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Antisemitismus unter jungen Muslimen in Deutschland
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beachbernie
Von Kanada rausgepickte Rosine, feminism survivor



Anmeldungsdatum: 16.04.2006
Beiträge: 38674
Wohnort: Haida Gwaii

Beitrag(#2152338) Verfasst am: 26.09.2018, 08:47    Titel: Antworten mit Zitat

step hat folgendes geschrieben:
@beachbernie: Es geht mir nicht darum, das Christentum als tolerant oder die Juden als gleichberechtigt erscheinen zu lassen, das ist ein Strohmann. Meine Kommentare richteten sich zuerst gegen Skeptikers Behauptung, es habe nie muslimischen Antisemitismus gegeben, und dann gegen Deine Behauptung, der sei immer noch besser gewesen als die damalige christliche Praxis "Lass Dich taufen oder wir verbrennen Dich".



Ich wollte Dir das auch nicht unterstellen und der Spruch, auf den ich das aus Gründen der Anschaulichkeit reduziert habe, mag etwas verkürzt sein aber von der Grundtendenz her gab es das schon, was man an der Tatsache ablesen kann, dass zumindest bis zur modernen Migrationsgeschichte christliche Laender praktisch moslemfrei waren, obwohl es zumindest in einigen mal Perioden mit starkem muslimischen Einfluss gab, während in den meisten islamischen Laendern zu jeder Zeit teils uralte christliche Gemeinschaften überleben konnten.
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fwo
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Beiträge: 21959
Wohnort: nicht fest

Beitrag(#2152363) Verfasst am: 26.09.2018, 09:57    Titel: Antworten mit Zitat

beachbernie hat folgendes geschrieben:
step hat folgendes geschrieben:
beachbernie hat folgendes geschrieben:
Im Vergleich zu dem zur gleichen Zeit in christlichen Laendern üblichen Umgang mit "Ungläubigen" nach dem Motto "Lass Dich taufen oder wir verbrennen Dich" war diese Praxis allerdings noch relativ menschenrechtskompatibel.

Diese Praxis wurde gegenüber Juden mW nicht angewandt, und christliche Judenverfolgung entstand, soweit mir bekannt, erst im Mittelalter, schwerpunktmäßig ab ~1400. Falls ich da falsch liege, lasse ich mich gern korrigieren.


Die europäischen Juden waren in der Tat die einzige religiöse Minderheit, die im mittelalterlichen Europa mehr oder weniger geduldet wurde. Allerdings nicht immer und überall. In Spanien nach dem Ende der maurischen Herrschaft wurden zunaechst mal Juden genauso grausam verfolgt wie Moslems und so mancher Jude, der z.B. durch Finanzierung mithalf Spanien christlich zu machen, duerfte das später unter der Folter der spanischen Inquisition bitter bereut haben.

....

Zur Lage der Juden im arabisch besetzten Spanien:

Wer sich nicht überzeugen lässt, könne als Dhimmi [Anm. Übers.: “Schwacher”; Schriftbesitzer, d.h. Juden und Christen im Islam; nicht jedoch Nicht-Monotheisten, die man als Kafir, Pl. Kuffar oder Kafirun bezeichnet] weiterleben, als ein in Unsicherheit lebender Untergebener, der die Kopfsteuer (Schutzsteuer, jizya, im Original.: jaziya) zahlen musste, die aber selbst noch keine Garantie für Toleranz sei. Antichristliche Pogrome waren häufig, in denen Kreuzigungen, Pfählungen und Enthauptungen an der Tagesordnung waren, und christliche Kinder wurden [ihren Eltern] weggenommen und als Muslime erzogen. Zeitweilig wurden Juden zwar zu Verbündeten der Islamischen Herrschaft, an ihrem subalternen Status änderte dies aber nur wenig. So geschah es dann im Jahre 1066, dass die Juden von Granada vom muslimischen Mob niedergemetzelt wurden, während die Karäer [eine vom Hauptstamm des Judentums abgespaltene Religionsgemeinschaft; Anm. Übers.] überall in Andalusien systematisch vernichtet wurden. In den Worten des Maimonides, des jüdischen Philosophen, der Zeuge dieser Greueltaten wurde: ‚Nie hat eine Nation [die Muslime; im Orig.] uns dermaßen schikaniert, gedemütigt, entwürdigt und gehasst wie diese.‘
...
Die Realität der [andalusischen] Dystopie war zum Teil Folge der Sharia, wie sie von den vier offiziellen Rechtsschulen im gesellschaftlichen Leben interpretiert wurde. Die in Andalusien vorherrschende Rechtsschule war die malikitische, die für ihre Strenge gegen Nicht-Muslime bekannt war. Der Andalusische Rechtsgelehrte Ibn Abdun schrieb im Jahre 1100: ‚[Juden und Christen] müssen verabscheut und gemieden werden. Es ist verboten, ihnen den Gruß Friede sei mit dir zu entbieten. Der Satan hat Besitz von ihnen ergriffen und bringt sie dazu, die Warnungen Gottes zu vergessen. Sie gehören Satan an. Ein unverwechselbares Zeichen muss von ihnen getragen werden, so dass sie [als Nicht-Muslime] erkannt werden können und dieses Zeichen für sie zur Quelle der Scham wird.‘ Aufgrund dessen mussten Christen einen blauen, Juden einen gelben Flicken tragen. Urkunden beweisen zudem, dass es einen Massen-Exodus von Nicht-Muslimen von Andalusien in christliche Territorien im Norden gab. Im Nahen Osten und in Ägypten dagegen, wo eine andere Rechtsschule das Sagen hatte, wurden Nicht-Muslime weniger streng verfolgt.


Der Jude Maimonides hat als Quelle einen sehr guten Ruf.

Wenn man sich neuere Untersuchungen ansieht, scheint es überhaupt ein ziemlicher Blödsinn zu sein, davon auszugehen, dass die arabische Besetzung der iberischen Halbinsel von Beginn an eine muslimische war.
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Ich glaube an die Existenz der Welt in der ich lebe.

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step
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Beiträge: 20842
Wohnort: Germering

Beitrag(#2152370) Verfasst am: 26.09.2018, 10:15    Titel: Antworten mit Zitat

Skeptiker hat folgendes geschrieben:
step hat folgendes geschrieben:
Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Dhimmis waren nicht nur Juden. ... Allgemein ist die Dhimmi-Geschichte natürlich eine erhebliche Diskriminierung von religiösen Nichtmuslimen, betraf aber eben nicht nur eine Religion.
Richtig, allerdings: Untermenschen bei den Nazis waren auch nicht nur Juden.
Den Begriff "Untermensch" habe ich nicht grundlos gesondert in meine obige Frage aufgenommen. Der christliche Antisemitismus kam über 2 jahrtausende ohne den "Untermenschen" aus; dieser Begriff ist viel jünger, hat aber ebenfalls einen vorfaschistischen Ursprung, wie überhaupt die Nazis nichts selber zu erfinden brauchten in ideologischer Hinsicht. Es war alles schon da in Europa, in Deutschland.

Jaja, aber Du lenkst ab - mein Einwand ist offensichtlich unabhängig von der Frage, wann der Begriff "Untermensch" entstanden ist. Es ging darum, wie relevant Dein Hinweis, nicht nur Juden seien betroffen gewesen, überhaupt ist für die Frage, ob es bei den Arabern Antisemitismus gab.

Skeptiker hat folgendes geschrieben:
step hat folgendes geschrieben:
Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Sonderregelungen nur für Juden waren die Ausnahme (etwa beim fanatischen Almohadenherrscher Ya'qub al-Mansur).
Zur Widerlegung von Allbehauptungen reichen nun mal Ausnahmen.
Eine Allaussage habe ich aber nicht getroffen.

Doch, hier:
Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Unter dem Islam entstanden weder Antisemitismus ...

Aber egal - ich denke inzwischen, es geht Dir wohl vor allem um das Wort "Antisemitismus":

Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Ich habe schon hier und da gesagt, dass es im Islam auch Judenfeindschaft gab. Nur war sie nie vergleichbar mit dem Ideologiekomplex, den man als "Antisemitismus" bezeichnen kann.

Geht es Dir also vor allem um den Begrifft? Laut Wikipedia wird "Antisemitismus" tatsächlich speziell für die Sorte Antijudaismus verwendet, die im 19. Jahrhundert in Europa entstand und einen (pseudo-)biologischen Rassenkontext heranzog. Die Araber hatten damals keinen biologisch-phänotypischen Rassebgriff, obwohl auch sie die Juden als minderwertige Menschen betrachteten. Und sie lebten natürlich auch vor dem 19. Jahrhundert. Also würde ich demgemäß zustimmen, daß unter dem frühmittelalterlichen Islam kein Antisemitismus im neuzeitlichen Sinne, wohl aber Antijudaismus entstand.
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fwo
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Beitrag(#2152373) Verfasst am: 26.09.2018, 10:20    Titel: Antworten mit Zitat

step hat folgendes geschrieben:
...
Geht es Dir also vor allem um den Begrifft? Laut Wikipedia wird "Antisemitismus" tatsächlich speziell für die Sorte Antijudaismus verwendet, die im 19. Jahrhundert in Europa entstand und einen (pseudo-)biologischen Rassenkontext heranzog. Die Araber hatten damals keinen biologisch-phänotypischen Rassebgriff, obwohl auch sie die Juden als minderwertige Menschen betrachteten. Und sie lebten natürlich auch vor dem 19. Jahrhundert. Also würde ich demgemäß zustimmen, daß unter dem frühmittelalterlichen Islam kein Antisemitismus im neuzeitlichen Sinne, wohl aber Antijudaismus entstand.

Allerdings würde man dann auch den christlichen Judenhass der vorherigen Zeit nicht unter dem Begriff Antisemitismus subsummieren.
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step
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Wohnort: Germering

Beitrag(#2152374) Verfasst am: 26.09.2018, 10:26    Titel: Antworten mit Zitat

fwo hat folgendes geschrieben:
step hat folgendes geschrieben:
...
Geht es Dir also vor allem um den Begrifft? Laut Wikipedia wird "Antisemitismus" tatsächlich speziell für die Sorte Antijudaismus verwendet, die im 19. Jahrhundert in Europa entstand und einen (pseudo-)biologischen Rassenkontext heranzog. Die Araber hatten damals keinen biologisch-phänotypischen Rassebgriff, obwohl auch sie die Juden als minderwertige Menschen betrachteten. Und sie lebten natürlich auch vor dem 19. Jahrhundert. Also würde ich demgemäß zustimmen, daß unter dem frühmittelalterlichen Islam kein Antisemitismus im neuzeitlichen Sinne, wohl aber Antijudaismus entstand.

Allerdings würde man dann auch den christlichen Judenhass der vorherigen Zeit nicht unter dem Begriff Antisemitismus subsummieren.

Genau, das war mir auch neu - aber wenn es die Herren Historiker so wünschen ... vermutlich darf man jetzt Luther keinen Antisemiten mehr nennen
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fwo
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Beitrag(#2152375) Verfasst am: 26.09.2018, 10:30    Titel: Antworten mit Zitat

step hat folgendes geschrieben:
fwo hat folgendes geschrieben:
step hat folgendes geschrieben:
...
Geht es Dir also vor allem um den Begrifft? Laut Wikipedia wird "Antisemitismus" tatsächlich speziell für die Sorte Antijudaismus verwendet, die im 19. Jahrhundert in Europa entstand und einen (pseudo-)biologischen Rassenkontext heranzog. Die Araber hatten damals keinen biologisch-phänotypischen Rassebgriff, obwohl auch sie die Juden als minderwertige Menschen betrachteten. Und sie lebten natürlich auch vor dem 19. Jahrhundert. Also würde ich demgemäß zustimmen, daß unter dem frühmittelalterlichen Islam kein Antisemitismus im neuzeitlichen Sinne, wohl aber Antijudaismus entstand.

Allerdings würde man dann auch den christlichen Judenhass der vorherigen Zeit nicht unter dem Begriff Antisemitismus subsummieren.

Genau, das war mir auch neu - aber wenn es die Herren Historiker so wünschen ... vermutlich darf man jetzt Luther keinen Antisemiten mehr nennen

Mir ist es auch neu, aber ich lese gerade, dass es nicht nur die Historiker sind:
Nach Hannah Arendt ist „Antisemitism much more then Jew hatred“, denn Judenhass ist das Übel rassistischer Vorurteile im Gegensatz zum genozidalen Antisemitismus, der die Juden ausrotten will. Nach Arendt hat es Judenhass immer gegeben, auch im Islam. Antisemitismus ist aber ein neuzeitlicher Totalitarismus.
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Skeptiker
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Wohnort: 129 Goosebumpsville

Beitrag(#2152377) Verfasst am: 26.09.2018, 10:53    Titel: Antworten mit Zitat

step hat folgendes geschrieben:
Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Den Begriff "Untermensch" habe ich nicht grundlos gesondert in meine obige Frage aufgenommen. Der christliche Antisemitismus kam über 2 jahrtausende ohne den "Untermenschen" aus; dieser Begriff ist viel jünger, hat aber ebenfalls einen vorfaschistischen Ursprung, wie überhaupt die Nazis nichts selber zu erfinden brauchten in ideologischer Hinsicht. Es war alles schon da in Europa, in Deutschland.


Jaja, aber Du lenkst ab - mein Einwand ist offensichtlich unabhängig von der Frage, wann der Begriff "Untermensch" entstanden ist. Es ging darum, wie relevant Dein Hinweis, nicht nur Juden seien betroffen gewesen, überhaupt ist für die Frage, ob es bei den Arabern Antisemitismus gab.


Ich gedenke nicht, abzulenken, das ist nicht meine Absicht. Nur ist die "Untermenschen"-Ideologie etwas anderes.

Die Frage hier im thread ist nicht nur, ob es auch im Islam einen unabhängig entstandenen Antisemitismus gab, sondern - im Zusammenhang damit - wovon muslimische Jugendliche, die 'Relikritiker Wiesbaden' ins Spiel brachte denn nun beeinflusst sind. Wir wissen ja um den ideologischen Einfluss der Europäischen Kolonialisten und Nazis im nahen Osten, wir wissen um den Einfluss ihrer Propagandaschriften, die dort von den nationalen und religiösen Kräften wohl sehr aufmerksam rezipiert wurden.

step hat folgendes geschrieben:
Skeptiker hat folgendes geschrieben:
step hat folgendes geschrieben:
Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Sonderregelungen nur für Juden waren die Ausnahme (etwa beim fanatischen Almohadenherrscher Ya'qub al-Mansur).
Zur Widerlegung von Allbehauptungen reichen nun mal Ausnahmen.
Eine Allaussage habe ich aber nicht getroffen.

Doch, hier:
Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Unter dem Islam entstanden weder Antisemitismus ...

Aber egal - ich denke inzwischen, es geht Dir wohl vor allem um das Wort "Antisemitismus":

Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Ich habe schon hier und da gesagt, dass es im Islam auch Judenfeindschaft gab. Nur war sie nie vergleichbar mit dem Ideologiekomplex, den man als "Antisemitismus" bezeichnen kann.

Geht es Dir also vor allem um den Begrifft?


Exakt! Es geht mir um den Begriff und damit um die jeweiligen Wurzeln und Inhalte von Judenfeindschaft und Antisemitismus.

step hat folgendes geschrieben:
Laut Wikipedia wird "Antisemitismus" tatsächlich speziell für die Sorte Antijudaismus verwendet, die im 19. Jahrhundert in Europa entstand und einen (pseudo-)biologischen Rassenkontext heranzog. Die Araber hatten damals keinen biologisch-phänotypischen Rassebgriff, obwohl auch sie die Juden als minderwertige Menschen betrachteten. Und sie lebten natürlich auch vor dem 19. Jahrhundert. Also würde ich demgemäß zustimmen, daß unter dem frühmittelalterlichen Islam kein Antisemitismus im neuzeitlichen Sinne, wohl aber Antijudaismus entstand.


Wobei man die These aufstellen könnte, dass der europäische Antisemitismus eine qualitative Ausweitung des davor schon bestehenden christlichen Antijudaismus ist, während im Islam so eine Ausweitung gar nicht stattfand, sondern eher ein Herunterfahren antijüdischer (und antichristlicher) Ressentiments.

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Es gibt folgende Unterschiede, auf die ich hinweisen möchte, was die Gründe für Antijudaismus/Antisemitismus sein können:

a) Das Bild des Teufels/des Satans im Christentum und im Islam.
Diese Bilder waren unterschiedlich. Während im Christentum vom Satan quasi alle Übel dieser Welt ausgehen, steht der Satan im Islam für die Entfernung vom wahren Glauben, von *Gott*.
Besonders im europäischen Christentum wurden verschiedene Gruppen als Sündenböcke für Hungersnöte, Seuchen usw. verantwortlich gemacht als vom Satan besessen: Hexen, Juden, Ketzer und andere Gruppen.
Ich meine, dies ist ein Kern des Antisemitismus bis heute, allerdings heute unbewusst und dennoch christlich geprägt.

b) ökonomische Ressentiments.
Im europäischen Antisemitismus wurden den Juden vorgeworfen, sie seien Wucherer, Zinsschneider usw., wobei sie oft notgedrungen Berufe wie Händler und Gelehrte hatten. Im Islam gilt aber der Beruf des Händlers als sehr angesehen. Mohammed selber war Händler.

c) Biologistische bzw. sozialdarwinistische Ideologien, die im Zusammenhang mit der Ideologie des "Untermenschen" stehen, sind auch nur in der christlichen Welt entstanden und wurden ebenfalls u.a. auf Juden angewandt. Auch dies fehlt im Islam.

Somit muss man meiner Ansicht nach die speziellen Ressentiments muslimischer Jugendlicher mal genauer unter die Lupe nehmen, bevor man sie einfach vorschnell mit europäischem und eigentlichem Antisemitismus identifiziert. Denn dies könnte ein grober Kategorienfehler sein.

Eine Untersuchung hatte ich mal verlinkt.
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Keinem einzigen dieser Professoren, die auf Spezialgebieten der Chemie, der Geschichte, der Physik die wertvollsten Arbeiten liefern können, darf man auch nur ein einziges Wort glauben, sobald er auf Philosophie zu sprechen kommt. (Mark Twain)
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Beitrag(#2152378) Verfasst am: 26.09.2018, 10:53    Titel: Antworten mit Zitat

Skeptiker hat folgendes geschrieben:
Eine Allaussage habe ich aber nicht getroffen. Ich habe schon hier und da gesagt, dass es im Islam auch Judenfeindschaft gab. Nur war sie nie vergleichbar mit dem Ideologiekomplex, den man als "Antisemitismus" bezeichnen kann.

Dass sich der biologistische oder kulturalistische Antisemitismus nicht gesondert von Europa auch nochmal in den islamischen Ländern entwickelt hat, mag ja stimmen. Das heißt aber nicht, dass ein in Europa entstandener Antisemitismus nicht für heutige Muslime attraktiv sein oder Teil ihrer Überzeugungen werden könnte. Die Verbreitung einer Idee ist ja nicht das selbe wie ihre Genese. Die Judenfeindschaft, die es im Islam auch gab und gibt, kann diesbezüglich ohne Weiteres Nährboden sein. Zu argumentieren, dass ein Muslim nicht Antisemit sein könne, weil der Antisemitismus nicht originär zu seiner Religion oder seiner Kultur gehöre, ist selbst ein Kulturessenzialismus. Die historische Herkunft des Antisemitismus ist diesbezüglich eigentlich weniger interessant als seine historische Verbreitung bis in die Gegenwart.
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Beitrag(#2152383) Verfasst am: 26.09.2018, 11:10    Titel: Antworten mit Zitat

Skeptiker hat folgendes geschrieben:
...
Wobei man die These aufstellen könnte, dass der europäische Antisemitismus eine qualitative Ausweitung des davor schon bestehenden christlichen Antijudaismus ist, während im Islam so eine Ausweitung gar nicht stattfand, sondern eher ein Herunterfahren antijüdischer (und antichristlicher) Ressentiments.
...

Kann sein, dass diese These unter Kaffeehauskommunisten populär ist, aber das Gegenteil passiert.

Direkt über Deinem Post habe ich jemanden verlinkt, der Hannah Arendt zitiert. Der hat genau zu dem Thema nicht nur gelesen, sondern selbst gearbeitet. Als muslimischer Islamwissenschaftler syrischer Herkunft.
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Beitrag(#2152555) Verfasst am: 27.09.2018, 17:15    Titel: Antworten mit Zitat

Selbst seriöse Zeitungen ignorieren aber anscheinend diese Definition von Antisemitismus und mischen munter alle Ausdrücke mehr oder weniger synonym. So z.B. in der heutigen SZ:

SZ hat folgendes geschrieben:
Null-Toleranz gegen Judenhasser

Generalstaatsanwaltschaft hat jetzt einen Antisemitismusbeauftragten

Rechte Judenhasser wittern Morgenluft. In Bayern hat sich die Zahl rechtsextremistisch motivierter antisemitischer Delikte binnen vier Jahren nahezu verfünffacht ... Im laufenden Jahr registrierte die Münchner Polizei bisher 52 Delikte, darunter Waren auch zwei Serientäter. 30 Drohbriefe mit judenfeindlichen Parolen ...


Ich denke, für fast alle Menschen ist Antisemitismus und Judenfeindlichkeit dasselbe, nur Eingeweihte kennen den Unterschied. Hoffentlich weiß der neue Beauftragte, für welche Fälle genau er beauftragt ist.
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