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Wahlen in GB - oder: Warum nicht gleich würfeln?

 
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tillich (epigonal)
hat Spaß



Anmeldungsdatum: 12.04.2006
Beiträge: 21890

Beitrag(#2306208) Verfasst am: 05.07.2024, 23:45    Titel: Wahlen in GB - oder: Warum nicht gleich würfeln? Antworten mit Zitat

Irgendwie sind das merkwürdige Ergebnisse bei den Wahlen in GB.

Einerseits finde ich es ja nicht falsch, dass entgegen anderen Wahlergebnissen der letzten Zeit ein Land mal wieder eine etwas linkere Regierung bekommt.

Andererseits klaffen die Sitzverteilung im Parlament und das landesweite, prozentuale Wahlergebnis - das wir in Deutschland ja zunächst mal für das relevante Ergebnis zu halten gewohnt sind - so drastisch auseinander, dass ich mich frage, warum die Briten den ganzen Aufwand mit Wahlen betreiben, statt die Sitzverteilung einfach auszuwürfeln. Denn durch die Merkwürdigkeiten des Wahlsystems bedingt, kann ein Wähler kaum abschätzen, welches Ergebnis er mit seiner Stimmabgabe letztlich befördert.

Beispiele der Merkwürdigkeiten:
- Labour hat seinen Wähleranteil um 1,7 Prozentpunkte auf 33,8 % gesteigert, was einem Anstieg des Wähleranteils um ein gutes 20-stel entspricht. Die Zahl der Parlamentssitze konnte Labour dagegen mehr als verdoppeln.
- Dementsprechend hat Labour gerade mal ein Drittel der Wähler:innen für sich gewinnen können, aber fast eine Zweidrittelmehrheit im Parlament.
- Auf geringerem Niveau noch krasser ist die Veränderung bei den Liberaldemokraten: Sie haben sich bei den Wählerstimmen um 0,6 Prozentpunkten auf 12.2 Prozent verbessert, was ebenfalls etwa einem 20-stel entspricht, aber die Zahl ihrer Sitze von 8 auf 71 fast verneunfacht.
- Dementsprechend sind die Verluste an Sitzen bei den Konservativen und den schottischen Nationalisten größer, als es dem Verlust an Wählerstimmen entspricht (auch wenn der bei den Konservativen selbst schon drastisch ausfällt).
- Die Rechtspopulisten von Reform UK haben mit 14,3 % der Wählerstimmen zwar mehr Wählerstimmen als die Liberaldemokraten, aber nicht einmal ein 20-stel von deren Sitzen, nämlich nur 5.
- Ebenfalls 5 Sitze erreicht dagegen die nordirische, protestantische Democratic Unionist Party - mit lächerlichen 0,6 % der Wählerstimmen.

Das ist natürlich alles leicht erklärbar durch das relative Mehrheitswahlrecht, bei dem der Kandidat mit den meisten Stimmen das Mandat bekommt - auch wenn diese "meisten" gerade mal ein gutes Viertel sind wie in dem Wahlkreis, den Liz Truss an den Labourkandidaten verloren hat.
Dadurch werden idR die relativ größte Partei und Parteien mit klaren regionalen Hochburgen bevorzugt; Parteien, deren Wähler:innen einigermaßen gleichmäßig übers Land verteilt sind, werden dagegen benachteiligt.

Insgesamt führt das dazu, dass es zwischen Wählerstimmen und Sitzen im Parlament fast keinen sinnvollen Zusammenhang gibt; und damit kann ein:e Wähler:in auch kaum abschätzen kann, welche Folgen seine Stimmabgabe hat, da es von den Stimmen der anderen Wähler:innen abhängt, ob man mit der eigenen Stimme einem:r Kandidat:in ins Parlament verhilft oder seine Stimme effektlos in den Mülleimer geworfen hat.

Konkret bei dieser Wahl hat die Labour-Partei aufgrund dieses Systems einen sog. "Erdrutschsieg" eingefahren - der aber fast gar nicht auf mehr Wählerstimmen beruht, sondern fast auschließlich auf der (verdienten und erfreulichen) Implosion der Tories.

Mich lässt das ratlos zurück: Warum lassen die Briten das mit sich machen?
Auch in Großbritannien steht doch - letztlich fast genauso wie bei uns - bei einer Wahl die Regierungsbildung im Parlament im Vordergrund, während die Frage, welche konkrete Person den Wahlkreis vertritt, eine viel geringere Rolle spielt. Das Wahlsystem dagegen ist ausschließlich auf Letzteres ausgerichtet und ignoriert Ersteres.

Quelle:
https://www.theguardian.com/politics/ng-interactive/2024/jul/04/uk-general-election-results-2024-live-in-full
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Argeleb
Misanthropischer Humanist



Anmeldungsdatum: 02.01.2010
Beiträge: 2028

Beitrag(#2306210) Verfasst am: 06.07.2024, 09:41    Titel: Antworten mit Zitat

Ich stimme dir zu: Das Mehrheitswahlrecht taugt nichts. Was ich allerdings nicht verstehe, warum es dich ratlos zurücklässt, dass die Briten das mit sich machen lassen. Wir reden hier immerhin von den selben Briten, die sich aus freien Stücken für den Brexit entschieden haben.

Die selben Fragen kommen mir übrigens immer wieder in den Sinn, wenn ich mir das Wahlsystem der Amerikaner anschaue. Gruselig.
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Denny Crane!
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vrolijke
Bekennender Pantheist
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Anmeldungsdatum: 15.03.2007
Beiträge: 46497
Wohnort: Stuttgart

Beitrag(#2306213) Verfasst am: 06.07.2024, 11:19    Titel: Antworten mit Zitat

Argeleb hat folgendes geschrieben:
Ich stimme dir zu: Das Mehrheitswahlrecht taugt nichts. Was ich allerdings nicht verstehe, warum es dich ratlos zurücklässt, dass die Briten das mit sich machen lassen. Wir reden hier immerhin von den selben Briten, die sich aus freien Stücken für den Brexit entschieden haben.

Die selben Fragen kommen mir übrigens immer wieder in den Sinn, wenn ich mir das Wahlsystem der Amerikaner anschaue. Gruselig.


Haben die nicht so "Wahlmänner" zwischengeschaltet?
Ich habe mal gehört, dass die Wahlmänner zwischengeschaltet wurden um zu verhindern, dass irgendwelche "Irren" Präsident werden können.
(Ich kann aber nichts darüber finden. Das wird wohl nicht so ganz stimmen).
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Argeleb
Misanthropischer Humanist



Anmeldungsdatum: 02.01.2010
Beiträge: 2028

Beitrag(#2306231) Verfasst am: 07.07.2024, 09:37    Titel: Antworten mit Zitat

vrolijke hat folgendes geschrieben:

Ich habe mal gehört, dass die Wahlmänner zwischengeschaltet wurden um zu verhindern, dass irgendwelche "Irren" Präsident werden können.

Wenn das stimmt, wäre das schon ein sehr bitterer Treppenwitz der Geschichte.

Aber zurück zu den Briten: Starmer hat ja bereits gesagt, er strebe keine Rückabwicklung des Brexits an. Für wie wahrscheinlich haltet ihr die Möglickeit, dass die Briten wieder der EU beitreten wollen?
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tillich (epigonal)
hat Spaß



Anmeldungsdatum: 12.04.2006
Beiträge: 21890

Beitrag(#2306244) Verfasst am: 07.07.2024, 15:30    Titel: Antworten mit Zitat

Argeleb hat folgendes geschrieben:
vrolijke hat folgendes geschrieben:

Ich habe mal gehört, dass die Wahlmänner zwischengeschaltet wurden um zu verhindern, dass irgendwelche "Irren" Präsident werden können.

Wenn das stimmt, wäre das schon ein sehr bitterer Treppenwitz der Geschichte.

Aber zurück zu den Briten: Starmer hat ja bereits gesagt, er strebe keine Rückabwicklung des Brexits an. Für wie wahrscheinlich haltet ihr die Möglickeit, dass die Briten wieder der EU beitreten wollen?

Kurzfristig halte ich das für ausgeschlossen. Eine so klare Entscheidung der Wähler:innen in einer Abstimmung ignoriert man nicht einfach. Jede Partei dürfte auch Brexit-Befürworter unter ihren Anhänger:innen haben, die sie dadurch von sich wegtreiben würden, und das wahrscheinlich ohne andere zu gewinnen.

Längerfristig könnte das anders aussehen. Wenn eine gemächliche Annäherung stattfindet, die Zahl der Leute, die das ganze für einen Fehler halten, wächst, und man eine Entscheidung mit ähnlicher Legitimationsgrundlage anstrebt (will sagen, eine erneute Volksabstimmung), könnte der Prozess vielleicht in 10 Jahren beginnen. Wenn alles glatt läuft.
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VanHanegem
Weltmeister



Anmeldungsdatum: 24.04.2006
Beiträge: 3014

Beitrag(#2306247) Verfasst am: 07.07.2024, 18:13    Titel: Antworten mit Zitat

tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
Kurzfristig halte ich das für ausgeschlossen. Eine so klare Entscheidung der Wähler:innen in einer Abstimmung ignoriert man nicht einfach. Jede Partei dürfte auch Brexit-Befürworter unter ihren Anhänger:innen haben, die sie dadurch von sich wegtreiben würden, und das wahrscheinlich ohne andere zu gewinnen.

Sehe ich auch so. Zwar halte ich knappe 52% nicht für eine besonders "klare" Entscheidung, aber eine Volksabstimmung im 10-Jahres Rhytmus zu wiederholen bis das gewwünschte Ergebnis rauskommt hielte ich auch für unseriös.


tillich (epigonal) hat folgendes geschrieben:
Längerfristig könnte das anders aussehen. Wenn eine gemächliche Annäherung stattfindet, die Zahl der Leute, die das ganze für einen Fehler halten, wächst, und man eine Entscheidung mit ähnlicher Legitimationsgrundlage anstrebt (will sagen, eine erneute Volksabstimmung), könnte der Prozess vielleicht in 10 Jahren beginnen. Wenn alles glatt läuft.

Diese Annäherung wird von beiden Seiten erfolgen. Einerseits steckt die EU im Zuge weiterer Stimmengewinne rechter Parteien mit Eingriffen in innere Angelegenheiten der Mitgliedsländer zurück, andererseits wächst allseitiges Interesse an freiem Handel und Zusammenarbeit.
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Critic
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Wohnort: Arena of Air

Beitrag(#2306279) Verfasst am: 08.07.2024, 22:56    Titel: Antworten mit Zitat

(1) Wahlsysteme sind ja nun einmal auch aufgrund von politischen Zielsetzungen ihrer Zeit gestaltet. Mag ja sein, daß das System im 19.Jahrhundert aus der Sicht der damals dominierenden Konservativen und Liberalen Sinn ergab: Der Zuschnitt der Wahlkreise stammte zudem noch aus einer Zeit, in denen es noch fast keine Industrie gab. Es gab vielleicht auch schon relativ viele Sozialisten, die lebten aber relativ konzentriert in den industriellen Regionen, die im Verhältnis zum gesamten Land relativ klein waren. Also gab es letztlich auch nur wenige sozialistische Abgeordnete, damit konnte man leben. Und als dann nach dem 1.Weltkrieg erstmals die Sozialdemokraten die Mehrheit bekamen, hatten sie ja auch kein Interesse, das System zu ändern, weil ja ein Wahlsieg auch für sie jetzt möglich war.

Klar, das System hat Vor- und Nachteile: Landesweite große Volksparteien und relativ konzentrierte regionale Interessen können Abgeordnete reinbringen, aber z.B. landesweite kleinere (populistische?) Parteien erst einmal nicht. Aber wenn Zustimmung sich massiv verschiebt oder Parteien wenigstens die richtige Taktik finden, dann könnte das auch zu einem massiven Problem werden, mit einem Schlag viele Abgeordnete reinkommen und eine Regierungsarbeit "an ihnen vorbei" sehr erschweren.

(Als böses Beispiel erinnere ich mich gerade an die erste Wahl in Südafrika nach dem 2.Weltkrieg: Die Wahl stand zwischen einem Parteienbündnis, das zumindest eine weniger radikale Position in Bezug auf die Rechte der Schwarzen vertrat oder vielleicht auch die Notwendigkeit einer langfristigen Verbesserung sah (die Darstellungen unterscheiden sich da etwas) - und somit auch tatsächlich viele Anhänger unter sog. "Mischlingen" hatte, und einem Bündnis, welches das "Apartheid"-System erst richtig aufbauen wollte. Ersteres hatte deutlich mehr Wählerstimmen - an die 10% mehr -, aber Letzteres hatte deutlich mehr Abgeordnete. Man hatte sich halt strategisch auf das "platte Land" konzentriert, wo es deutlich mehr Wahlkreise zu gewinnen gab. Und man hat dann mit dieser Parlamentsmehrheit auch das politische System so umgemodelt, daß die Macht für die nächsten Jahrzehnte nicht ernsthaft bedroht war. Mit dem Ergebnis, daß dann für 45 Jahre in Südafrika das "Apartheid"-System verankert war. -- Parlamentswahl in Südafrika 1948)


(2) Eine Beobachtung zu diesem Jahr: Die Wählerschaft der Konservativen ist dort besonders stark kollabiert, wo seinerzeit die Mehrheit für den Ausstieg aus der EU gestimmt hatte. Und gehen wir auch davon aus, daß auch die "Reform"-Party gerade dort auch massiv angestiegen ist. Die Konservativen hatten populistisch agitiert, das Versprechen aber nicht halten können: Der "Brexit" hat letztlich zu bizarren Regelungen geführt (z.B. Zollgrenzen innerhalb des UK). Noch dazu ist das Geld, das vermeintlich an die EU gezahlt wurde, eben nicht im seit Jahrzehnten immer weiter kaputtgesparten Gesundheitsysstem gelandet (da hatte man ja sogar direkt nach der Abstimmung gegeben, daß man schlichtweg die Leute belogen hatte).

Den Leuten dort geht es noch immer schlecht, obwohl doch die ach so drückende EU nicht mehr die Vorschriften macht - die Probleme haben sich doch tatsächlich als hausgemacht herausgestellt, sie liegen beispielsweise in der Umverteilung von Ressourcen aus strukturschwachen Regionen zugunsten der "Leuchtturmregionen".

Jedenfalls zeigt das ja, daß es sich nicht (oder immer nur kurzfristig) lohnt, populistisch zu argumentieren, das kann ja höchstens Dinge zerstören. Und auch Nigel Farage, der es nun ja im m.W. siebten Anlauf geschafft hat, ins Parlament zu kommen, wird da auch nichts aufbauen können. Er hat aber dennoch bereits demonstriert, daß man mit populistischer Agitation binnen relativ kurzer Zeit trotzdem viel langfristigen Schaden anrichten kann.

Andererseits ist mir auch aus der Wahlnacht ein Interview auf dem BBC-Stream erinnerlich, den ich da noch zeitweise draufhatte, bevor ich mich bis frühmorgens ausgeklinkt habe: Eine Ministerin der nunmehr abgewählten Regierung meinte, die Konservativen hätten die falsche Taktik verfolgt, und sie meinte, man hätte doch besser weiter rechts sein sollen. Dabei war das ja eine Katastrophe, die ja selbst die Finanzmärkte, die ja notorisch konservativ zu sein scheinen, ins Chaos stürzte. Andererseits ist ja die Extremisierung einer der großen Parteien ein Merkmal für eine bedrohte Demokratie. Siehe beispielsweise die Entwicklung der US-Republikaner in den letzten Jahrzehnten.
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Dann bin ich halt bekloppt. Mit den Augen rollen

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Tarvoc
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Beitrag(#2306288) Verfasst am: 09.07.2024, 07:03    Titel: Antworten mit Zitat

Critic hat folgendes geschrieben:
Also gab es letztlich auch nur wenige sozialistische Abgeordnete, damit konnte man leben.

Lachen Ich liebe alles an diesem Satz. Mr. Green
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tillich (epigonal)
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Beitrag(#2306308) Verfasst am: 09.07.2024, 15:48    Titel: Antworten mit Zitat

Critic hat folgendes geschrieben:
(2) Eine Beobachtung zu diesem Jahr: Die Wählerschaft der Konservativen ist dort besonders stark kollabiert, wo seinerzeit die Mehrheit für den Ausstieg aus der EU gestimmt hatte. Und gehen wir auch davon aus, daß auch die "Reform"-Party gerade dort auch massiv angestiegen ist. Die Konservativen hatten populistisch agitiert, das Versprechen aber nicht halten können: Der "Brexit" hat letztlich zu bizarren Regelungen geführt (z.B. Zollgrenzen innerhalb des UK). Noch dazu ist das Geld, das vermeintlich an die EU gezahlt wurde, eben nicht im seit Jahrzehnten immer weiter kaputtgesparten Gesundheitsysstem gelandet (da hatte man ja sogar direkt nach der Abstimmung gegeben, daß man schlichtweg die Leute belogen hatte).

Das Bittere ist aber eben, dass nicht etwa eine relevante Anzahl von Wähler:innen eingesehen hätte, dass Populisten nicht ihre Interessen vertreten, und dementsprechend weniger populistische Politiker:innen gewählt hätte. Vielmehr haben sie Leute gewählt, die eine noch stärker populistische Politik verfolgen. Wobei diesmal zufällig die weniger populistischen Kandidat:innen die lachenden Dritten sind.
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Wilson
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Beiträge: 20483
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Beitrag(#2306313) Verfasst am: 09.07.2024, 16:04    Titel: Antworten mit Zitat

Ich hör immer und überall böser Populismus....

Zitat:
Die Beliebigkeit des Populismusbegriffs ist aber nicht nur ein akademischer Lapsus, sondern ein handfestes Problem – für die Demokratie und den politischen Diskurs. Obwohl es ihn nicht gibt, richtet dieser Yeti ernsten Schaden an.
(...)
Kaum eine politische Debatte kommt heutzutage ohne den Begriff des Populismus aus. Dabei ist er nicht nur nichtssagend, sondern auch schädlich.

Der Populist ist der Yeti der politischen Debatte – alle sprechen über ihn, aber wirklich gesehen hat ihn noch niemand. Für die einen ist ein Populist ein Mensch, der gegen Eliten und das Establishment ist. Der Populist stilisiert sich in diesem Fall als Vertreter des wahren Willens des Volkes – gegenüber einer korrupten Elite. Für andere ist Populismus vor allem ein polarisierender, emotionaler und simplifizierender Kommunikationsstil oder einfach nur eine Ideologie ohne inhaltlichen Kern. Politische Bewegungen zugeschnitten auf eine Führungsperson sind für viele ein weiterer Wesenszug des Populismus.

Diese Definitionsversuche haben eines gemeinsam: Sie sagen praktisch nichts aus. Träfen sie zu, dann wären fast alle Politikerinnen und Politiker Populisten. Elitenkritik ist Teil von Demokratie. Die Behauptung, Interessensvertreter des Volkes zu sein, gehört in das Standardrepertoire der politischen Auseinandersetzung. Vereinfachung ist ein notwendiges Stilmittel, um komplexe Sachverhalte zur öffentlichen Diskussion zu stellen. Emotionen gehören genauso zur Politik wie das rationale Argument. Die Beliebigkeit des Populismusbegriffs ist aber nicht nur ein akademischer Lapsus, sondern ein handfestes Problem – für die Demokratie und den politischen Diskurs. Obwohl es ihn nicht gibt, richtet dieser Yeti ernsten Schaden an.

Der Begriff Populismus verschleiert Angriffe auf die Demokratie. Bei Donald Trump – gemeinhin der Prototyp eines Populisten – ist es weniger ein Problem, dass er vereinfacht, sich als Vertreter der stillen Mehrheit stilisiert oder polarisiert. Das Problem ist, dass er die Demokratie angreift. Er erkennt das Ergebnis demokratischer Wahlen nicht an, diskreditiert Medien, verunglimpft Gerichte und würdigt Minderheiten herab. Dies sind Frontalangriffe auf den Kernbestand der US-amerikanischen Demokratie, die aber hinter der Einordnung Trumps als Populisten verschwimmen. Die Bezeichnung „Populist“ suggeriert, dass Trump etwas Populäres oder Volksnahes tut – nicht etwas Antidemokratisches.

Der Begriff Populismus verharmlost aber nicht nur Angriffe auf Demokratie, er spaltet auch und schwächt damit die Demokratie. Es ist der Hauptzweck des Populismusvorwurfs, die andere Seite zu diskreditieren. Der Vorwurf soll die andere Seite etwa als wissenschaftsfremd, anfällig für einfache Botschaften, undemokratisch oder irgendwie unappetitlich abwerten. Er suggeriert einen Gegensatz zwischen dem vernünftigen und liberalen Teil der Gesellschaft und einem frustrierten und emotionalisierten Teil. Diese „Achse von Populismus und Anti-Populismus“ ist mittlerweile eine der großen Trennlinien in westlichen Demokratien.

Ironischerweise pflegt auch der liberale Teil des politischen Spektrums diese Trennlinie. Der Begriff Populismus ist hier weitverbreitet. Übliche Reaktionen auf Populismus sind Formulierungen wie „die Bürger müssen abgeholt werden“ oder „ihre Ängste und Sorgen müssen ernst genommen werden“ –, was in der Regel den unausgesprochenen Subtext beinhaltet, dass diese Sorgen eigentlich unbegründet oder gar fehlgeleitet seien. Dieser pädagogische Politikstil baut keine Brücken, sondern er trennt.

Eine andere Form dieses Paternalismus sind politische Strategien, die maßgeschneidert auf populistische Herausforderungen reagieren sollen. Mit ihrem pädagogischen Blick auf Mitbürger vertiefen auch sie Trennlinien und erschweren offene Debatten auf Augenhöhe. Sie laden dazu ein, über die andere Seite zu sprechen, aber nicht mit ihr. Sie helfen damit ausgerechnet denen, die eine offene Sachdebatte meiden und von den schrillen Gegensätzen der Populismusdebatte leben.

(...)Wenn die Zerschlagung des Establishments einen Populisten definiert, dann wäre Macron einer der erfolgreichsten seiner Generation. Er hat die französische Parteienlandschaft durcheinandergewirbelt. Wenn aber fast überall Populisten lauern, dann erscheint Demokratie von allen Seiten auf diffuse Weise angegriffen. Das verunsichert und macht orientierungslos.

Schließlich untergräbt der Populismus einen Pfeiler von Demokratie: Pluralismus. Der Begriff Populismus suggeriert, dass eine Meinung außerhalb des demokratischen Spektrums steht. Demokratie ist aber ein großes Zelt, in dem sehr viele Meinungen Platz haben. Nur extremistische Positionen, die etwa Hetze gegen Minderheiten oder die Ablehnung demokratischer Institutionen beinhalten, sind undemokratisch und befinden sich deshalb außerhalb des Zeltes. Nationale Gesetze, das Völkerrecht und Resolutionen der UN-Generalversammlung definieren die Grenzen des demokratischen Spektrums auf ziemlich zuverlässige Weise. In seiner Pauschalität und Diffusität geht der Populismusvorwurf aber weit über diese Grenzen hinaus. Damit verengt er das Spektrum zulässiger demokratischer Meinungen und unterläuft Pluralismus.

Der Populismusbegriff ist aber nicht nur schädlich, sondern auch überflüssig. Für die Eigenschaften, die Populisten vorgeworfen werden, gibt es präzisere und politisch schlagkräftigere Begriffe. So ist Antipluralismus die deutlich bessere Bezeichnung, wenn es darum geht, den Alleinvertretungsanspruch des Volkswillens zu beschreiben
(...)


Artikel hier:
https://www.ipg-journal.de/rubriken/demokratie-und-gesellschaft/artikel/der-yeti-der-politik-6267/
Plattform der Friedrich Ebert Stiftung, da gibt's ja wohl nix zu meckern.


Hier noch ein Interview dazu:

https://web.archive.org/web/20170809072832/https://derstandard.at/2000062428651/Die-Kritik-am-Populismus-ist-inhaltslos


Zitat:
Marchart: Beim Philosophen Karl Marx findet sich die wunderbare Bezeichnung von Demokratie als "Regime der Unruhe". Diese Unruhe entsteht, weil in einer Demokratie – im Unterschied zu autoritären Regierungsformen – der politische Streit auf öffentlicher Bühne ausgetragen wird. Konflikt ist in der Demokratie legitim. Die Gesellschaft befindet sich in einem ständigen Aushandlungsprozess. Es gibt keinen starken Mann als Instanz der Letztentscheidung. Es ist nicht einfach, mit dieser von Demokratie erzeugten politischen Unruhe zu leben. Daher benötigt politische Verunsicherung soziale Absicherung. - derstandard.at/2000062428651/Die-Kritik-am-Populismus-ist-inhaltslos
STANDARD: Es ist also ein Modell, das genau jene Voraussetzung brauchen würde, die Sie vorhin als den herrschenden Konflikt beschrieben haben: die auseinanderbrechenden ökonomischen Grundlagen. Marchart: Genau. Wenn soziale Sicherheiten aufgekündigt werden, gerät die Demokratie selbst in Gefahr. Dann wird das Regime der Unruhe infrage gestellt, und es wird nach neuen Sicherheiten gesucht. Etwa dem starken Mann, der diese Sicherheiten zu geben verspricht. (...)

www.derstandard.at/2000062428651/Die-Kritik-am-Populismus-ist-inhaltslos


Lesenswert.
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vrolijke
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Beiträge: 46497
Wohnort: Stuttgart

Beitrag(#2306314) Verfasst am: 09.07.2024, 19:26    Titel: Antworten mit Zitat

Auch ein interessanter Artikel über Populismus:

https://www.swr3.de/aktuell/fake-news-check/populismus-erkennen-tricks-mai-think-x-100.html

Zitat:
Populismus-Trick 1: Die schweigende Mehrheit
Beispiel:
Jetzt ist der Punkt erreicht, wo endlich die schweigende große Mehrheit dieses Landes sich die Demokratie wieder zurückholen muss!

Hubert Aiwanger, (demokratisch gewählter) stellvertretender Ministerpräsident von Bayern
Erklärung:
„Wir – das Volk“? Was tun, wenn man eigentlich in der Minderheit ist, seine Ansichten aber für die der Mehrheit verkaufen möchte? Man greift auf „die schweigende Mehrheit“ zurück. Also Menschen wie du und ich, die nicht auf Bühnen stehen, sondern einen normalen Job haben und ein Leben abseits der medialen Öffentlichkeit führen. Und das sind nunmal die allermeisten in der Gesellschaft. Die Minderheit behauptet dann, dass diese schweigende Mehrheit von der Politik nicht gehört wird und eigentlich auch die Ansichten der Minderheit teilen, es aber eben nicht sagen. Und schon hat eine kleine Minderheit eine riesige Anhängerschaft – dazugedichtet.


Zitat:
Populismus-Trick 3: Ad Hominem: Der Angriff
Beispiel:
Isst kein Salz, isst keinen Zucker, trinkt keinen Alkohol, hat keine Freundin. Was hat er [Karl Lauterbach] dann vom Leben?

Wolfgang Kubicki in der Süddeutschen Zeitung


Zitat:
Populismus-Trick 4: Der Strohmann
Beispiel:
Wenn der Herr Özdemir mir vorschreiben will, dass ich keinen Zucker mehr in meinen Kaffee tun soll [...]

Uli Hoeneß im BR-Sonntags-Stammtisch
Erklärung:
Der Gegenseite wird eine Position unterstellt, die sie eigentlich gar nicht vertritt. Man verzerrt das ursprüngliche Argument so lange, bis nur noch über dieses neue Argument diskutiert wird; den Strohmann. Und das ist meist ziemlich weit weg von der Ausgangslage. So kann man leichter Recht behalten.




Und so weiter und so weiter.

https://www.youtube.com/watch?v=GtBnj3Z3eO4
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wolle
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Anmeldungsdatum: 23.03.2015
Beiträge: 3967

Beitrag(#2306339) Verfasst am: 11.07.2024, 13:06    Titel: Antworten mit Zitat

https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/aus-aller-welt/england-lokalwahl-bradford/ schrieb:
Zitat:
Doch die Gewinne der offen als Vertreter eines politischen Islam auftretenden „Unabhängigen“ dürften die Strategen in den Parteizentralen mittelfristig weitaus mehr beschäftigen als alles andere an diesen Wahlen.

https://x.com/i/status/1786734683369164953 schrieb:
Zitat:
The English city of Bradford has a 30.5% Muslim population while Christian’s make up 33.4%.

Dies zeigt unsere Zukunft auf, basierend auf den unterschiedlichen Geburtenraten.
https://www.tichyseinblick.de/kolumnen/aus-aller-welt/england-lokalwahl-bradford/ schrieb:
Zitat:
Die wahre Konkurrenz für Labour sind die „Unabhängigen“ und die Workers Party of Britain, die ebenfalls wieder einen lokalen Erfolg in Rochdale erringen konnte – erneut mit gazafreundlichen Kandidaten.

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72. Generalversammlung der Vereinten Nationen, Presse-Mitteilung
http://www.un.org/en/ga/72/presskit/pdf/full_kit72_en.pdf
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Beitrag(#2306340) Verfasst am: 11.07.2024, 15:41    Titel: Antworten mit Zitat

wolle hat folgendes geschrieben:
Dies zeigt unsere Zukunft auf, basierend auf den unterschiedlichen Geburtenraten.

Das ist äußerst unwahrscheinlich. Die Geburtenraten gleichen sich aller Erfahrung nach innerhalb relativer kurzer Zeit, nach ein bis zwei Generationen, weitgehend an.

Weitaus relevanter für die Geburtenrate sind Bildung, soziale Sicherheit in der Gesellschaft u.dgl.
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