaftliche und mathematische Wissen nicht auszusparen. Bloors grundlegende These ist, dass – unabhängig von ihrer Geltung und internen Konsistenz – ausnahmslos jede Form wissenschaftlichen Wissens gesellschaftlichen Einflussfaktoren unterliegt. Demnach lassen sich Wissensbestände und Erkenntnisformen aus der Untersuchung der ihnen zugrundeliegenden sozialen Kontexte und materiellen Bedingungen erklären. Die epistemischen Inhalte des wissenschaftlichen Wissens – und nicht nur dessen organisationale Voraussetzungen oder sozialen Rahmenbedingungen – werden damit prinzipiell als gesellschaftliches Phänomen begriffen."

(Bauer, Susanne, Torsten Heinemann, & Thomas Lemke, Hrsg. Science and Technology Studies: Klassische Positionen und aktuelle Perspektiven. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2017. S. 11-5)


Zitat:
"Science Studies ist ein vielschichtiger Begriff, der mehr als nur einen Gegenstandsbereich oder einen bestimmten Forschungsansatz umfasst. In der interdisziplinären Wissenschaftsforschung, an der heute neben Wissenschaftsgeschichte, Soziologie und Philosophie Disziplinen wie Kulturanthropologie, Geographie und Medienwissenschaft beteiligt sind, stehen die Science Studies für einen reflexiven Zugang zu (natur-)wissenschaftlichem Wissen jenseits einer linearen Fortschrittsgeschichte. Methodologisch impliziert ihr analytisch-reflexiver Ansatz, wissenschaftliche Fakten in ihrem lateinischen Wortsinn, ihrem Gemacht-Sein, wörtlich zu nehmen und sie in ihrer Genese, ihren Aushandlungen, Formaten und Effekten in den Blick zu nehmen. Dem Anliegen der Science Studies, Fakten und Festschreibungen als komplexe Stabilisierungen zu öffnen, kann ein Handbuchartikel kaum gerecht werden, zieht doch das hierfür erforderliche Systematisieren und Auswählen selbst unweigerlich Engführungen und Vereinfachungen nach sich. Ludwik Fleck fasste das Problem der Handbuchwissenschaft wie folgt zusammen: "Fragt man einen Forscher, wie es um irgendein Problem steht, so muß er erstens die Handbuchmeinung als etwas Unpersönliches, verhältnismäßig Fixes angeben, wiewohl er weiß, daß sie immer bereits überholt ist." (Fleck 1935/1980, 164). Die Funktionen wissenschaftlicher Publikationsformate und die Unterschiede zwischen Zeitschriftenwissenschaft und Handbuchwissenschaft zu untersuchen, gehört dabei zum Kern der Science Studies, haben sie doch zum Ziel, Wissenschaft in ihren konkreten Praktiken, gesellschaftlichen, apparativen und institutionellen Kontexten sowie in ihren Medialitäten zu verstehen. Flecks Reflexionen zu Denkstilen und Denkkollektiven in der Entstehung medizinischer Tatsachen sowie seine Beschreibung dabei vollzogener Stabilisierungsprozesse, welche systematisch bedingte ("passive") Kopplungen und kulturhistorisch-sozial bedingte ("aktive") Kopplungen unterscheidet (Fleck 1935/1980, 16), machen ihn zu einem Vertreter der Science Studies avant la lettre.

Als eigenes Forschungsfeld entwickelten sich die Science Studies seit den späten 1960er Jahren zunächst an verschiedenen Schnittstellen von Philosophie, Wissenschaftsgeschichte, Soziologie und Sozialanthropologie. In Form von Studien zur Wissenschaftsentwicklung und später als Laborethnographien nahmen die Science Studies gezielt die "klassischen Naturwissenschaften" in den Blick und setzten sich zunächst vor allem mit dem Wissenschaftsstil "exakter Wissenschaften", mit Fragen der Modellbildung und Systematisierung, des Verifizierens und Generalisierens auseinander (vgl. Kuhn 1962/1981; Bloor 1976; Lynch 1985). Neben den Lebenswissenschaften wie der Biochemie (vgl. Latour/Woolgar 1979; Knorr-Cetina 1981/1984) fokussierten sie zunächst insbesondere die als Leitwissenschaft geltende Physik (vgl. Traweek 1988; Knorr-Cetina 1999). Im Vergleich zum Begriff "Wissenschaft" im Deutschen, der auch die Geisteswissenschaften umfasst, impliziert der angelsächsische Begriff "science", und damit auch der "Science Studies", eine gewisse Eingrenzung auf die klassischen Naturwissenschaften. Gleichzeitig nahmen die Science Studies zunehmend neben den Naturwissenschaften insbesondere auch die quantitativ verfahrenden Sozialwissenschaften und die Ökonomie in den Blick (vgl. Desrosières 2005; MacKenzie 2006).

Die Science Studies entstanden zu einer Zeit, als Wissenschaft und Technologie zu staatlichen Großunternehmungen geworden waren. Die USA und die UdSSR stellten im Zuge des Kalten Krieges umfangreiche staatliche Mittel vor allem im Bereich der Weltraumforschung sowie militärischer und ziviler Atomtechnik, für Informationstechnologie und zunehmend für biomedizinische Forschung bereit. Über eine wissenschaftlich-technische Entwicklungspolitik dehnten beide Supermächte zudem ihre globalen Einflusssphären aus. Einige Stränge der Science Studies gehen auf die Kritik der Rolle des militärisch-industriellen Komplexes in der Wissenschafts- und Technologieentwicklung zurück. Entsprechende Debatten und die Auseinandersetzung mit dem sozialen Kontext von Naturwissenschaft und Technologie fanden sowohl in den Naturwissenschaften selbst als auch innerhalb der Sozialwissenschaften statt. In der britischen Soziologie entstand mit der Sociology of Scientific Knowledge (SSK) eine eigene Forschungsrichtung sozialkonstruktivistischer Prägung (vgl. Bloor 1976).

Anders als in Westeuropa stand in der Sowjetunion die soziale Bedingtheit und die gesellschaftliche Steuerung der Forschung im Zentrum staatlicher Wissenschaftspolitik. Dort entwickelte sich eine Wissenschaftsforschung als "Wissenschaftswissenschaft" (naukovedenie), die zum einen stark wissenschaftsphilosophisch und zum anderen szientometrisch orientiert war (vgl. Aronova 2011). Über die Blöcke des Kalten Krieges hinweg gab es jedoch durchaus wechselseitige Rezeption, Beobachtung und Austausch. Beispielsweise veröffentlichte die Zeitschrift Social Studies of Science 1984 einen Bericht des Dissidenten Alexey Levin zur Lage der sowjetischen Science Studies, indem er den sowjetischen Ansatz einer marxistischen Integration von externalistischer und internalistischer Geschichtsschreibung sowie ihren Fokus auf Mathematik und Physik beschrieb und ihre Abstraktheit und Isoliertheit von internationalen Debatten kritisierte (vgl. Levin 1984). Aus der Zeit der Perestrojka liegt zudem eine Ethnographie des Moskauer Instituts für Wissenschaftsgeschichte und Wissenschaftsforschung vor, in der ein italienischer Sozialanthropologe Einblick in die Struktur und den Alltag sowjetischer Wissenschaftsforschung der späten 1980er Jahre gibt (vgl. Mongili 1998).

Die jeweiligen Fachkontexte, in denen die Science Studies entstanden, führten bei ähnlichen Ansätzen zu jeweils unterschiedlichen Resonanzen: SoziologInnen begaben sich in den späten 1970er Jahren in naturwissenschaftliche Laboratorien, um dort die Herstellung naturwissenschaftlicher Fakten ethnographisch zu untersuchen. Teile der Ethnologie wandten sich – im Zuge von Debatten um die Rolle des Kolonialismus in der Entstehung des Faches – als repatriated anthropology verstärkt der Untersuchung westlicher Wissens- und Glaubenssysteme zu. Die Wissenschaftsgeschichte begann sich über die Geschichte von Institutionen hinaus mit epistemologischen Fragen sowie materiellen Praktiken der Forschung auseinanderzusetzen. Unter dem Dach der Society for the Social Studies of Science (4S) fanden sich VertreterInnen verschiedener Disziplinen seit etwa Mitte der 1970er Jahre regelmäßig zusammen. In diesem Kontext wurden in den 1970er Jahren gegründete Zeitschriften wie Social Studies of Science (seit 1971) und Science Technology & Human Values (seit 1976) zum Sprachrohr der zunehmend interdisziplinären Science Studies."

(Bauer, Susanne. "Science Studies." In Handbuch Wissenschaftsgeschichte, hrsg. v. Marianne Sommer, Staffan Müller-Wille, & Carsten Reinhardt, 55-67. Stuttgart: Metzler, 2017. S. 55-6)


Zitat:
"Science and Technology Studies bezeichnet ein hochgradig transdisziplinäres Forschungsfeld. Sein vorrangiges Ziel ist die empirische Untersuchung der vielfältigen Rollen von Wissen und Technologie in modernen Gesellschaften unter Verwendung von Methoden der Sozial-, Kultur- und Geschichtswissenschaften.

Das Forschungsfeld der STS ist in den späten 1970er Jahren vor allem am Schnittfeld von Wissenschaftsphilosophie, -geschichte und -soziologie auf der einen und Technikphilosophie, -geschichte und -soziologie auf der anderen Seite entstanden. Zentrales Anliegen war es, wissenschaftliches Wissen und Technik als soziale und kulturelle Phänomene zu verstehen und einer kritischen Analyse zugänglich zu machen. Ausgangspunkt war dabei die Beobachtung zahlreicher Forscherinnen und Forscher, dass erstens Wissenschaft und Technologie moderne Lebensweisen zwar zutiefst prägen, diese Prägungen von Handeln und Denken, von Politik und Ökonomie, von menschlichen Selbstverständnissen und moralischen Ordnungen jedoch nur unzureichend analysiert wurden. Zweitens wurde Wissenschaft zunehmend als eine Institution und Praxis verstanden, die ihrerseits in relevanter Weise durch Gesellschaft, d. h. durch lokale soziale und historische Konfigurationen geprägt ist. Und drittens wuchs die Unzufriedenheit mit hierarchischen Verständnissen verschiedener Wissensformen, die wissenschaftliches Wissen über oder zumindest abseits von anderen "alltäglichen" Wissensformen positionierten.

Die kritische Reflexion von Wissenschaft war bis dahin vorwiegend als Domäne der Philosophie angesehen worden, und den Geschichtswissenschaften blieb es vorbehalten, die Entwicklung technischer Innovationen nachzuvollziehen. Vor allem im Feld der Wissenschaftsforschung wurden Fragen nach Ontologie und Epistemologie, d. h. danach, was und wie Phänomene sind und wie wir dies wissen können, lange Zeit nicht empirisch mit Blick auf wissenschaftliche Praxis untersucht. Der Alltag von Wissenschaft spielte keine Rolle. Stattdessen wurde entweder theoretisch, innerhalb etablierter logischer oder rationaler Denkmodelle vorgegangen oder anhand von historischen Fallbeispielen, die anekdotisch oder mittels Quellenanalyse erschlossen wurden. (WISSENSCHAFTSTHEORIE) Auch die Wissenschaftssoziologie konzentrierte sich Mitte der 1950er und 1960er Jahre nicht auf Fragen nach alltäglichem Wissenschaftshandeln und wissenschaftlichem Wissen, sondern rückte Wissenschaft als Institution in den Vordergrund. (WISSENSCHAFTSSOZIOLOGIE)

Das Forschungsfeld der STS hat daher die alte Aufgabenteilung zwischen den Disziplinen grundlegend verändert und begonnen, sich Fragen von Wissensproduktion und seinen epistemologischen Voraussetzungen wie Konsequenzen empirisch zu widmen. Die Kombination der Perspektiven auf Wissenschaft und Technologie ermöglichte neue Einsichten – etwa dadurch, dass der Beitrag von Apparaten, Aufzeichnungsinstrumenten und Maschinen für die Produktion wissenschaftlichen Wissens genauer untersucht wurde. Die Frage, wie wir etwas wissen und wie Erkenntnis entsteht, war damit Ende der 1970er Jahre nicht länger lediglich eine abstrakt zu erörternde Frage nach geistigen Prozessen, sondern auch eine empirisch zu beantwortende Frage nach konkreter Forschungspraxis. Wissenschaft erschien in diesen Studien nicht mehr nur als Ergebnis rein intellektueller kontemplativer Tätigkeit, sondern als Ergebnis praktischen Tuns und sozialen Handelns. Dieser Wandel brachte mit der Soziologie wissenschaftlichen Wissens zunächst vor allem die verschiedenen Interessen der Forschenden ins Zentrum der Untersuchungen, die bis dahin bestenfalls als Störfaktor oder Barriere für wirkliche Erkenntnis thematisiert und damit de facto ausgeblendet worden waren. (SOCIOLOGY OF SCIENTIFIC KNOWLEDGE) Rasch kamen mit den so genannten Laborstudien ethnographische Untersuchungen verschiedener Forschungsalltage in Laboren hinzu. (LABORSTUDIEN) Auch die Untersuchungen von Technologie und Technologienutzung und -entwicklung reichten bald über die philosophischen und sozial- und kulturtheoretischen Analysen von Technik, als determinierendem und antihumanistischem Phänomen, hinaus. Stattdessen setzte sich ein empirischer Zugriff durch, der Technologie stets im Kontext seiner Produktions- und Nutzungspraxen begreift – ob in Wissenschaft oder Alltag. (SOZIALE KONSTRUKTION VON TECHNOLOGIE)

In der frühen STS Forschung, in den 1980er Jahren, standen vor allem Formen und Orte der Wissensproduktion und der Technologieentwicklung im Zentrum der Aufmerksamkeit. Durch Analysen dieser Zentren von wissenschaftlicher Wissensproduktion, gewissermaßen dem säkularen Hort von Fortschritt und Modernisierung der westlichen Welt, gelang es STS, wissenschaftliches Wissen und Technologie sozialwissenschaftlichen Analysen zugänglich zu machen. Im Rückblick erscheint dies für die heutigen Sozial- und Kulturwissenschaften mehr als selbstverständlich; Anfang der 1980er Jahre hatte dies jedoch durchaus ein provokatives Potential. Denn die sozialkonstruktivistische Wende entzauberte wissenschaftliches Wissen und ließ seinen epistemologischen Sonderstatus verblassen. Wissen jeder Art gilt heute Vielen in den Sozial- und Kulturwissenschaften lediglich als das profane Ergebnis eines hochgradig kontingenten sozialen Prozesses; wissenschaftliches Wissen wird damit prinzipiell genauso behandelt, wie andere Wissenstypen auch, z. B. Alltagswissen. Seine Besonderheit liegt nun in seinen spezifischen Produktionsbedingungen, seinem – kulturell zertifizierten – Sonderstatus und seiner herausgehobenen Funktion als Mittel der "gesellschaftlichen Selbsteinwirkung", etwa bei der Entwicklung technischer Innovationen oder als Reflexionsinstrument. Die Science and Technology Studies haben entscheidend zu diesem veränderten Blick auf Wissen beigetragen."

(Niewöhner, Jörg, Estrid Sørensen, & Stefan Beck. "Science and Technology Studies aus sozial- und kulturanthropologischer Perspektive." In Science and Technology Studies: Eine sozialanthropologische Einführung, hrsg. v. Stefan Beck, Jörg Niewöhner, & Estrid Sørensen, 9-48. Bielefeld: transcript, 2012. S. 11-4)


Zitat:
"Philosophy of science is not the only discipline to take science as its object. Both history of science and sociology of science share in this ambition. These three disciplines rarely come into conflict: indeed, the questions they pose about their object differ, they have developed diverging methods of investigation, and they advance perspectives that complement each other.

Another approach to science, close to the history and sociology of science but posing yet different questions, has been developing for the last 40 years or so. This is “social studies of science” or just “science studies.” Science studies’ mission is to renew the analysis of scientific activity by renouncing a certain number of suppositions commonly found in the other approaches. Specifically, it views science as just one human activity among many, without according it any special privilege relative to truth, objectivity, rationality, or the justification of the statements it produces. The modus operandi is to study “science as it is done” and not to develop a normative conception of science."

(Barberousse, Anouk. "Philosophy of Science and Science Studies." In The Philosophy of Science: A Companion, edited by Anouk Barberousse, Denis Bonnay, & Mikaël Cozic, 259-284. New York: Oxford University Press, 2018. p. 259)

"Science studies…developed amidst an outright rejection of the philosophical approach to science which dominated history of science up until the 1960s. One of their central motivations was that history of science is a historical discipline among others and that it is not legitimate for it to be so long cut off from general history, and from social, political and cultural history. Some went so far as to say that history of science was a sub- discipline of cultural history."

(Barberousse, Anouk. "Philosophy of Science and Science Studies." In The Philosophy of Science: A Companion, edited by Anouk Barberousse, Denis Bonnay, & Mikaël Cozic, 259-284. New York: Oxford University Press, 2018. p. 281)


Zitat:
"Science and technology studies—STS, for short—is an interdisciplinary field that investigates the institutions, practices, meanings, and outcomes of science and technology and their multiple entanglements with the worlds people inhabit, their lives, and their values. As a dynamic and innovative intellectual field, STS explores the transformative power of science and technology to arrange and rearrange contemporary societies. Over the past two hundred years, science and technology have evolved to be among the most significant forms of human activity and inseparable from social, political, and economic organization. They were and continue to be instruments of military power, economic innovation, democratic governance, moral judgment, political imagination, and cultural difference. Increasingly, science and technology permeate the social and material fabric of everyday life via, for example, the explanatory power of scientific models, the quantification of metrics of individual and organizational performance, and the globalization of information, communications, energy, transportation, and other technological infrastructures. Ultimately, science and technology shape how humans experience, imagine, assemble, and order the worlds they live in.

For STS, understanding science and technology means interrogating not only how science and technology shape social life and the world around us but also how the latter in turn shape developments in science and technology. Fundamentally, STS views science and technology as historical products of human labor, investments, choices, and designs. People construct and perform science and technology. At the same time, STS scholarship emphasizes that in the process of making science and technology, people also make and remake themselves, their bodies and identities, their societies, and their material surroundings. Thus, the idea that epistemic, technological, and social orders are co-produced has become commonplace in the field (Jasanoff 2004; Latour 1993); so, too, has reflexivity toward the situatedness of knowledge claims and technological developments (Haraway 1988). In this sense, all knowledge is local and reflects the specific historical moment, cultural context as well as the networks within which it is made. STS is sensitive to the moral economies that guide scientific research and technological development as well as to the various sociotechnical modalities through which ways of knowing and living get arranged. Classificatory practices, boundary-drawing activities—for example, between science and nonscience or between disciplinary specializations, specific entanglements of the social and the technical, and the complex processes of inclusions and exclusions created through these practices—all come in for careful attention within the work of the field (Bowker and Star 1999; Gieryn 1999).

STS aims to position science and technology alongside, intertwined with, and integral to other important arenas of human activity. It explores the particularities of where, when, and how people do science and technology and put them to work in making and changing the worlds they inhabit. STS research and pedagogy seek to open up science, technology, and society to critical assessment and interrogation. STS scholarship broadly asks, why have contemporary societies centered their imaginings of the past, present, and future on science and technology—and why do those visions differ so starkly from one another across times and cultures? Why do societies make science and technology—and, along the way, themselves—in one way as opposed to another? What and how do communities, from smaller groups to nations, choose to know, and how does that knowledge intersect with how they choose to live and govern? How do new sociotechnical arrangements come into being, get deliberated, and stabilize? How do people create diverse assemblages of cognitive, social, material, and technological realities, and what outcomes do these configurations have for how people live, work, and play? What happens when these arrangements are contested, changed, or even fall apart, potentially reconfiguring the worlds they have helped to constitute? STS has always asked cui bono—Who benefits from specific configurations of science and technology? Increasingly, STS also asks, how can our insights be put to work in ways that improve outcomes for people and the planet?"

(Felt, Ulrike, Rayvon Fouché, Clark A. Miller, et al., eds. The Handbook of Science and Technology Studies. 4th ed. Cambridge, MA: MIT Press, 2017. pp. 1-2)
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smallie
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Beitrag(#2305313) Verfasst am: 13.05.2024, 20:50    Titel: Antworten mit Zitat

Hab' ein bisschen zu folgendem rumgesucht.

tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
Nun, es gibt eine solche Studie. In Klöstern haben Mönche und Nonnen praktisch identische Lebensbedingungen. Und siehe da: Dort ist der Lebenserwartungsunterschied extrem gering.
https://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/studie-unter-moenchen-lebe-langsam-stirb-alt-a-266212.html

Bester Fund:

Zitat:
Women live longer than men even during severe famines and epidemics


Frauen sind die Meisterinnen in Sachen Lebenserwartung: Fast überall auf der Welt können sie heute damit rechnen, länger zu leben als Männer (1-3). Diese allgegenwärtige Ungleichheit fasziniert die Forscher seit Jahrzehnten (4). Die Gesamtheit der Forschungsergebnisse lässt den Schluss zu, dass diese Ungleichheit biologische Grundlagen hat, die durch soziale und ökologische Bedingungen beeinflusst werden. Ein tieferes Verständnis könnte von der biodemografischen Forschung profitieren (5). Im Folgenden stellen wir einige Ergebnisse dieser Forschung vor.

Für eine biologische Ursache des geschlechtsspezifischen Überlebensunterschieds sprechen Studien zu Gruppen, in denen Männer und Frauen einen ähnlicheren Lebensstil haben als in der Allgemeinbevölkerung, wie z. B. bei Nichtrauchern (6, 7) oder in religiösen Gruppen wie aktiven Mormonen ( 8 ) oder Mönchen und Nonnen im Kloster (9). Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass, obwohl Männer und Frauen in diesen Gruppen einen ähnlicheren Lebensstil haben und Männer weniger Risikofaktoren ausgesetzt sind als Männer in der Allgemeinbevölkerung, immer noch ein geschlechtsspezifischer Unterschied in der Lebenserwartung besteht.

https://www.pnas.org/doi/10.1073/pnas.1701535115

Der Ansatz des Artikels ist unterschiedliche Lebenserwartung bei schlechten Verhältnissen dingfest zu machen. Interessant. Damit will ich mich aber nicht aufhalten, relevant sind die Quellen 6 bis 9.

Quelle 9 scheint die Arbeit zu sein, auf die sich der Spiegel beruft.

Zitat:
Causes of Male Excess Mortality: Insights from Cloistered Populations
Marc Luy
2004


Diese Nonnenstudie rückt das in ein anderes Licht:

Zitat:
Trends in Mortality in Older Women: Findings from the Nun Study
Steven M. Butler, David A. Snowdon
1996

Die katholischen Schwestern wiesen eine hohe Sterblichkeitsrate bei Brustkrebs und Krebs der Fortpflanzungsorgane auf, was auf eine Auswirkung der Kinderlosigkeit hinweist, die sich bei älteren Frauen manifestiert.

Nonnen leben kürzer als Frauen, die Kinder hatten. Ob das in der Studie von Marc Luy berücksichtigt ist, läßt sich nicht sagen, weil die Arbeit nicht frei zugänglich ist.



Rücksturz zum Ausgangspunkt

Warum der Abschnitt FRAUEN UND IHRE HÖHERE LEBENSERWARTUNG ALS MÄNNER als Kritik an Mahner taugt, ist mir entgangen. Im Absatz darüber wird von einer "Über- und Fehlversorgung von Frauen" gesprochen. Ohne Fehlversorgung würden Frauen noch länger leben - oder?

Gegner einer Moral Panic hat folgendes geschrieben:
Wenn Unsinn verbreitet wird, dann darf, soll und muss das kritisieren werden. Das ist die Aufgabe der GWUP. Was Mahner aber in seinem Text versucht, ist etwas völlig anderes. Es handelt sich nicht um konkrete Kritik an kritikwürdigen Aussagen, sondern um eine pauschale Verurteilung eines komplexen Geflechts an Disziplinen, das der Autor augenscheinlich selbst nicht durchdringen kann.

Mahners Text ist eine Aufforderung, sich das "komplexe Geflecht" näher anzusehen. Darin detaillierte Kritik zu erwarten, ist etwas viel verlangt. Man wirft Mahner pauschale Verurteilung vor. Bei den Gegnern läuft es auf einen pauschalen Freispruch hinaus.
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smallie
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Beitrag(#2305314) Verfasst am: 13.05.2024, 22:20    Titel: Antworten mit Zitat

Möchte mich allmählich hier wieder ausklinken - nicht daß meine Synthesizer noch verstauben. zwinkern

Als vorläufiges Fazit:


tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
smallie hat folgendes geschrieben:
tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
Dito die ganzen Horroszenarien, die der Anti-Trans-Aktivismus bzgl. des Selbstbestimmungsgesetzes u.Ä. heraufbeschwört.
Die Beispiele ließen sich fortsetzen.

Von Mahner zum SBGG ist ein weiter Weg. Denkst du, wenn man Mahner zustimmt, landet man zwangsläufig bei Anti-Trans-Aktivismus?

Nein, man landet nicht zwangsläufig bei diesen Auswüchsen der Anti-Woke-Hysterie. Beim beliebigen Zusammenwerfen von allem und nichts landet man im Wesentlichen bei dem, was einem beliebt. Ex falso quodlibet, oder so.

Ich persönlich denke, es war eine schlechte Idee von Mahner, die Streitvokabel "woke" überhaupt anzusprechen.

Typisch Mahner, sich auf solchen Streit um Begriffe einzulassen. Mahner/Bunge haben eine Philosophie der Evolutionsbiologie geschrieben. Darin behaupten sie, Gene seien keine Information und Evolution sei kein Algorithmus. Das ist Wortklauberei um "Information" und "Algorithmus". Jetzt auch noch Wortklauberei um "woke"? Alles der selbe Blödsinn.

Am Streit um Definitionen will ich mich tunlichst nicht beteiligen. Die rationale Gegenposition ist:

Zitat:
Taboo Your Words
Eliezer Yudkowsky
2008

When you find yourself in philosophical difficulties, the first line of defense is not to define your problematic terms, but to see whether you can think without using those terms at all. Or any of their short synonyms. And be careful not to let yourself invent a new word to use instead. Describe outward observables and interior mechanisms; don't use a single handle, whatever that handle may be.

https://www.lesswrong.com/posts/WBdvyyHLdxZSAMmoz/taboo-your-words

Yudkowsky hat so verdammt recht.
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Myron
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Beitrag(#2305315) Verfasst am: 14.05.2024, 01:00    Titel: Antworten mit Zitat

smallie hat folgendes geschrieben:
Typisch Mahner, sich auf solchen Streit um Begriffe einzulassen. Mahner/Bunge haben eine Philosophie der Evolutionsbiologie geschrieben. Darin behaupten sie, Gene seien keine Information und Evolution sei kein Algorithmus. Das ist Wortklauberei um "Information" und "Algorithmus". Jetzt auch noch Wortklauberei um "woke"? Alles der selbe Blödsinn.
Am Streit um Definitionen will ich mich tunlichst nicht beteiligen.


Wenn ein Begriff mehrdeutig ist—was bei "Information" wahrlich der Fall ist—, dann kommt es sehr oft zu Verwirrung, Missverständnissen und irrigen Annahmen. In solchen Fällen ist eine klärende Begriffsanalyse vonnöten, die keine überflüssige "Wortklauberei" ist, sondern ein wichtiger Teil sorgfältiger theoretischer Arbeit in der Philosophie und der Wissenschaft.

Mahner & Bunge schreiben übrigens nicht, dass es keine genetische Information gibt, sondern, dass das genetische Material (DNS) nur in einem bestimmten Sinn als Information bezeichnet werden kann. Zu dieser Schlussfolgerung gelangen sie nach Analyse der anderen Bedeutungen von "Information".

Zitat:
"One of the main problems with genetic information lies in the very word "information", which is so ambiguous that it is being used in the contemporary scientific literature in at least half a dozen different ways:

– information_1 = meaning (semantic information)
– information_2 = signal
– information_3 = message carried by a pulse-coded signal
– information_4 = quantity of order (negentropy) of a system
– information_5 = knowledge
– information_6 = communication of information_5 (knowledge) by social behavior (e.g. speech) involving a signal (information_2)

Gieven all these different senses of the word "information", it should come as no surprise that it has become an all-purpose term. It sounds very scientific, and seemingly indicates some deep insight, but it is often nothing but a disguise of ignorance, inviting people to proceed according to the rule "If you don't know what it is, call it information". So what, if anything, is information?"

(Mahner, Martin, & Mario Bunge. Foundations of Biophilosophy. Berlin: Springer, 1997. pp. 280-1)

"It will be obvious from the preceding considerations that "genetic information" cannot designate any one of above listed concepts of information. As [André] Lwoff (1962, p. 94 [Biological Order]) proposed long ago, "For the biologist, 'genetic information' refers to a given actual structure or order of the hereditary material and not to the negative entropy of this structure". Therefore, "genetic information" can refer only to the specific composition and structure of the genetic material. If used in this sense it is legitimate to continue to speak of genetic information."

(Mahner, Martin, & Mario Bunge. Foundations of Biophilosophy. Berlin: Springer, 1997. pp. 283-4)
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Myron
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Beitrag(#2305316) Verfasst am: 14.05.2024, 01:41    Titel: Antworten mit Zitat

smallie hat folgendes geschrieben:
Ich persönlich denke, es war eine schlechte Idee von Mahner, die Streitvokabel "woke" überhaupt anzusprechen.


Es ist doch hinreichend klar, worauf er sich bezieht, nämlich auf die akademische Linke mit ihren Critical Cultural Studies (und all deren Zweigen). Und wenn hier, wie Mahner argumentiert, der begründete Verdacht der Pseudowissenschaftlichkeit besteht, dann gehört es zur Kernaufgabe der GWUP, dieser Sache auf den Grund zu gehen—und zwar auch dann, wenn man damit in ein politisches Wespennest sticht und Gefahr läuft, rasch in die "politisch unkorrekte" rechte Ecke gestellt zu werden.

Martin Mahner: Warum die sog. "Critical Studies" unter Pseudowissenschaftsverdacht stehen
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Myron
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Beitrag(#2305317) Verfasst am: 14.05.2024, 01:54    Titel: Antworten mit Zitat

Humanistischer Pressedienst: Die GWUP hat einen neuen Vorstand: Der Richtungsstreit bei den deutschen Skeptikern ist erstmal entschieden
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smallie
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Beitrag(#2305322) Verfasst am: 14.05.2024, 18:36    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
Mahner & Bunge schreiben übrigens nicht, dass es keine genetische Information gibt, sondern, dass das genetische Material (DNS) nur in einem bestimmten Sinn als Information bezeichnet werden kann. Zu dieser Schlussfolgerung gelangen sie nach Analyse der anderen Bedeutungen von "Information".

Was du zitiert hast, halte ich für vernünftig. Sorry, da habe ich etwas in den falschen Hals gekriegt. Information und Algorithmus war mal Streitpunkt zwischen El Schwalmo und mir. ES hat sich auf Mahner/Bunge berufen. Oder ich habe was mißverstanden oder meine Erinnerung trügt mich.

Bitte so tun, als hätte ich nichts gesagt. zwinkern
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smallie
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Beitrag(#2305323) Verfasst am: 14.05.2024, 19:21    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
smallie hat folgendes geschrieben:
Ich persönlich denke, es war eine schlechte Idee von Mahner, die Streitvokabel "woke" überhaupt anzusprechen.


Es ist doch hinreichend klar, worauf er sich bezieht, nämlich auf die akademische Linke mit ihren Critical Cultural Studies (und all deren Zweigen).

Natürlich ist das klar.

Das ist ein alter Streit. Er geht mindestens bis in die 70er zurück und den Streit um Soziobiologie mit Edward O. Wilson auf der einen und Lewontin und Gould auf der anderen Seite.


Myron hat folgendes geschrieben:
Und wenn hier, wie Mahner argumentiert, der begründete Verdacht der Pseudowissenschaftlichkeit besteht, dann gehört es zur Kernaufgabe der GWUP, dieser Sache auf den Grund zu gehen...

Ist ja unstrittig zwischen uns. Die Frage ist, auf welchem Hügel willst du sterben? Das ist eine Sache der Argument-Ökonomie.

Welcher dieser beiden Ansätze ist einfacher?

    1a) Ich erkläre, daß woke kein Kampfbegriff ist.
    1b) Dann erkläre ich, wo die progressive Linke falsch liegt.

    2) Ich erkläre, wo die progressive Linke falsch liegt - seit mindestens fünfzig Jahren.


Myron hat folgendes geschrieben:
—und zwar auch dann, wenn man damit in ein politisches Wespennest sticht und Gefahr läuft, rasch in die "politisch unkorrekte" rechte Ecke gestellt zu werden.

Tja, das geht schnell. Tagesaktuell:

Myron und ich sind regelmäßige Leser von Jerry Coyne. Coyne ist gerade in Amsterdam, war eingeladen zu einer Podiumsdiskussion, es sollte um fehlerhafte Darstellungen der Evolutionsbiologie gehen. Sie wurde kurzfristig abgesagt, weil Coyne sich auf seinem Blog pro-israelisch geäußert hatte.

WEIT hat folgendes geschrieben:
Betabreak wies darauf hin, dass es vielen Mitgliedern des Betabreak-Ausschusses unangenehm war, Jerry Coyne und Maarten Boudry angesichts ihrer Haltung zum palästinensisch-israelischen Konflikt eine Bühne zu geben. [...] Der Betabreak-Ausschuss kam zu dem Schluss, dass die Debatte mit Boudry und Coyne angesichts des derzeitigen politischen Klimas nicht stattfinden konnte.

https://whyevolutionistrue.com/2024/05/14/press-release-of-our-cancellation/


Ist das nicht mit umgekehrtem Vorzeichen kürzlich in Deutschland passiert? Nancy Fraser, amerikanische Professorin, wurde von einem Vortrag ausgeladen, weil sie sich pro-palästinensisch geäußert hatte.

Weder im Vortrag von Coyne noch bei Fraser sollte es um den Nahen Osten gehen.
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Myron
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Beitrag(#2305324) Verfasst am: 14.05.2024, 20:11    Titel: Antworten mit Zitat

smallie hat folgendes geschrieben:
Tagesaktuell:
Myron und ich sind regelmäßige Leser von Jerry Coyne. Coyne ist gerade in Amsterdam, war eingeladen zu einer Podiumsdiskussion, es sollte um fehlerhafte Darstellungen der Evolutionsbiologie gehen. Sie wurde kurzfristig abgesagt, weil Coyne sich auf seinem Blog pro-israelisch geäußert hatte.

WEIT hat folgendes geschrieben:
Betabreak wies darauf hin, dass es vielen Mitgliedern des Betabreak-Ausschusses unangenehm war, Jerry Coyne und Maarten Boudry angesichts ihrer Haltung zum palästinensisch-israelischen Konflikt eine Bühne zu geben. [...] Der Betabreak-Ausschuss kam zu dem Schluss, dass die Debatte mit Boudry und Coyne angesichts des derzeitigen politischen Klimas nicht stattfinden konnte.

https://whyevolutionistrue.com/2024/05/14/press-release-of-our-cancellation/


Ist das nicht mit umgekehrtem Vorzeichen kürzlich in Deutschland passiert? Nancy Fraser, amerikanische Professorin, wurde von einem Vortrag ausgeladen, weil sie sich pro-palästinensisch geäußert hatte.

Weder im Vortrag von Coyne noch bei Fraser sollte es um den Nahen Osten gehen.


Nur am Rande: Coyne und Fraser sind beide jüdischer Abstammung.

Fraser hat sich nicht irgendwie "pro-palästinenisch" geäußert, sondern einen offenen Brief unterzeichnet und damit gutgeheißen, in dem Israel des Genozids bezichtigt und als Apartheid-Staat hingestellt wird. Außerdem wird das Hamas-Massaker in einer Weise relativiert, die man als implizite Rechtfertigung auffassen kann.
Apropos Massaker, davon ist gleich am Anfang des Briefes die Rede—aber nicht vom Hamas-Massaker, sondern vom "massacre being committed in Gaza by Israel". Damit wird der israelischen Regierung & Armee unterstellt, sie wären selbst Terroristen mit der massenmörderischen Absicht, so viele palästinensische Zivilisten wie möglich zu töten.
Des Weiteren enthält der Brief einen Aufruf zum "akademischen und kulturellen Boykott israelischer Institutionen" nebst einem Link zur Website der BDS-Bewegung.

Siehe: Antisemitismus in der BDS-Kampagne

Das ist schon starker Tobak!

Hier ist die Stellungnahme der Kölner Uni: https://portal.uni-koeln.de/universitaet/aktuell/presseinformationen/detail/absage-der-albertus-magnus-professur-2024

Kennst du anti-palästinensische Äußerungen von Coyne, die seine Ausladung in Amsterdam rechtfertigen?

Vom dortigen Veranstalter bekommt man nichts anderes zu hören als:

Zitat:
"Betabreak indicated that many members of committee of Betabreak were uncomfortable giving Jerry Coyne and Maarten Boudry a stage given their position on the Palestinian-Israeli conflict. Betabreak’s committee also expressed concern about the impression a debate with Coyne and Boudry would make on Betabreak’s organization. Betabreak’s committee concluded that the debate with Boudry and Coyne could not take place given the current political climate."

Quelle: https://whyevolutionistrue.com/2024/05/14/press-release-of-our-cancellation/
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Anmeldungsdatum: 02.04.2010
Beiträge: 3658

Beitrag(#2305326) Verfasst am: 14.05.2024, 23:09    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
Fraser hat sich nicht irgendwie "pro-palästinenisch" geäußert, sondern einen offenen Brief unterzeichnet und damit gutgeheißen, in dem Israel des Genozids bezichtigt und als Apartheid-Staat hingestellt wird. Außerdem wird das Hamas-Massaker in einer Weise relativiert, die man als implizite Rechtfertigung auffassen kann.

Fraser hat ihre Gastprofessur nicht für ihre Einsichten zur Nahost-Politik erhalten. Was auch immer ihre Meinung in dieser Sache ist, beschädigt nicht, was sie in ihrem Fachgebiet sagt.

Die Ambivalenz, nicht bei allen Themen einer Meinung zu sein, kann ich aushalten. Sogar dann, wenn ich ihre Meinung zum Israel-Thema für grundfalsch halte.

Wo kommen wir hin, wenn man erst einen Gesinnungstest machen muß, bevor man vorzeigbar ist? smallie, wo stehst du in der Israel-Frage? Und je nach dem, wie ich antworte, sagt die eine oder andere Seite: falsche Antwort! Ab sofort steht alles, was du über Gott und die Welt und die Physik und die Biologie geschrieben hast und zukünftig schreiben wirst, unter Verdacht.

Bitte Coyne und Fraser auf eine Bühne stellen und hören, was sie zu sagen haben.


Myron hat folgendes geschrieben:
Siehe: Antisemitismus in der BDS-Kampagne

Das sollte man der woken Seite - hier finde ich den Begriff angebracht - immer wieder mal süffisant unter die Nase reiben, daß die US-woken eher anti-israelisch eingestellt sind.


Myron hat folgendes geschrieben:
Kennst du anti-palästinensische Äußerungen von Coyne, die seine Ausladung in Amsterdam rechtfertigen?

Die Frage verstehe ich nicht.


Myron hat folgendes geschrieben:
Vom dortigen Veranstalter bekommt man nichts anderes zu hören als:

Zitat:
"Betabreak indicated that many members of committee of Betabreak were uncomfortable giving Jerry Coyne and Maarten Boudry a stage given their position on the Palestinian-Israeli conflict. Betabreak’s committee also expressed concern about the impression a debate with Coyne and Boudry would make on Betabreak’s organization. Betabreak’s committee concluded that the debate with Boudry and Coyne could not take place given the current political climate."

Quelle: https://whyevolutionistrue.com/2024/05/14/press-release-of-our-cancellation/

Myron, das hatte ich auch zitiert.
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Myron
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Beitrag(#2305327) Verfasst am: 14.05.2024, 23:36    Titel: Antworten mit Zitat

smallie hat folgendes geschrieben:

Fraser hat ihre Gastprofessur nicht für ihre Einsichten zur Nahost-Politik erhalten. Was auch immer ihre Meinung in dieser Sache ist, beschädigt nicht, was sie in ihrem Fachgebiet sagt.


Mag sein, aber es gab einen nachvollziehbaren Interessenkonflikt aufseiten der Kölner Uni:

Zitat:
"Uns geht es bei der Bewertung der Frage nicht darum, ob Frau Fraser an der Universität zu Köln auftreten kann oder nicht. Sondern die Albertus Magnus Professur ist eine besondere Ehrung der Gesamtuniversität. [ … ]
Und natürlich ist es dann schwierig, das in Übereinstimmung zu bringen mit dem Aufruf zum Boykott israelischer Partnerinstitutionen, der auch in diesem Statement „Philosophy for Palestine“ drin steckt, wenn wir gerade als Universität zu Köln so viele Verbindungen zu Partnerinstitutionen in Israel haben. Insofern ist es eine Frage der Ehrung, und ob die Ehrung angemessen ist. Es geht gar nicht darum, ob Frau Fraser auf Einladung einer Kollegin oder eines Kollegen grundsätzlich eine Vorlesung halten kann, auftreten kann an unserer Universität zu Köln und auch ihre Positionen deutlich machen kann."

Quelle: https://portal.uni-koeln.de/universitaet/aktuell/presseinformationen/detail/absage-der-albertus-magnus-professur-2024


Dazu auch ein Radiointerview mit dem Unirektor: https://www.deutschlandfunk.de/haltung-zu-nahost-uni-koeln-laedt-us-philosophin-aus-interview-j-mukherjee-dlf-f3920942-100.html

Hier ist ein guter Kommentar in der TAZ: https://taz.de/Debatte-um-Nancy-Fraser/!6003850/
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smallie
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Beitrag(#2305332) Verfasst am: 15.05.2024, 21:39    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
Mag sein, aber es gab einen nachvollziehbaren Interessenkonflikt aufseiten der Kölner Uni:

So 30% nachvollziehbar.

Ich glaube nicht, daß die Petition, die Fraser unterschrieben hat, auch nur bei einem Dutzend Menschen dazu geführt hat, daß sie jetzt anders denken. Die Petition hat keine Konsequenzen. Hätte sie welche, wäre es vielleicht eine gute Tat, sich dagegen zu stellen. Aber so? Eine distanzierende Stellungnahme der Uni hätte gereicht. (Die Uni Köln kann ihre Ehrenwürden natürlich vergeben oder entziehen, wie sie will.)

Wenn ich den Argumenten der Uni folge, müßte man an anderen Stellen nicht ebenso Konsequenzen ziehen? Judith Butler wird auf Seiten der Bundeszentrale für Politische Bildung zitiert. Muß das jetzt weg, weil Butler ebenfalls unterschrieben hat?

Nein, das soll weg, wenn man sich einig wird, daß Butler Blödsinn schreibt. Kritik an sonstigen themenfremden Haltungen Butlers spielt keine Rolle beim Versuch, den vermeintlichen Blödsinn zu entlarven.


Myron hat folgendes geschrieben:
Hier ist ein guter Kommentar in der TAZ: https://taz.de/Debatte-um-Nancy-Fraser/!6003850/

Daraus:

TAZ hat folgendes geschrieben:
Weshalb – die Kriterien der Identität der Uni Köln mal endlich ernst genommen – sollte eine Intellektuelle einen Preis zuerkannt bekommen, dem sie mit ihren Statements hohnspricht?

Gab es eine Laudatio anläßlich der Verleihung des Lehrstuhls? Dann wäre die der Maßstab, ob ihr der Preis zusteht oder entzogen werden muß.


TAZ hat folgendes geschrieben:
Manche Kolleg:Innen hätten sie gern als Opfer eines Phänomens, das sie als Cancel Culture, gar neuen McCarthyismus bezeichnen. Das ist falsch: In Deutschland hat es unglückliche Stornierungen gegeben, aber Verfolgungen dann doch nicht.

"Unglückliche Stornierungen" - der Autor pflegt einen kreativen Umgang mit Euphemismen und kaschiert das mit "Verfolgungen". Aha. In anderen Worten: Wir sind noch nicht bei McCarthy und der Stasi und der Gestapo - dann erst könnt ihr die Klappe aufmachen. Auch eine Meinung, aber eine depperte.


TAZ hat folgendes geschrieben:
Sie werden bloß alle nicht mehr wie moderne Mandarininnen* in den Manegen der kritisch-theoretischen Weltbilder vorgeführt werden können, jedenfalls nicht mehr fraglos als Topcheckerinnen der Weltenläufte.

Über die Bande gespielte Pauschalvorwürfe gelten nicht. nee Laßt die Leute zu Wort kommen, laßt sie reden. Je mehr sie reden, desto mehr Material habe ich, ihre Reden vorzuführen. Mr. Green

Ich würde mir sehr parteiisch vorkommen, wenn ich bei Coyne sage: cancel culture! und bei Fraser nicht.
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Tarvoc
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Beitrag(#2305333) Verfasst am: 16.05.2024, 00:38    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
Apropos Massaker, davon ist gleich am Anfang des Briefes die Rede—aber nicht vom Hamas-Massaker, sondern vom "massacre being committed in Gaza by Israel". Damit wird der israelischen Regierung & Armee unterstellt, sie wären selbst Terroristen mit der massenmörderischen Absicht, so viele palästinensische Zivilisten wie möglich zu töten.

Nur interessehalber: Welchen Begriff würdest du für eine Operation vorschlagen, bei der erwartungsgemäß eine große Anzahl von Zivilisten ums Leben kommt, ohne dass deren Tötung der Zweck oder die Absicht der Operation wäre?

(Darin, dass die Nichterwähnung des Hamas-Massakers in diesem Kontext ein sträfliches Versäumnis ist und Biykottaufrufe gar nicht gehen, stimmen wir übrigens überein.)
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Myron
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Beitrag(#2305336) Verfasst am: 16.05.2024, 12:24    Titel: Antworten mit Zitat

Tarvoc hat folgendes geschrieben:
Myron hat folgendes geschrieben:
Apropos Massaker, davon ist gleich am Anfang des Briefes die Rede—aber nicht vom Hamas-Massaker, sondern vom "massacre being committed in Gaza by Israel". Damit wird der israelischen Regierung & Armee unterstellt, sie wären selbst Terroristen mit der massenmörderischen Absicht, so viele palästinensische Zivilisten wie möglich zu töten.

Nur interessehalber: Welchen Begriff würdest du für eine Operation vorschlagen, bei der erwartungsgemäß eine große Anzahl von Zivilisten ums Leben kommt, ohne dass deren Tötung der Zweck oder die Absicht der Operation wäre?


Israel führt einen gerechtfertigten Vergeltungskrieg gegen die Hamas in einem sehr kleinen, dicht besiedelten Kampfgebiet. (Der ganze Gazastreifen hat über 2 Mio. Einwohner bei einer Fläche, die kleiner ist als das Stadtgebiet von Köln.) Da sich die Hamas-Kämpfer inmitten der Zivilbevölkerung aufhalten und diese auch gezielt als Schutzschild missbrauchen, ist ein moralisch optimaler Schutz der Zivilisten leider unmöglich.

Es stellt sich natürlich die moralische Frage der Verhältnismäßigkeit: Wie viele Tote oder Verletzte unter den Zivilisten dürfen bei der Verfolgung des legitimen Kriegszieles (= die Vernichtung von Hamas) entschuldbarerweise in Kauf genommen werden?

Ich habe die einzelnen Kriegsaktionen der israelischen Armee nicht analysiert, sodass ich nicht beurteilen kann, ob sie unter den örtlich äußerst ungünstigen Umständen unverhältnismäßig gehandelt hat und in unentschuldbarer Weise für den Tod vieler palästinensischer Zivilisten verantwortlich ist.

Der Völkermord-Vorwurf ist jedenfalls völlig haltlos.
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Myron
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Beitrag(#2305337) Verfasst am: 16.05.2024, 13:16    Titel: Antworten mit Zitat

smallie hat folgendes geschrieben:
Myron hat folgendes geschrieben:
Mag sein, aber es gab einen nachvollziehbaren Interessenkonflikt aufseiten der Kölner Uni:

So 30% nachvollziehbar.

Ich glaube nicht, daß die Petition, die Fraser unterschrieben hat, auch nur bei einem Dutzend Menschen dazu geführt hat, daß sie jetzt anders denken. Die Petition hat keine Konsequenzen. Hätte sie welche, wäre es vielleicht eine gute Tat, sich dagegen zu stellen. Aber so? Eine distanzierende Stellungnahme der Uni hätte gereicht. (Die Uni Köln kann ihre Ehrenwürden natürlich vergeben oder entziehen, wie sie will.)


Fraser ist nicht irgendwer, sondern eine prominente linke Philosophin; und mit ihrer Unterschrift hat sie als international bekannte und anerkannte Intellektuelle dem offenen Brief (mit seinem Apartheid- & Genozid-Vorwurf sowie Boykottaufruf) ein besonderes Gewicht verliehen, das dieser nicht hätte, wenn er nur von irgendwelchen Niemanden unterzeichnet worden wäre.

Es ist übrigens befremdlich, dass sie als Jüdin die antisemitische BDS-Bewegung unterstützt.
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Myron
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Beitrag(#2305338) Verfasst am: 16.05.2024, 13:37    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:

Es ist übrigens befremdlich, dass sie als Jüdin die antisemitische BDS-Bewegung unterstützt.


Ein Artikel von Michael Wolffsohn:

Zitat:
"…Nicht nur Nichtjuden, Muslime und Araber- oder Islamfreunde demonstrieren gegen Zionismus und Israel, sondern auch eine jüdische Minderheit. Deren Vertreter demonstrieren letztlich gegen sich selbst, weil sie, wie Juden seit eh und je, von aussen meistens in die jüdische «Schublade» gesteckt werden.

Wie die «zivilisierten Westjuden», die sich gegenüber den Nazi-Barbaren zu lange sicher wähnten. Sie meinten (und hofften), der NS-Judenhass richte sich «nur» gegen die orthodoxen, vormodernen Ostjuden. Diese wiederum verliessen sich auf «Gottes Hilfe». Spätestens in Auschwitz erkannten beide: Für Judenhasser sind alle Juden gleich. Der angepasste ebenso wie der widerspenstige Jude, der moralische «Judenrat» ebenso wie der unmoralische und auch der Kapo im KZ.

Die jüdischen Mit- und Vorläufer der antijüdischen Demonstrationen von heute erliegen dem gleichen, vom Prinzip Hoffnung abgeleiteten Denkfehler wie die Kulturjuden im 19. Jahrhundert. Selbst grosse Geister wie Ludwig Börne und Heinrich Heine mussten ihn leidvoll erkennen: Sie hatten gedacht, die Taufe sei das Eintrittsbillett für die europäische Kultur. Irrtum.

Ebenso heute: Jüdischer Juden- und Israelhass à la Judith Butler, Deborah Feldman oder Susan Neiman scheint wie, ist aber eben nicht die Eintrittskarte für den westlichen Wissens- und Kulturbetrieb. Sollten sie mit ihren Mitstreitern obsiegen, wird man sich ihrer entledigen. Denn dann hat der Jud seine für die Nichtjuden segensreiche Arbeit vollbracht. Der Jud kann gehn. «Jud bleibt Jud», heisst es in Max Frischs Stück «Andorra». «Tut nichts, der Jude wird verbrannt!», sagt der Patriarch von Jerusalem in Lessings «Nathan der Weise». Feldman und ihresgleichen wissen nicht, was sie tun.

Unbestreitbar zählen, besonders in den USA, doch auch in Westeuropa, Juden zu den gegen Israel demonstrierenden Massen. Folglich, so das willkommene Alibi der nichtjüdischen Juden- und Israelhasser, könne ihr Anliegen nicht antisemitisch sein. Korrekt? Man schaue beidseits. Jenen Nichtjuden sind ihre jüdischen Mitstreiter, zumindest zeitweise, ein nützliches und daher willkommenes Alibi. Sie wären dumm, darauf zu verzichten.…"

Quelle: https://www.nzz.ch/feuilleton/gebildete-barbaren-wie-sich-westliche-wissenschaft-und-kultur-abschaffen-ld.1830150
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Beitrag(#2305339) Verfasst am: 16.05.2024, 16:02    Titel: Antworten mit Zitat

smallie hat folgendes geschrieben:
Myron hat folgendes geschrieben:
Mag sein, aber es gab einen nachvollziehbaren Interessenkonflikt aufseiten der Kölner Uni:

So 30% nachvollziehbar.

Ich glaube nicht, daß die Petition, die Fraser unterschrieben hat, auch nur bei einem Dutzend Menschen dazu geführt hat, daß sie jetzt anders denken. Die Petition hat keine Konsequenzen. Hätte sie welche, wäre es vielleicht eine gute Tat, sich dagegen zu stellen. Aber so? Eine distanzierende Stellungnahme der Uni hätte gereicht. (Die Uni Köln kann ihre Ehrenwürden natürlich vergeben oder entziehen, wie sie will.)

Wenn ich den Argumenten der Uni folge, müßte man an anderen Stellen nicht ebenso Konsequenzen ziehen? Judith Butler wird auf Seiten der Bundeszentrale für Politische Bildung zitiert. Muß das jetzt weg, weil Butler ebenfalls unterschrieben hat?

Nein, das soll weg, wenn man sich einig wird, daß Butler Blödsinn schreibt. Kritik an sonstigen themenfremden Haltungen Butlers spielt keine Rolle beim Versuch, den vermeintlichen Blödsinn zu entlarven.


Myron hat folgendes geschrieben:
Hier ist ein guter Kommentar in der TAZ: https://taz.de/Debatte-um-Nancy-Fraser/!6003850/

Daraus:

TAZ hat folgendes geschrieben:
Weshalb – die Kriterien der Identität der Uni Köln mal endlich ernst genommen – sollte eine Intellektuelle einen Preis zuerkannt bekommen, dem sie mit ihren Statements hohnspricht?

Gab es eine Laudatio anläßlich der Verleihung des Lehrstuhls? Dann wäre die der Maßstab, ob ihr der Preis zusteht oder entzogen werden muß.

Die Albertus-Magnus-Professur ist nun mal keine normale Professur (auch kein Lehrstuhl), bei der die Person primär in ihrem Fach im normalen Studienbetrieb lehren würde. Das stimmt inhaltlich nicht, sondern es geht um Vorträge von allgemeinem Interesse; und dafür wären es auch viel zu wenige Veranstaltungen. Es sind auch keine einfachen Gastvorträge, zu denen man bestimmte Wissenschaftler:innen für ihr Fach einlädt.

Es ist primär eine Ehrung, die sich ganz klar nicht nur auf die Fachwissenschaft, sondern auch auf das öffentliche Wirken der Person bezieht. Deswegen ist es für mich völlig selbstverständlich, dass man öffentliche Äußerungen zu allgemeinen Themen auch einbezieht, wenn man überlegt, ob jemand diese Ehrung verdient hat.
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Beitrag(#2305340) Verfasst am: 16.05.2024, 16:13    Titel: Antworten mit Zitat

smallie hat folgendes geschrieben:
Myron hat folgendes geschrieben:
Siehe: Antisemitismus in der BDS-Kampagne

Das sollte man der woken Seite - hier finde ich den Begriff angebracht - immer wieder mal süffisant unter die Nase reiben, daß die US-woken eher anti-israelisch eingestellt sind.

Du beschreibst die Tatsache, dass es innerhalb dessen, was i.d.R. diffamierend als "woke" angegriffen wird, völlig unterschiedliche Ansichten zum Konflikt in Israel/Palästina gibt.

Daraus könnte man jetzt den Schluss ziehen, dass das eben gar keine klar abgrenzbare Gruppe ist, sondern ganz viele verschiedene Gruppen, Grüppchen und Personen sind, die sich mit einer Vielzahl verschiedener Themen beschäftigen und zu diesen Themen denn auch oft unterschiedliche Meinungen haben.
Aber das wäre ja sachlich.

Macht viel mehr Spaß, unverdrossen gegen diese Evidenz weiter so zu tun, als wäre es eben doch eine solche zusammengehörige Gruppe, bei der man einen Teil der angeblichen Gruppe damit ärgern könnte, was ein anderer tut. Wer will sich ein Feindbild schon gern durch die Realität kaputt machen lassen?
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Myron
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Beitrag(#2305341) Verfasst am: 16.05.2024, 17:05    Titel: Antworten mit Zitat

@tillich (epigonal):

Die Israelfeinde bei den Wachen Linken sind alles andere als eine kleine Randgruppe. Der Postkolonialismus ist ein wesentlicher Teil ihrer Ideologie, und darin wurzelt ihr Hass gegen Israel.
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Beitrag(#2305342) Verfasst am: 16.05.2024, 17:27    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
@tillich (epigonal):

Die Israelfeinde bei den Wachen Linken sind alles andere als eine kleine Randgruppe. Der Postkolonialismus ist ein wesentlicher Teil ihrer Ideologie, und darin wurzelt ihr Hass gegen Israel.

Thema verfehlt. Mir geht es nicht darum, ob linke Israelfeinde eine kleine oder große Gruppe wären (international sind sie offenbar leider eine große Gruppe), sondern darum, dass diese angeblichen "Woken" / "Wachen Linken" / "neuer Modename kommt nächste Woche" eben keine sinnvoll abgrenzbare Gruppe sind, was man u.a. an den völlig unterschiedlichen Positionen zu diesem Thema sehen kann.

Oder bin ich jetzt auf einmal kein "woker Linker" mehr, weil ich ein klarer Gegner des israelbezogenen Antisemitismus bin?
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Tarvoc
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Beitrag(#2305345) Verfasst am: 16.05.2024, 19:52    Titel: Antworten mit Zitat

Myron hat folgendes geschrieben:
Israel führt einen gerechtfertigten Vergeltungskrieg

Ich hoffe doch sehr, du hast dich da nur aus Versehen vertippt und wolltest eigentlich was anderes schreiben. Ansonsten darfst du mir gerne erklären, in welchem rechtlichen oder ethischen Zusammenhang heuzutage Vergeltung als legitimer Kriegsgrund geführt wird.

Myron hat folgendes geschrieben:
Es stellt sich natürlich die moralische Frage der Verhältnismäßigkeit: Wie viele Tote oder Verletzte unter den Zivilisten dürfen bei der Verfolgung des legitimen Kriegszieles (= die Vernichtung von Hamas) entschuldbarerweise in Kauf genommen werden?

Zunächst stellt sich die Frage, ob das Ziel der Vernichtung der Hamas mit diesen Mitteln überhaupt erreichbar ist. Selbst einige hochrangige israelische Militärexperten widersprechen dieser Annahme. Du darfst dir die "Vernichtung" einer solchen Organisation nämlich nicht so vorstellen, dass man einfach nur jeden erschießen müsste, der jetzt gerade zur Hamas gehört, und dann sei die Sache gegessen.

Welche Rechte Zivilisten (und zwar alle Zivilisten und nicht nur "so viele von ihnen, wie es gerade bequem ist") im Krieg haben, kann man übrigens dem humanitären Völkerrecht und insbesondere der vierten Genfer Konvention entnehmen.
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Zuletzt bearbeitet von Tarvoc am 16.05.2024, 20:31, insgesamt 2-mal bearbeitet
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smallie
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Beitrag(#2305347) Verfasst am: 16.05.2024, 20:24    Titel: Antworten mit Zitat

Ich muß wohl mal die Instrumente herzeigen. Mr. Green

Zum Glück bin nicht die Inquisition - ihr dürft aufatmen. Ich denke nicht an Daumenschrauben, sondern an andere Instrumente.

Myron hat folgendes geschrieben:
Fraser ist nicht irgendwer, sondern eine prominente linke Philosophin; und mit ihrer Unterschrift hat sie als international bekannte und anerkannte Intellektuelle dem offenen Brief (mit seinem Apartheid- & Genozid-Vorwurf sowie Boykottaufruf) ein besonderes Gewicht verliehen, das dieser nicht hätte, wenn er nur von irgendwelchen Niemanden unterzeichnet worden wäre.


kolja - Leitfaden für Missionare hat folgendes geschrieben:
Argumentum ad verecundiam (Berufung auf Autoritäten): Berufe Dich nicht auf Autoritäten!



Myron hat folgendes geschrieben:
Es ist übrigens befremdlich, dass sie als Jüdin die antisemitische BDS-Bewegung unterstützt.

Is wohl keine wahre Jüdin. Bitte nicht!
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Zuletzt bearbeitet von smallie am 16.05.2024, 22:25, insgesamt einmal bearbeitet
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