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"Wenn ein Europäer doziert, dann schnarchen wir."
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Deus ex Machina
registrierter User



Anmeldungsdatum: 14.03.2006
Beiträge: 789

Beitrag(#560257) Verfasst am: 08.09.2006, 12:16    Titel: Antworten mit Zitat

Ja, wenn man z.B. auch bedenkt, dass Bush sen. über Atheisten gesagt hat, sie seien keine richtigen US-Bürger (o.ä.); wenn ein deutscher Kanzlerkandidat das über Christen sagen würde, wäre er ziemlich schnell weg vom Fenster.
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GermanHeretic
Individualoptimist & Kulturpessimist



Anmeldungsdatum: 16.06.2004
Beiträge: 4932

Beitrag(#560260) Verfasst am: 08.09.2006, 12:20    Titel: Antworten mit Zitat

Deus ex Machina hat folgendes geschrieben:
Ja, wenn man z.B. auch bedenkt, dass Bush sen. über Atheisten gesagt hat, sie seien keine richtigen US-Bürger (o.ä.); wenn ein deutscher Kanzlerkandidat das über Christen sagen würde, wäre er ziemlich schnell weg vom Fenster.

Ja, aber wenn ein dt. Gericht sowas über Atheisten sagt, ist's auch ok.
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Der unbekannte Gott
apolitischer Atheist



Anmeldungsdatum: 24.07.2003
Beiträge: 1595
Wohnort: Das alte Europa

Beitrag(#561835) Verfasst am: 10.09.2006, 23:39    Titel: Antworten mit Zitat

GermanHeretic hat folgendes geschrieben:
Deus ex Machina hat folgendes geschrieben:
Ja, wenn man z.B. auch bedenkt, dass Bush sen. über Atheisten gesagt hat, sie seien keine richtigen US-Bürger (o.ä.); wenn ein deutscher Kanzlerkandidat das über Christen sagen würde, wäre er ziemlich schnell weg vom Fenster.

Ja, aber wenn ein dt. Gericht sowas über Atheisten sagt, ist's auch ok.

Wo hat ein deutsches Gericht das gesagt? Würde mich interessieren.
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"Unwissenden scheint, wer Weises sagt, nicht klug zu sein." (Euripides)
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Cato
Der Freund der Bösen



Anmeldungsdatum: 13.08.2005
Beiträge: 970
Wohnort: Wolkenkuckucksheim

Beitrag(#561851) Verfasst am: 11.09.2006, 00:00    Titel: Antworten mit Zitat

Das Ergebnis wird explosiv sein

Eigentlich ein recht vernünftiger Mann, wäre da seine Affinität zum Christentum nicht und vielfach hängt er genau dem an, was er an Europa so kritisiert – insbesondere die Selbsttäuschung (Moral genannt). Wobei ich die ablehnende Haltung gegen die UNO weitgehend teile; die fehlende demokratische Legitimation ist ein Makel, den ich nicht gewillt bin hinzunehmen. Die Kritik an Europas Unfähigkeit sich selbst zu verteidigen ist übrigens nicht gänzlich unbegründet; die genannten Missstände sollten schleunigst beseitigt werden und Europa muss Willens und in der Lage sein, Bedrohungen – wie die durch den Iran – auch ohne amerikanische Hilfe militärisch zu beseitigen. Zwar bin ich Amerika prinzipiell dankbar, dass es das demokratische Europa stabilisiert hat und es sowohl vor dem Nationalsozialismus als auch vor dem Stalinismus gerettet hat; aber man sollte nicht vergessen, dass eine solche Hegemonie gewöhnlich sehr bald in eine tatsächliche Herrschaft der Vormacht mündet. Athen machte aus seinem Seebund gegen das persische Reich sehr bald ein Imperium; zugegeben, man kann die Europapolitik Amerika in gewisser Weise mit der Politik Roms gegenüber Griechenland vergleichen. So wie Rom versuchte, Griechenland von den hellenistischen Monarchien befreien wollte, so wollte Amerika Europa vor den autoritären bzw. totalitären Autokratien befreien und hat dies, im Gegensatz zu Rom, zumindest bis jetzt weitgehend erreicht. Allerdings sollte sich Europa in der Tat nicht in der amerikanischen Hegemonie sonnen, sondern sich zu einem schlagfertigen Staatenbund entwickeln. Von den Ressourcen her gesehen, ist Europa Amerika ebenbürtig, würden diese nur sinnvoll genutzt und konzentriert werden. Doch nun zum Text; historisch gesehen, gibt es natürlich auch einige Haarspaltereien anzumerken:

Zitat:
Ich möchte Ihnen diese Frage mit einer Geschichte beantworten. Am 6. Juni 1944 landeten die Amerikaner in der Normandie. Es war die grösste Invasion Europas seit Xerxes.


Ei, seit Xerxes? Und was war mit dem Hunnen- und Mongolensturm? Der Angriffe der Araber und Osmanen? Na? Diese übertrafen an Größe und Gefahr bei weitem den Feldzug der Perser: Die alten Perser ließen schließlich den unterworfenen Gebieten ihre Sitten und Götter und gewährten ihnen eine gewisse Autonomie. Von Arabern und Osmanen kann man dies ja keineswegs behaupten. Zumal das antike, heidnische Griechenland unendlich wehrhafterals das christlich-feudalistische Mittelalter war. Die Byzantiner mussten sich hinter ihren Mauern verstecken, während die griechischen Stadtstaaten unter der Führung Athens und Spartas die Perser zuerst zur See (bei Salamis) und dann zu Lande (bei Plataiai) vernichtend geschlagen haben. (ich weiß, aber ich konnte es mir nicht verkneifen)

Allerdings ist die Hoffnung, die Demokratie könnte im Irak oder in Afghanistan bestehen, gänzlich vergeblich; dazu Machiavelli:

Zitat:
Wer nur durch Glück vom Privatmann zum Leiter eines Staates aufsteigt, hat wenig Mühen, aber deren viele, um sich zu behaupten. Der Weg bereitet ihm keine Schwierigkeiten, weil er die Macht im Flug erwirbt; aber alle Schwierigkeiten beginnen, wenn er emporgestiegen ist. Das ist der Fall, wenn einem die Macht durch Geld oder durch die Gunst eines anderen zufällt. (...) Alle diese hängen einfach vom guten Willen und vom Glück dessen ab, dem sie die Herrschaft verdanken. Dies aber sind zwei sehr schwankende, unbeständige Stützen. Diesen Herrschern fehlt die Fähigkeit und die Macht, ihren Rang zu behaupten: die Fähigkeit fehlt ihnen; denn es ist unwahrscheinlich, daß jemand, der immer in privaten Verhältnissen gelebt hat, zu regieren versteht, es müßte denn sein, daß er ein Mann von großer Begabung und Tüchtigkeit wäre; und es fehlt ihnen die Macht; denn sie haben keine Truppen, die ihnen zugetan und treu wären. Ferner können sich plötzlich entstandene Staaten geradeso wie alle anderen Dinge in der Natur, die schnell entstehen und wachsen, nicht verwurzeln und verzweigen. So reißt sie der erste Sturm nieder, es sei denn, daß die so plötzlich zur Herrschaft Gekommenen, wie ich schon sagte, die Tüchtigkeit besitzen, daß sie verstehen, die Macht, die ihnen das Glück in den Schoß geworfen hat, sofort festzuhalten und die Fundamente, die andere vor ihrer Machtergreifung errichtet hatten, nachträglich zu legen. (der Fürst)


Nein, es sieht nun wirklich nicht so aus, als wäre die Pseudodemokratie im Irak oder in Afghanistan in der Lage, derartiges auszuführen.

Zitat:
Das Problem mit diesem Dialog ist, dass die Europäer noch und noch gedemütigt werden. Ihre Antwort darauf, dass sie in den nuklearen Schussradius einer Theokratie gelangen, scheint darin zu bestehen, dass sie dieser noch mehr Produkte liefern, die für ihre eigene Zerstörung verwendet werden können.


Sehr genau beobachtet, es wird also höchste Zeit die Politik mit anderen Mitteln fortzusetzen, wie von Clausewitz sagen würde.

Zitat:
Antiamerikanismus ist ein psychologisches Phänomen: Nachdem eine Gruppe wohlhabender, gebildeter Menschen ihren Wunsch nach einer waffenlosen, sozialistischen Utopie erfüllt sah, merkten diese Leute, dass sie im freien Markt nicht mithalten können, dass ihr Sozialnetz sich nicht aufrechterhalten lässt, dass sie nicht fähig sind, Einwanderer aus der islamischen Welt zu integrieren, dass ihre Demografie nicht mehr stimmt, dass ihr System am Ende ist. Ihre Frustration leben sie nun an Amerika aus, statt die eigenen Probleme anzupacken.


Nun ja, den freien Markt schaffen wir ab, schließlich ist es unerträglich, dass der Kaufmann Herr über alle Dinge sein soll. Die muselmanischen Einwanderer integrieren sich entweder von selbst oder werden zu Auswanderern und mit der Demographie überlegen wir uns auch noch was und all das ohne antiamerikanisch zu sein (oder auch nicht, wir haben ja Meinungs- und Glaubenfreiheit, es darf also jeder Amerika für böse halten, wenn er das möchte).

Zitat:
Woher kommt dieses Gefühl der Überlegenheit? Die Geschichte Europas gab uns die meisten Pathologien des 20. Jahrhunderts, sei es den Marxismus, den Nationalsozialismus oder den italienischen Faschismus. Und jedes Mal sagte die Regierung dem Volk: «Gib mir genug Macht, und ich werde meine unendliche Weisheit darauf verwenden, das Los der Menschheit zu verbessern.» Die liberalen Demokratien, die diese Denkweise ablehnten, konnten ihre Bevölkerungen nicht dazu bringen, die eigenen Werte zu verteidigen.


Wurden diese Pathologien nicht vielfach durch das Elend des Kapitalismus ausgelöst? Wenn der Kapitalismus eine nährende Mutter für alle wäre, woher dann die Revolte dagegen? Sind es nicht das beispiellose Elend und die Rechtlosigkeit des Proletariats gewesen, die zum Marxismus führten? Auch das Aufkommen des Nationalsozialismus' ist ohne das völlige Versagen des kapitalistischen Systems nicht zu erklären. Ganz so einfach ist es nicht und Marx' Kommentar, warum es in Amerika nicht ähnliche Wirren gab, wird er wohl kaum hören wollen, unserer Streiter:

Zitat:
Sie hatte offenbart, daß bürgerliche Republik hier die uneingeschränkte Despotie einer Klasse über andere Klassen bedeute. Sie hatte bewiesen, daß in altzivilisierten Ländern mit entwickelter Klassenbildung, mit modernen Produktionsbedingungen und mit einem geistigen Bewußtsein, worin alle überlieferten Ideen durch jahrhundertelange Arbeit aufgelöst sind, Republik überhaupt nur die politische Umwälzungsform der bürgerlichen Gesellschaft bedeutet und nicht ihre konservative Lebensform, wie z.B. in den Vereinigten Staaten von Nordamerika, wo zwar schon Klassen bestehn, aber sich noch nicht fixiert haben, sondern in beständigem Flusse fortwährend ihre Bestandteile wechseln und aneinander abtreten, wo die modernen Produktionsmittel, statt mit einer stagnanten Übervölkerung zusammenzufallen, vielmehr den relativen Mangel an Köpfen und Händen ersetzen, und wo endlich die fieberhaft jugendliche Bewegung der materiellen Produktion, die eine neue Welt sich anzueignen hat, weder Zeit noch Gelegenheit ließ, die alte Geisterwelt abzuschaffen. (Der achtzehnte Brumaire des Louis Napoleon)


Nun?

Zitat:
Den Europäern steht es frei, diese Ansicht zu vertreten, aber sie mögen mir eine Periode in der Geschichte nennen, welche die Richtigkeit dieser Ansicht beweist. Die Europäer sagen uns: «Wir wissen es, weil wir bei uns Weltkriege hatten.» Wir Amerikaner antworten ihnen: «Wir wissen es auch, weil wir euch 1917 und 1941 – und dann noch einmal im Kalten Krieg – zu Hilfe eilen mussten, um euch vor euch selber zu retten.» Die Europäer haben nicht die Fähigkeit, sich selber zu verteidigen, und in den nächsten Jahren werden sie in Raketenschussweite eines theokratischen Regimes kommen.


Bitte was? Mögen auch das Reich Bismarcks und der Nationalsozialismus zutiefst verabscheuenswert sein, so bleiben sie doch europäische Staaten und bisher hat sich Europa gegen jede außereuropäische Macht erfolgreich gewehrt – Perser, Hunnen, Araber, Mongolen, Osmanen; alle wurden sie besiegt. Zumal Amerika unwiderruflich eine europäische Nation ist: kulturell, politisch und historisch – unabhängig von der geographischen Lage, ganz so wie Kanada, Australien oder Neuseeland.

Zitat:
Die Europäer sind bisher davongekommen, weil das europäische Modell die alte französische Aussenpolitik imitierte. Es gelang ihnen, Feinden des Westens Handelsbeziehungen und moralische Unterstützung anzubieten und zugleich die USA so weit zu beruhigen, dass sie ihre Truppen und ihre Unterstützung Europa nicht entzogen. Europa besass den Rückhalt durch die amerikanische öffentliche Meinung. Doch heute steht der US-Öffentlichkeit Europa bis zum Hals; im Landesinnern, abseits der Ost- und Westküste, gibt es bereits einen neuen Antieuropäismus.


Immer diese kindlichen Streitereien; Antiamerikanismus hier, Antieuropäismus dort. Kinder, wenn wir bei all dem Gezänk nicht aufpassen, dann gibt es einen lachenden Dritten. Europa und Amerika haben allen Grund schwesterlich nebeneinander zu handeln, wenn sie es schon nicht in brüderlicher Eintracht tun wollen. Ansonsten kann es beiden ergehen, wie den griechischen Stadtstaaten: Athen, Sparta, Korinth, Argos und Theben stritten beständig um die Hegemonie in Hellas. Bis sie sich völlig abgekämpft hatten und mit Philipp II. der lachende Dritte auftrat, der alle unterwarf. Unser lachender Dritter könnte China heißen: Also, Obacht.

Zitat:
Der bevorstehende Bevölkerungsschwund ist seit der Pest im Mittelalter einmalig, das Familienleben und das religiöse Leben verschwinden, (...)


...und wieder antwortet ihm Machiavelli (und im Grunde genommen auch Tacitus):

Zitat:
Unsere Religion [das Christentum] hat mehr die demütigen und beschaulichen Menschen als die tätigen selig gesprochen. Sie hat das höchste Gut in Demut, Entsagung und Verachtung des Irdischen gesetzt; jene [das Heidentum] setzte es in hohen Mut, Leibesstärke und alles, was den Menschen kraftvoll macht. Verlangt auch unsere Religion, daß man stark sei, so will sie doch, daß man diese Stärke im Leiden und nicht in kraftvollen Taten äußert. Diese Lebensweise scheint also die Welt schwach gemacht und sie den Bösewichten zur Beute gegeben haben.


Mit dem Verschwinden des christlich-religiösen Lebens gewinnen wir nur; nicht auszudenken, wenn sich Europa der Philosophie Nietzsches zuwenden würde:

Zitat:
Nicht, was die Menschheit ablösen soll in der Reihenfolge der Wesen, ist das Problem, das ich hiermit stelle (- der Mensch ist ein Ende -): sondern welchen Typus Mensch man züchten soll, wollen soll, als den höherwerthigeren, lebenswürdigeren, zukunftsgewisseren.
Dieser höherwerthigere Typus ist oft genug schon dagewesen: aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, niemals als gewollt. Vielmehr ist er gerade am besten gefürchtet worden, er war bisher beinahe das Furchtbare; - und aus der Furcht heraus wurde der umgekehrte Typus gewollt, gezüchtet, erreicht: das Hausthier, das Heerdenthier, das kranke Thier Mensch, - der Christ ... (der Antichrist)


(dann gäbe es ein Europa, das man nicht so ohne weiteres bedrohen würde, wie dies jüngst im Falle Dänemarks geschah) Doch weiter im Programm:

Zitat:
Es muss die Wirtschaft und die Arbeitsgesetze deregulieren, einsehen, dass der Staat nicht alle Antworten hat. Nur so kann Europa wieder ins Spiel kommen. Andernfalls wird es immer zorniger. Und wir wissen, was mit den Europäern geschieht, die auf der Seite der politischen Linken stehen und zornig sind: Sie wechseln in einem Sekundenbruchteil von der Linken zur Rechten. Dies geschah in den dreissiger Jahren. Und ich sehe keinen Grund, wieso Europa mit seinem beharrlichen Klassensystem, seinen aristokratischen Werten, seiner antisemitischen Vergangenheit und mit seinem Widerstand gegen die Assimilierung von Einwanderern sich nicht wieder – als Reaktion auf das Versagen der Linken – einem starken Mann auf der Rechten zuwenden sollte.


Nein, wir werden nicht Westerwelle nacheifern und meinen, man müsse noch Gas geben, wenn man auf eine Wand zufahren, in der irren Hoffnung, man könne so schnell werden, dass man die Mauer unbeschadet durchbrechen könne. Unserem Streiter ist dringend eine Werkausgabe von Karl Marx zu empfehlen. (Amerika steht nämlich gar nicht soviel besser dar, als Europa – es sei dem, man betrachtet es gut, wenn 45 Millionen Menschen keine Krankenversicherung haben, bei uns sind es nocheinige Hunderttausend, noch...)

Zitat:
Ich nenne es die thukydideische Regel [nach dem Historiker Thukydides], die besagt, dass das Wesen der Menschen unveränderlich ist. So ist die Vergangenheit ein Leitfaden für Gegenwart und Zukunft. Die tragische Sicht sagt, dass wir uns gewissen existenziellen Konstanten gegenübersehen: Wir werden alt, wir sterben, wir sind die Gefangenen von Stolz, Neid und Schuld, und wir schaffen Institutionen – Religionen, den Staat, gesellschaftliche Traditionen –, die unser natürliches Ich davon abhalten, sich wild und ungezügelt zu äussern. Die therapeutische Sicht sagt, das natürliche Ich ist nicht wild, sondern wunderbar. Man muss bloss den Menschen von der Religion und von repressiven Traditionen befreien, dann ist er gut. Wenn der Staat Erziehung und Geld zur Verfügung stellt, können Pathologien im Menschen geheilt und er kann zum Guten verändert werden. In Europa verschwinden die traditionellen Zwangsmethoden zur Eindämmung der wilden Natur des Menschen – die Religion, der Einfluss der Familie, die Lektionen der Geschichte, die Kultur der Scham usw. Aber die eine Institution, die diese therapeutische Weltsicht fördert, der Staat, gewinnt an Boden.


Einen derartigen Blödsinn mit Thukydides rechtfertigen zu wollen, schlägt dem Fass nun wirklich den Boden aus. Thukydides beklagt sich über Orakelsprüche und Omen, auf die seine Zeitgenossen zu viel gaben, das Christentum hat er nie kennen gelernt. Er hat keine fanatisierten Glaubenkrieger Bibliotheken in Brand stecken sehen oder die Scheiterhaufen der Inquisition und des Hexenwahns brennen sehen: einen alten Griechen als Referenz zur Idealisierung inhumaner und repressiver Elemente zu verwenden wirkt grotesk. Schließlich berichtet Thukydides, ohne jede Art moralischer Abscheu, von der Homosexualität im alten Griechenland, in einer Normalität, die uns heute noch fremd ist. Zumal der Staat definiert werden müsste, ich fürchte fast, seine Vorstellung vom Staat und meine sind zwei verschiedene Paar Stiefel. Diese viel beschworene Zähmung des Wilden im Menschen ruft natürlich wieder Nietzsche auf den Plan:

Zitat:
Ein erstes Beispiel und ganz vorläufig. Zu allen Zeiten hat man die Menschen "verbessern" wollen: dies vor Allem hiess Moral. Aber unter dem gleichen Wort ist das Allerverschiedenste von Tendenz versteckt. Sowohl die Zähmung der Bestie Mensch als die Züchtung einer bestimmten Gattung Mensch ist "Besserung" genannt worden:, erst diese zoologischen termini drücken Realitäten aus - Realitäten freilich, von denen der typische "Verbesserer", der Priester, Nichts weiss - Nichts wissen will ... Die Zähmung eines Thieres seine "Besserung" nennen ist in unsren Ohren beinahe ein Scherz. Wer weiss, was in Menagerien geschieht, zweifelt daran, dass die Bestie daselbst "verbessert" wird. Sie wird geschwächt, sie wird weniger schädlich gemacht, sie wird durch den depressiven Affekt der Furcht, durch Schmerz, durch Wunden, durch Hunger zur krankhaften Bestie. - Nicht anders steht es mit dem gezähmten Menschen, den der Priester "verbessert" hat. Im frühen Mittelalter, wo in der That die Kirche vor Allem eine Menagerie war, machte man allerwärts auf die schönsten Exemplare der "blonden Bestie" Jagd, - man "verbesserte" zum Beispiel die vornehmen Germanen. Aber wie sah hinterdrein ein solcher "verbesserter", in's Kloster verführter Germane aus? Wie eine Caricatur des Menschen, wie eine Missgeburt: er war zum "Sünder" geworden, er stak im Käfig, man hatte ihn zwischen lauter schreckliche Begriffe eingesperrt ... Da lag er nun, krank, kümmerlich, gegen sich selbst böswillig; voller Hass gegen die Antriebe zum Leben, voller Verdacht gegen Alles, was noch stark und glücklich war. Kurz, ein "Christ"... Physiologisch geredet: im Kampf mit der Bestie kann Krank machen das einzige Mittel sein, sie schwach zu machen. Das verstand die Kirche: sie verdarb den Menschen, sie schwächte ihn, - aber sie nahm in Anspruch, ihn "verbessert" zu haben ... (Götzendämmerung)


...weiter im Text:

Zitat:
Sie ist das Ergebnis zweier sich überlappender Erscheinungen. Die eine war die durch die industrielle Revolution geschaffene enorme Zunahme an Reichtum und Freizeit. Erstmals mussten Frauen nicht mehr sechs, sieben oder gar zehn Geburten überstehen, um eine vierköpfige Familie zu haben; sie wurden davon befreit, sechzehn Stunden am Tag zu kochen und zu putzen; und Männer starben nicht mehr mit zwanzig an Tuberkulose oder durch Streptokokken. Dies verleitete zum Glauben, dass es in der Macht des Menschen liege, diesen Fortschritt fortzusetzen bis zur Überwindung des Schmerzes, des Alters und des Sterbens. Die andere war eine philosophische Komponente. Marx sagte uns, dass der Staat Ungleichheit verewigt, dass man aber als politisches Pendant zur industriellen Revolution alle Menschen per Dekret gleichmachen könne. Freud wiederum sagte uns, dass der moderne Mensch an gewissen Angststörungen leidet, die von den Pathologien der Familien und dem Druck moderner Gesellschaften erzeugt wurden. Das Mittel dagegen war, dass man den eigenen instinktiven Wünschen nachgab. Dies hat die Freigebigkeit und Schönheit des modernen Europa erzeugt, aber dieser Zustand ist nicht nachhaltig, weil er wider die menschliche Natur ist.


Was ist schon nachhaltig? Zumal die knapp zwei Jahrhunderte, in den die attische Demokratie Bestand hatte, für die Menschheit, von weitaus größerer Bedeutung sind, als die 3000 Jahre der ägyptischen Pharaonen. Der griechische Sonderweg – Entwicklung einer höheren Kultur und Bebehalten der alten Freiheit – ist noch lange nicht Ende; denn er hat den Untergang der griechischen Kultur, in deren Schriften, überdauert und Menschen wie John Locke oder Thomas Jefferson griffen ihn wieder auf. Es ist nicht von Nöten die liberalen Werte aufzugeben, sondern lediglich all das zu bekämpfen, was in deren Schatten heranwächst und danach trachtet, der Freiheit ein Ende zu machen – namentlich allerlei totalitärer Sekten.

Zitat:
Angesichts unserer Leidenschaften werden die Starken immer die Schwachen unterdrücken. Die Schwachen müssen geschützt werden, physisch geschützt.


Gewiss, mein kleiner Hobbes, aber könnte uns es da nicht ergehen wie den Athenern bei Thukydides:

Zitat:
(...)Und dann zwang uns die Natur der Dinge selbst, unsere Herrschaft in der jetzigen Form auszubauen, hauptsächlich Furcht, dann die Ehre, schließlich auch unser Vorteil; später hätten wir uns nicht mehr sicher gefühlt, nachdem wir bei den meisten verhaßt waren, schon einige Abtrünnige unterworfen hatten, auch ihr uns nicht mehr die gleiche Freundschaft zeigtet, sondern Argwohn und Entzweiung, wenn wir da durch Nachgiebigkeit uns selbst gefährdet hätten (wären doch die Abgefallenen zu euch übergegangen); das aber ist keinem zu verargen, daß er für die äußerste Gefahr alles nach seinem Vorteil einrichtet.

Ihr wenigstens, Spartaner, habt als Führer der peloponnesischen Städte überall die euch dienliche Ordnung hergestellt; und wärt ihr damals dabeigeblieben bis zum Ende und hättet euch durch die Führung Haß erworben wie wir, so wissen wir genau, ihr wäret nicht minder streng mit euren Verbündeten verfahren und wäret auch gezwungen gewesen, mit Härte zu herrschen oder euch selbst zu gefährden. So muß man sich auch über uns nicht wundern, wir folgen nur der menschlichen Natur, wenn wir eine Herrschaft, die sich uns anbot, angenommen haben und behalten wollen, besiegt von drei so starken Mächten wie Ehre, Furcht und Vorteil; wir sind ja auch nicht die ersten, die dies angefangen haben, sondern es ist immer so gewesen, daß der Mindere sich dem Mächtigeren fügen muß; auch glauben wir dieses Reiches würdig zu sein, und auch ihr hieltet uns dafür, bis ihr jetzt, euren Vorteil berechnend, mit der Gerechtigkeit kommt, der zuliebe noch nie jemand eine Gelegenheit zu gewaltsamer Bereicherung verschmäht und auf seinen Vorteil verzichtet hat. (...)


(und ja Amerika, ganz so selbstlos, wie du dir immer einredest, bist du nun auch wieder nicht, in deiner Rolle als globale Hegemoniemacht.)
_________________
Im Übrigen bin ich dafür, dass der Monotheismus zerstört werden muss.
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