Das Diskriminierungsparadox
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Freigeisterhaus -> Kultur und Gesellschaft

#1: Das Diskriminierungsparadox Autor: AdvocatusDiaboliWohnort: München BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 13:30
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Ich finde diesen Begriff „Diskriminierungsparadox“ und den dahinter stehenden Befund sehr erhellend und würde ihn deshalb gerne aus der überhitzen Debatte über Identitätspolitik rauslösen, weil er sie vielleicht auch grundlegend erklärt.

Gefunden habe ich ihn in einem Essay des Soziologen Aladin El-Maalafani.
„Alle an einem Tisch. Identitätspolitik und die paradoxen Verhältnisse zwischen Teilhabe und Diskriminierung“
https://www.bpb.de/apuz/286512/alle-an-einem-tisch-identitaetspolitik-und-die-paradoxen-verhaeltnisse-zwischen-teilhabe-und-diskriminierung?p=all


Zitat:
Das Diskriminierungsparadox

Das gesteigerte Konfliktpotenzial zeigt sich auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen und wirkt sich auf den öffentlichen Diskurs über Diskriminierung und Integration aus. Es offenbart sich ein paradoxer Effekt: Die Teilhabechancen verbessern sich und gleichzeitig wird viel mehr über Diskriminierung aufbegehrt und diskutiert als vorher – und zwar nicht obwohl, sondern weil sich die Situation verbessert hat. Menschen, die gut integriert sind und mit am Tisch sitzen, haben den Anspruch auf gleichberechtigte Teilhabe. Sie haben also gesteigerte Teilhabe- und Zugehörigkeitserwartungen. Die Realität ist aber fast immer träger als die Erwartungen. Das heißt, dass die Erwartungen schneller steigen als die realen Teilhabechancen.


Für junge Deutsche, die Migranten der dritten Generation sind und mit Alltagsrassismus konfrontiert werden oder Frauen an sich, die, wenn sie über geschlechtliche Diskriminierung sprechen, von Anti-Feministen wie Bernie der Hysterie verdächtigt werden, ist dieses Paradox gelebte Wirklichkeit. zwinkern Es ist doch alles besser. Ja, aber das ist relativ.

Wenn man zu einer Gruppe gehört, ist jede Diskrimierung schmerzhafter, als wenn man nicht zu der Gruppe gehört. Was meint ihr?

Siehe vom selben Autor auch über Integration: https://www.caritas.de/fuerprofis/fachthemen/migration/das-integrationsparadox-warum-gelungene-

#2:  Autor: Tarvoc BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 14:48
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Das "Paradox", dass gesellschaftliche Machtstrukturen (wozu Diskriminierungsstrukturen nunmal gehören) oft erst dann in die Kritik und auch unter gesellschaftlichen und politischen "Beschuss" geraten, wenn sie ohnehin bereits dabei sind, zu verfallen und ihre Macht über das gesellschaftliche Leben einzubüßen, ist ein schon recht lange bekannter Effekt und auch nicht wirklich ein Paradox, sondern angesichts der Natur und des normierenden Charakters gesellschaftlicher Macht eigentlich gerade zu erwarten.

Trotzdem interessantes Thema. Bin schon gespannt auf die weitere Diskussion. Das berührt ja auch die Thematik meiner Dissertation. Sehr glücklich

#3: Re: Das Diskriminierungsparadox Autor: Zumsel BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 15:25
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Hier gibt es einige Aspekte zu beachten. Einer ist sicherlich: Sobald ein Thema Mainstream wird, entwickelt es quasi automatisch erhebliches Nervpotenzial, einfach auf Grund der Leute, die auf den Zug aufspringen wie auf jeden anderen Trend. Ein eigentlich berechtigtes Anliegen schrumpft dann zum kapitalkonformen Medienphänomen zusammen. Wo Konzerne, Werbeindustrie, Popkultur oder Influencer Antirassismus, Feminismus, gar "Konsumkritik" entdecken, wird aus Emanzipation "Diversitymanagement" und aus Progressivität ein bloßer Modetrend. Zwangsläufig sinkt dadurch natürlich auch das Diskursniveau, Begriffe, die ursprünglich einen kritischen Gehalt hatten, entleeren zu bloßen Beschwörungsformeln.

Ein "Integrationsparadox" ist das unter diesem Gesichtspunkt betrachtet nicht wirklich, eher könnte man konstatieren, dass die Integration ins bestehende Verwertungssystem ZU erfolgreich verlaufen ist.
Wie zum Beispiel auch das Gerede von "Teilnahmechancen" nahelegt, das wohl nur in einer Gesellschaft verstanden werden kann, die "Gleichheit" als "Chancengleichheit" versteht, also gegen die prinzipelle Existenz von Arschkartenziehern auf der einen und Gesegneten auf der anderen Seite wenig einzuwenden hat, sofern nur jeder unabhängig von Herkunft und Geschlecht mal die Chance bekommt, zur zweiten Gruppe zu gehören, was ungefähr viel heißt wie statt Müllmann Werbefritze oder statt Altenpflegerin Investmentbankerin zu werden.

#4:  Autor: AdvocatusDiaboliWohnort: München BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 15:44
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Tarvoc hat folgendes geschrieben:
Das "Paradox", dass gesellschaftliche Machtstrukturen (wozu Diskriminierungsstrukturen nunmal gehören) oft erst dann in die Kritik und auch unter gesellschaftlichen und politischen "Beschuss" geraten, wenn sie ohnehin bereits dabei sind, zu verfallen und ihre Macht über das gesellschaftliche Leben einzubüßen, ist ein schon recht lange bekannter Effekt und auch nicht wirklich ein Paradox, sondern angesichts der Natur und des normierenden Charakters gesellschaftlicher Macht eigentlich gerade zu erwarten.

Trotzdem interessantes Thema. Bin schon gespannt auf die weitere Diskussion. Das berührt ja auch die Thematik meiner Dissertation. Sehr glücklich


Im Falle der Integration ist der Aspekt der sprachlichen Teilhabe nicht zu unterschätzen. Die erste Einwandergeneration aus der Türkei sprach überhaupt kein Deutsch und hatte noch intensive Bande an die Heimat. Deren Enkel kennen die Türkei allenfalls aus dem Urlaub und sprechen vielleicht nur noch gebrochen Türkisch. Sie werden aber trotzdem meist als "türkisch" identifiziert - was unabhängig von ihrer sozio-ökonomischen Position als Herabstufung erfahren wird: "Ihr seid keine 'richtigen' Deutschen". Dass dies für die so Betroffenen erst einmal wichtiger ist, als ökonomische Ungleichheiten zu beseitigen, finde ich vollkommen verständlich.

#5:  Autor: Tarvoc BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 17:09
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AdvocatusDiaboli hat folgendes geschrieben:
Tarvoc hat folgendes geschrieben:
Das "Paradox", dass gesellschaftliche Machtstrukturen (wozu Diskriminierungsstrukturen nunmal gehören) oft erst dann in die Kritik und auch unter gesellschaftlichen und politischen "Beschuss" geraten, wenn sie ohnehin bereits dabei sind, zu verfallen und ihre Macht über das gesellschaftliche Leben einzubüßen, ist ein schon recht lange bekannter Effekt und auch nicht wirklich ein Paradox, sondern angesichts der Natur und des normierenden Charakters gesellschaftlicher Macht eigentlich gerade zu erwarten.

Trotzdem interessantes Thema. Bin schon gespannt auf die weitere Diskussion. Das berührt ja auch die Thematik meiner Dissertation. Sehr glücklich


Im Falle der Integration ist der Aspekt der sprachlichen Teilhabe nicht zu unterschätzen. Die erste Einwandergeneration aus der Türkei sprach überhaupt kein Deutsch und hatte noch intensive Bande an die Heimat. Deren Enkel kennen die Türkei allenfalls aus dem Urlaub und sprechen vielleicht nur noch gebrochen Türkisch. Sie werden aber trotzdem meist als "türkisch" identifiziert - was unabhängig von ihrer sozio-ökonomischen Position als Herabstufung erfahren wird: "Ihr seid keine 'richtigen' Deutschen". Dass dies für die so Betroffenen erst einmal wichtiger ist, als ökonomische Ungleichheiten zu beseitigen, finde ich vollkommen verständlich.


Zudem gibt es in Deutschland noch den Effekt, dass eine diskriminierte nationale Minderheit ab dem Punkt zunehmend akzeptiert wird, wo eine andere diskriminierbare Minderheit sozusagen nachrückt. In den frühen Jahren der Republik waren es ja zuerst primär Einwanderer aus europäischen Mittelmeerstaaten wie Italien oder Griechenland, die Ziel von Diskriminierungen waren. Dann kamen die Türken nach und für Italiener, etc. entspannte sich die Situation ein wenig. Und jetzt im Moment sehen wir das selbe mit Flüchtlingen aus Syrien und dem Mittleren Osten. Also der Rassismus und die Diskriminierung verschwinden nicht, sondern die jeweils diskriminierte Gruppe wird immer dann zunehmend akzeptiert, wenn sich ein neues Ziel findet.

#6: Re: Das Diskriminierungsparadox Autor: Tarvoc BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 17:13
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Zumsel hat folgendes geschrieben:
Ein "Integrationsparadox" ist das unter diesem Gesichtspunkt betrachtet nicht wirklich, eher könnte man konstatieren, dass die Integration ins bestehende Verwertungssystem ZU erfolgreich verlaufen ist.

Hab' dem zwar nicht unmittelbar etwas hinzuzufügen, aber den Gedanken finde ich auch sehr interessant.

#7:  Autor: tillich (epigonal) BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 19:05
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Das Paradox besteht mE darin, dass von der diskriminierenden Seite ja gerne behauptet wird, die Konflikte würden sich daran entzünden, dass die entsprechenden Leute zu wenig integriert wären, während es tatsächlich umgekehrt ist.

In Bezug auf den Islam etwa: Kopftuch tragen, Ramadan halten, Moscheen haben - für diese Leute alles angeblich ein Zeichen von zu wenig Integration.

Tatsächlich aber haben Kopftücher früher ja niemanden besonders gestört, weil es eben "nur" Putzfrauen und Hausfrauen waren, die sie getragen haben und die abgesehen von solchen Arbeiten auch nicht aus ihren Stadtvierteln rauskamen. Jetzt gibt es kopftuchtragende Muslimas, die gut gebildet sind und entsprechende Berufe ausüben wollen, die also objektiv viel besser integriert sind - aber das Problem ist angeblich zu wenig Integration. (Zumal sowieso eigentlich ein geringerer Anteil der Muslimas ein Kopftuch trägt, aber das nur nebenbei.)

Dito Moscheen: Früher haben sich die Muslime ganz provisorisch bestehende, anderweitig nicht mehr gebrauchte Gebäude (Kantinen, Fabrikgebäude u.Ä.) umgebaut, und es hat eigentlich keinen interessiert, "obwohl" die Religionsausübung damit ganz an den Rand gedrängt, also überhaupt nicht integriert war. Jetzt wollen sie dauerhafte, bewusst als solche gebaute und im Stadtbild sichtbare Moscheen, und das soll nun angeblich ein schlimmes Zeichen von Parallelgesellschaften sein.

Das ließe isch sicherlich auch an anderen Themen zeigen. MMn ein gutes Beispiel, dass sich identitätspolitische und materielle Ausgrenzung einerseits, Identitätspolitik und Politik zugunsten materiell benachteiligter Gruppen andererseits sinnvollerweise gar nicht trennen lassen. Erst mit der identitätspolitischen Anerkennung kommen Leute aus manchen materiell benachteiligten Gruppen so richtig an Stellen, an denen sie Politik beeinflussen können.

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EDIT: Natürlich kann es auch vorkommen, dass man versucht, beides voneinander abzuspalten, um an den materiellen Verhältnissen gerade nichts zu trennen. Das ist aber mE gerade nicht die Perspektive der Akteure, die für ihre Identitätspolitik gescholten werden.

#8:  Autor: DonMartin BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 22:00
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Tarvoc hat folgendes geschrieben:

Zudem gibt es in Deutschland noch den Effekt, dass eine diskriminierte nationale Minderheit ab dem Punkt zunehmend akzeptiert wird, wo eine andere diskriminierbare Minderheit sozusagen nachrückt. In den frühen Jahren der Republik waren es ja zuerst primär Einwanderer aus europäischen Mittelmeerstaaten wie Italien oder Griechenland, die Ziel von Diskriminierungen waren. Dann kamen die Türken nach und für Italiener, etc. entspannte sich die Situation ein wenig. Und jetzt im Moment sehen wir das selbe mit Flüchtlingen aus Syrien und dem Mittleren Osten. Also der Rassismus und die Diskriminierung verschwinden nicht, sondern die jeweils diskriminierte Gruppe wird immer dann zunehmend akzeptiert, wenn sich ein neues Ziel findet.

Die angeblich so schlimm diskriminierten Minderheiten aus Südeuropa werden deshalb akzeptiert,
weil sie sich mittlerweile angepasst haben, also mitteleuropäischer und moderner geworden sind.
Genau wie ihre Herkunftsländer.
Für die Türkei und den Rest der islamischen Welt gilt das nicht, da läuft die Uhr rückwärts.

#9:  Autor: vrolijkeWohnort: Stuttgart BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 22:20
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DonMartin hat folgendes geschrieben:
Tarvoc hat folgendes geschrieben:

Zudem gibt es in Deutschland noch den Effekt, dass eine diskriminierte nationale Minderheit ab dem Punkt zunehmend akzeptiert wird, wo eine andere diskriminierbare Minderheit sozusagen nachrückt. In den frühen Jahren der Republik waren es ja zuerst primär Einwanderer aus europäischen Mittelmeerstaaten wie Italien oder Griechenland, die Ziel von Diskriminierungen waren. Dann kamen die Türken nach und für Italiener, etc. entspannte sich die Situation ein wenig. Und jetzt im Moment sehen wir das selbe mit Flüchtlingen aus Syrien und dem Mittleren Osten. Also der Rassismus und die Diskriminierung verschwinden nicht, sondern die jeweils diskriminierte Gruppe wird immer dann zunehmend akzeptiert, wenn sich ein neues Ziel findet.

Die angeblich so schlimm diskriminierten Minderheiten aus Südeuropa werden deshalb akzeptiert,
weil sie sich mittlerweile angepasst haben, also mitteleuropäischer und moderner geworden sind.
Genau wie ihre Herkunftsländer.
Für die Türkei und den Rest der islamischen Welt gilt das nicht, da läuft die Uhr rückwärts.


Sorry, aber du redest Blödsinn.

#10:  Autor: Tarvoc BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 23:34
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tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
Jetzt gibt es kopftuchtragende Muslimas, die gut gebildet sind und entsprechende Berufe ausüben wollen, die also objektiv viel besser integriert sind - aber das Problem ist angeblich zu wenig Integration.

Das finde ich einen guten Hinweis. Sobald sie zu einer Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt werden, werden sie auch zur Zielscheibe.

#11:  Autor: Tarvoc BeitragVerfasst am: 17.04.2021, 23:40
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vrolijke hat folgendes geschrieben:
Sorry, aber du redest Blödsinn.

DonMartins Beitrag steht unter aller Kritik. Er hat noch nicht mal den Punkt verstanden, den ich über Türken und ihre zunehmende Akzeptiertheit in Deutschland gemacht habe.
Dass man in seinen Kreisen auch immer noch kräftig gegen Türken Stimmung macht, glaube ich ihm aber unbesehen. Ich bin beinahe überrascht, dass er Italiener und Griechen akzeptiert.

#12:  Autor: vrolijkeWohnort: Stuttgart BeitragVerfasst am: 18.04.2021, 11:29
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Tarvoc hat folgendes geschrieben:
vrolijke hat folgendes geschrieben:
Sorry, aber du redest Blödsinn.

DonMartins Beitrag steht unter aller Kritik. Er hat noch nicht mal den Punkt verstanden, den ich über Türken und ihre zunehmende Akzeptiertheit in Deutschland gemacht habe.
Dass man in seinen Kreisen auch immer noch kräftig gegen Türken Stimmung macht, glaube ich ihm aber unbesehen. Ich bin beinahe überrascht, dass er Italiener und Griechen akzeptiert.



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